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Der Tanker MT Mercer Street wurde vor wenigen Tagen von Drohnen angegriffen. Zwei Crewmitglieder starben. Foto: Karim Sahib/AFP
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Vorfälle im Persischen Golf Neue Runde im Schattenkrieg zwischen Israel und dem Iran

Israel und der Iran liefern sich auch auf See einen Schlagabtausch. Wie gefährlich ist die Konfrontation - und stellt sie den Atomdeal infrage?

Der sogenannte Schattenkrieg zwischen Iran und Israel hat eine neue Eskalationsstufe erreicht – und könnte die internationale Gemeinschaft zum Einschreiten zwingen. Die mutmaßlich iranische Drohnenattacke am vergangenen Donnerstag auf die MV Mercer Street, ein von einer israelischen Firma betriebenes Schiff, forderte erstmals zivile Todesopfer: Ein britisches und ein rumänisches Crewmitglied kamen ums Leben.

Während die betroffenen Staaten noch um eine angemessene Reaktion ringen, ereignete sich am Dienstag gleich der nächste Vorfall auf dem Meer. Im Golf von Oman kam es auf einem Tanker offenbar zu einem Entführungsversuch.

Noch sind die Umstände unklar. Doch auch in diesem Fall gilt Irans Regime als verdächtig. So viel ist bisher bekannt: Die britische Marineschifffahrtleitorganisation UKMTO meldete die „potenzielle Entführung eines Schiffes“. Omanische Behörden identifizierten dieses kurz darauf als „Asphalt Prinzess“.

Zwei Menschen sterben bei einem Drohnenangriff auf einen Tanker

Wenig später verkündete die UKMTO jedoch kommentarlos, dass der „Vorfall vorüber“ sei. Ob das jüngste Ereignis mit dem israelisch-iranischen Schattenkrieg zusammenhängt, ist schwer zu sagen. Fest steht: Die Spannungen in der Region steigen. Nicht nur Israel, auch die USA und Großbritannien machen Teheran für die tödliche Attacke auf die „Mercer Street“ verantwortlich.

Wenngleich der Iran jede Schuld von sich weist, werden es sich die betroffenen Nationen – Israelis, Briten, Rumänen – kaum leisten können, den Angriff tatenlos hinzunehmen.

Irans neuer Präsident Raisi (r.), hier bei der Amtseinführuung durch Revolutionsführer Chamenei, hat Interesse an einem Deal mit den Amerikanern. Foto: imago/Zuma Wire Vergrößern
Irans neuer Präsident Raisi (r.), hier bei der Amtseinführuung durch Revolutionsführer Chamenei, hat Interesse an einem Deal mit den Amerikanern. © imago/Zuma Wire

Seit Jahren bekämpfen der Iran und Israel einander, oft mit Gewalt, immer aber unterhalb der Schwelle eines echten Krieges. Jerusalem sieht Teherans Atomprogramm als existenzielle Bedrohung und will eine mögliche nukleare Bewaffnung des Irans mit allen Mitteln verhindern.

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Vertreter des Mullah-Regimes haben wiederholt die Auslöschung des „zionistischen Feindes“ beschworen. Über Stellvertreter, Geheimdienstkommandos und Hacker bekämpfen sich beide Staaten an etlichen Schauplätzen.

So in Syrien und im Libanon, wo irantreue Milizen agieren; in Gaza, wo die Hamas und der islamische Dschihad mittels iranischer Hilfe ihr Waffenarsenal ausbauen; in Teherans Atomanlagen, die mutmaßlich israelische Agenten immer wieder sabotieren; im virtuellen Raum per Cyberattacken – und seit einiger Zeit verstärkt auf dem Wasser. Dass dabei Zivilsten unbeteiligter Nationen ums Leben kommen, ist neu. Haben die Iraner sich verkalkuliert?

Sicherheitsexperte Amos Yadlin, einstiger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, ist davon überzeugt. „Sie haben sich ins eigene Bein geschossen“, sagt er. Denn wegen der getöteten Crew-Mitglieder bringe der Iran nun weitere Nationen gegen sich auf.

US-Präsident Biden will den Konflikt mit dem Iran diplomatisch lösen. Foto: Jonathan Ernst/Reuters Vergrößern
US-Präsident Biden will den Konflikt mit dem Iran diplomatisch lösen. © Jonathan Ernst/Reuters

Für Israels Regierung birgt diese Internationalisierung des Konflikts einen Vorteil: Ihre Warnungen vor Irans Aggressionen gewinnen an Gewicht. Der Angriff auf die „Mercer Street“, sagten Außenminister Yair Lapid und Verteidigungsminister Benny Gantz, unterstreiche, „dass die jüngsten Attacken nicht Teil eines lokalen oder bilateralen Konflikts sind.

Vielmehr ist dies eine Attacke auf die internationale Gemeinschaft, und als solche sollte die internationale Gemeinschaft sie betrachten und entsprechend reagieren.“

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Was der Schattenkrieg für die Gespräche über ein neues Atomabkommens bedeutet, ist nicht absehbar. Die Verhandlungen in Wien sind momentan unterbrochen. Mit anderen Worten: Es geht nicht so recht voran. Doch sowohl Europa und die USA als auch der Iran zeigen nach wie vor Interesse an einem Deal.

Irans Regime braucht einen Deal

US-Präsident Joe Biden betont, den Streit mit Teheran diplomatisch lösen zu wollen. Diese Bereitschaft legt nahe, dass er den israelisch-iranischen Schlagabtausch nicht als grundlegendes Hindernis auf dem Weg zu einer Übereinkunft betrachtet. Nur: Die Supermacht Amerika wird sich von Teheran nicht jede Provokation bieten lassen.

Der Iran wiederum hat großes Interesse, dass die Sanktionen enden. Nur so könnten das Regime und Ebrahim Raisi als neuer Präsident die desaströse wirtschaftliche Lage ansatzweise verbessern – und das erzürnte Volk etwas beruhigen. Und: Schließt ein Linientreuer wie Raisi einen Deal mit den USA, würden ihn wohl die anderen Hardliner akzeptieren.

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