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U.S. President Donald Trump speaks during a campaign rally at Fayetteville Regional Airport in Fayetteville, North Carolina, U.S., November 2, 2020. REUTERS/Carlos Barria Foto: REUTERS
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Wahlen in den USA "Ich konnte Trump nicht entfliehen"

Emily Schultheis

Die amerikanische Journalistin Emily Schultheis kam vor vier Jahren nach Deutschland - auch, um Trump zu entfliehen. Warum das nicht funktioniert hat. Ein Essay.

Während meines Bewerbungsgesprächs für das Fellowship, das mich vor mittlerweile vier Jahren nach Deutschland brachte, wurde ich von einer der Interviewerinnen gefragt, warum ich meinen Job als Reporterin in Washington, D.C., aufgeben wollte, um ein Jahr im Ausland zu verbringen (Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass es nur bei einem Jahr bleiben würde). „Ich hoffe, der Grund dafür ist nicht, dass sie Trump entfliehen wollen“, sagte sie. „Denn das wird Ihnen in Deutschland nicht gelingen.“

Als politische Reporterin saß ich 2017 im Auge des Sturms

Das Gespräch fand Ende Februar 2017 statt, gerade einmal einen Monat nach Trumps Amtsantritt. Als Online-Reporterin für CBS News war mein Job damals, jede Entwicklung im Minutentakt zu dokumentieren: Jede Umfrage, jeder Mini-Skandal und vor allem jeder Tweet wurde auf unserer Webseite zu einer eigenen Geschichte verarbeitet. Ich erinnere mich noch daran, dass ich dachte, die Interviewerin müsse falsch liegen: Natürlich würde ein Umzug nach Deutschland doch zumindest ein bisschen Distanz zwischen mich und den politischen Sturm bringen, der über Washington gezogen ist. Wie schlimm kann es dort werden, verglichen mit der Situation hier?

Werfe ich heute einen Blick zurück, kann ich verstehen, was sie meinte. Es mag zwar einen Unterschied geben, weil ich heute nicht mehr über jeden von Trumps Tweets schreiben muss (und mit der Zeitumstellung kommen die Tweets erst gegen Mittag und nicht schon früh am Morgen) – aber nach Deutschland zu ziehen ermöglicht es definitiv nicht, Trump zu entfliehen oder ihn komplett auszublenden, nicht einmal ansatzweise.

Es sind die ersten Präsidentschaftswahlen, über die ich nicht berichte

Die alltäglichen Details der präsidentiellen Eskapaden in Washington erscheinen nahezu ununterbrochen in deutschen Medien, vor allem in diesen letzten Wochen vor dem Wahltag, und das in einem Ausmaß, dass man kaum US-Medien verfolgen muss, um auf dem Laufenden zu bleiben. Eine amerikanische Staatsbürgerin zu sein, und noch dazu eine Reporterin, die über US-Politik berichtete, geht außerdem damit einher, dass man zu einer ständigen Erklärerin darüber wird, was auf der anderen Seite des Atlantiks vor sich geht, auch wenn man selbst nicht immer eine gute Antwort darauf hat.

Die Präsidentschaftswahlen dieses Jahr sind die ersten meines Erwachsenenlebens, über die ich nicht selbst berichte. Aber während nahezu der gesamten Amtszeit von Trump im Ausland zu leben, hat mir eine völlig andere politische Sichtweise ermöglicht. Durch meine Interaktionen mit Deutschen und anderen Europäern verstehe ich nicht nur die weltweite Faszination und Fassungslosigkeit über Trump besser, sondern auch das Ausmaß des Schadens, den das Vertrauen in Amerika und das US-Image genommen haben.

Ich wurde ungewollt zur Trump-Erklärerin - dabei verstehe ich vieles selbst nicht

Als ich im Sommer 2017 nach Deutschland kam, schien die deutsche Öffentlichkeit vereint in ihrer Abneigung gegen Trump. Die allgemeine Wahrnehmung schien zu sein, dass es sich hier um eine Art Anomalie, einen Ausreißer handeln müsse, und als Resultat daraus wollten viele von mir wissen, wie so etwas passieren konnte. Die deutsche Politik schien im Gegensatz dazu zuerst die Auswirkungen auf das transatlantische Verhältnis und Amerikas Rolle in der Welt nicht wahrhaben zu wollen.

Dieses Wohlwollen gegenüber den USA hat sich aber schnell erschöpft. Schon Mitte 2018 konnten deutsche Politiker die neue transatlantische Realität nicht mehr verleugnen: Angesichts einer Reihe von Entscheidungen, die sie als völlig unverständlich empfanden, machte sich bei vielen eine Fassungslosigkeit breit – beispielsweise die Austritte aus dem Nuklearabkommen mit dem Iran und dem Pariser Klimaabkommen oder die Einsetzung von John Bolten als Nationaler Sicherheitsberater. Als Folge daraus erzählten mir Politiker und Beamte des Außenministeriums, dass sie sich mit der Realität anfreunden müssten, nicht mehr länger auf die USA zählen zu können – eine Dynamik, die, sogar wenn Joe Biden nächste Woche gewinnen würde, nicht einfach umzukehren sein wird.

Bei der AfD hatte ich als Amerikanerin in Deutschland einen Vorteil

Passenderweise stellen meine Erfahrungen mit Wählern und Politikern von rechten Parteien eine Ausnahme dar: Viele entpuppen sich als Trump-Fans, oder glauben zumindest, dass seine Amtszeit von Erfolg gekrönt war, weil die Aktienmärkte auf Rekordkurs stiegen und er die USA in keine neuen Kriege führte. Manchmal, so auch auf einer Pegida-Demo letzten Sommer in Dresden, hat mir die Tatsache, Amerikanerin zu sein, sogar geholfen, Zugang zu Leuten zu bekommen, die normalerweise Journalisten gegenüber eher reserviert sind. Und manche vergleichen die aus ihrer Sicht voreingenommenen und parteiischen Medien in Deutschland mit der ihrer Meinung nach ebenfalls unfairen medialen Behandlung von Trump („Wenigstens gibt es Fox News in Amerika“, erkläre mir in diesem Zusammenhang ein AfD-Politiker im Herbst).

Amerikaner unterschätzen sehr oft das Ausmaß, mit dem sich der Rest der Welt mit US-Politik beschäftigt. Es war zwar immer schon so, dass die Welt der US-Politik mehr Aufmerksamkeit schenkt als umgekehrt, vor allem weil unsere Wahlen mehr Einfluss auf das Leben von Menschen in allen Ecken des Globus haben, aber unter Trump ist diese Entwicklung nahezu explodiert.

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Zuerst hat mich nicht nur diese Aufmerksamkeit an sich überrascht, sondern vor allem auch, wie detailorientiert und umfassend die Beschäftigung mit den Untiefen der US-Politik in Deutschland ist – von der tiefgehenden Berichterstattung zu den Midterm-Wahlen im Jahr 2018 über die Neugier über bestimmte Politiker und Gesetze bis hin zu zufälligen Gesprächen, die ich von Zeit zu Zeit mithöre, wie jenes in einem Sushi-Restaurant in Berlin Mitte zwischen zwei Männern in Anzügen, die angeregt über Stormy Daniels und die explosiven Enthüllungen des kontroversen Buchs „Fire and Fury“ diskutierten.

Ich konnte Donald Trump nicht entkommen

Das bedeutet natürlich auch, dass viele über US-Politik sprechen wollen, wenn sie eine Amerikanerin treffen. Bis zu einem gewissen Ausmaß ist das Erklären seines Heimatlandes ja auch ein inhärenter Teil der Erfahrung, im Ausland zu leben. Aber im Laufe meiner Zeit in Deutschland wurden diese Konversationen häufiger – über Trump und warum er gewählt wurde, natürlich, aber immer mehr auch über die tiefen strukturellen Probleme in den USA, die für viele Europäer unverständlich sind: unser Gesundheitssystem, Schulden wegen Studiendarlehen oder die überbordende Waffengewalt. Und mit einer immer stärker werdenden Dringlichkeit über die Frage, ob Trump noch einmal gewinnen kann, ob Joe Biden als Gegenkandidat gut genug ist, um ihn zu schlagen, und über die Briefwahl inmitten einer Pandemie.

Es ist eine seltsame Rollenumkehrung: von jemandem, dessen Job es ist, herauszufinden, warum die Dinge in den USA so sind wie sie sind, zu derjenigen, von der erwartet wird, die Antworten bereits parat zu haben und diese den Leuten um sie herum darzulegen (und das auch noch auf Deutsch). Ich bin nicht immer sicher, wie ich antworten soll: Je drängender der Wunsch der Leute nach einer Erklärung oder einer klaren Antwort ist, umso weniger fühle ich mich – dreieinhalb Jahre nachdem ich aus der Washingtoner Politikmaschine ausgestiegen bin – als jemand, der wirklich aus erster Hand erzählen kann, was und warum es passiert.

Ich wachte mitten in der Nacht auf und schaute die Debatte

Letzte Woche wachte ich mitten in der Nacht kurz nach drei Uhr auf. Ich hatte bisher die Debatten der Präsidentschaftskandidaten vermieden, aber ich wusste, dass gerade eben die letzte Konfrontation begonnen hatte – und dass ich nicht mehr wieder schlafen könnte, ohne eingeschaltet zu haben. Im Dunkel der Berliner Nacht, immer noch im Bett, suchte ich einen Livestream auf meinem Handy und verfolgte die Debatte bis zum Ende.

Eine Debatte mitten in der Nacht anzusehen mag nicht so intensiv sein, wie darüber zu berichten, aber es zeigt auch, dass der US-Präsident immer noch in meinem Kopf umherschwirrt, und das zu jeder Tageszeit. Und sogar, wenn ich nicht aufgewacht wäre und die Debatte live gesehen hätte, die Schlagzeilen und morgendlichen Newsletter der deutschen Zeitungen am folgenden Vormittag wären ohnehin voll mit Analysen und Berichten darüber gewesen. Trump in Deutschland entfliehen? Unmöglich. 

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