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Jens Spahn (CDU) will, dass Praxen vorerst maximal 30 Dosen Biontech-Dosen pro Woche bestellen können. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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„Vollbremsung auf gerader Strecke“ Das steckt hinter Spahns Biontech-Rationierung

Vorrangig soll nun mit Moderna-Impfdosen „geboostert“ werden. Ärztevertreter und Landesregierungen kritisieren das: Man verspiele jetzt wichtiges Vertrauen.

Jens Spahn hat jüngst im Bundestag gesagt, er sei ja der „Punchingball“ in dieser Pandemie – nun bekommt der geschäftsführende CDU-Gesundheitsminister wieder einiges ab, weil er mitten in der bundesweiten Offensive für Auffrischungsimpfungen den bei den Bürgern geschätzten Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech rationiert.

Das Ministerium hat in einem Schreiben an die Länder für die nächsten Wochen Begrenzungen bei Bestellmengen für den Impfstoff von Biontech angekündigt, damit das Präparat von Moderna bei den Auffrischungsimpfungen vermehrt zum Einsatz kommt. Andernfalls drohten eingelagerte Moderna-Dosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 zu verfallen. Praxen sollen demnach vorerst maximal 30 Dosen Biontech pro Woche bestellen können, Impfzentren1020 Dosen.

Für Bestellungen von Moderna soll es keine Höchstgrenzen geben. Wenn Bürger nun schon Termine in Praxen und Impfzentren für sogenannte Boosterimpfungen mit Biontech gebucht haben, das den Impfstoff zusammen mit dem US-Unternehmen Pfizer herstellt und vertreibt, dann kann es sein, dass sie Moderna als Alternative bekommen.

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„Beide Impfstoffe sind sicher, wirksam und gleich gut für Auffrischimpfungen geeignet“, betont das Gesundheitsministerium. Es gibt Studien, die eindeutig zeigen, dass nach zwei Biontech-Impfungen die Auffrischungsimpfung mit Moderna sogar eine größere Schutzwirkung hat, als bei einer dritten Biontech-Impfung.

In Regierungskreisen wird deshalb Kritik geäußert, dass es jetzt solche Beschwerden geben. Deutschland sei im Vergleich zu vielen Weltregionen in der privilegierten Situation, dass es ausreichend Impfstoff gebe, und zwar mit den beiden besten mRNA-Impfstoffen. Der Bund hat derzeit 16,45 Millionen Moderna-Dosen auf Lager, wie aus einer Auflistung des Bundesgesundheitsministeriums hervorgeht.

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Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) wirft Spahn vor, er rationiere mit Biontech ausgerechnet den Impfstoff mit der höchsten Akzeptanz in der Bevölkerung. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte, das sei „absolut inakzeptabel und zerstört das notwendige Vertrauen, dass die Bürgerinnen und Bürger in dieser hochdramatischen Lage in uns haben müssen“. Holetschek ist Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz der Länder und setzt das Thema auf die Tagesordnung der für Montag geplanten Beratungen.

Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sieht eine „Vollbremsung auf gerader Strecke“. Damit verspiele man Vertrauen, der Biontech-Impfstoff habe die höchste Akzeptanz bei den Menschen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte: „Das muss ein schlechter Scherz sein.“

Viel Biontech-Impfstoff geht an andere Länder

Hintergrund der vielen Moderna-Impfdosen, die nun rasch verimpft werden müssen, ist eine Zusage der Bundesregierung, Millionen Impfdosen über die Impfallianz Covax an ärmere Länder abzugeben. Dies geschah verstärkt im Sommer, als in Deutschland die Zahl der Impfungen immer weiter nach unten ging. Wegen vertraglicher Problemen darf aber kein Moderna-Impfstoff gespendet werden, heißt es in Regierungskreisen. So kam, dass es sehr viele Biontech-Dosen an andere Länder gingen.

Aus einer Übersicht des Gesundheitsministeriums geht hervor, dass Deutschland aber auch in diesem November voraussichtlich fast 8,8 Millionen Dosen Biontech über die Initiative Covax an Drittstaaten spendet. Das führt bei Biontech zu Engpässen.

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Die Bundesregierung hatte vor Ausbrechen der vierten Welle und der vielen Impfdurchbrüche angekündigt, bis Jahresende 100 Millionen Dosen über Covax an andere Länder abzugeben, da die Pandemie letztlich nur besiegt ist, wenn weltweit die Impfquoten hoch genug sind und nicht ständig neue, noch ansteckendere Varianten entstehen, wie die nun grassierende Delta-Variante.

Das Ziel hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beim jüngsten G20-Gipfel bekräftigt - zudem sollen 2022 weitere 75 Millionen, also insgesamt 175 Millionen Dosen abgegeben werden.

Über Covax wurden bisher laut Auswärtigem Amt rund 59 Millionen Impfdosen gespendet. Unter anderem Mauretanien, Äthiopien, Malawi, Togo, Tadschikistan, Sudan, Usbekistan, Vietnam, Botswana, Ägypten, Iran, Jamaika, Nigeria, die Philippinen, Kenia, Bangladesch, Côte d’Ivoire, Somalia, Pakistan und Ghana erhielten Impfstoffe aus Deutschland.

Die meisten gespendeten Dosen stammen von Johnson & Johnson - knapp 27 Millionen Dosen allein von Oktober bis Dezember, zudem rund 14 Millionen AstraZeneca im 4. Quartal.

Ärzte sehen erhöhten Beratungsbedarf

Spahn betonte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf die eingeschränkten Biontech-Lieferungen: "Ich weiß, dass diese kurzfristige Umstellung für viele engagierte Helferinnen und Helfer vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeutet. Und das bedauere ich ausdrücklich.“ Die Nachfrage nach Biontech sei in den letzten zwei Wochen so stark gestiegen, dass sich das Lager sehr schnell leere. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe.

Lange Schlange am neuen Impfzentrum in Groß-Gerau. Foto: imago images/Marc Schüler Vergrößern
Lange Schlange am neuen Impfzentrum in Groß-Gerau. © imago images/Marc Schüler

Dass das Verfallsdatum der Moderna-Impfdosen nahe, habe man frühzeitig wissen können, sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach im Deutschlandfunk. Eine Verteilung an andere Länder wäre beispielsweise denkbar gewesen – allerdings gab es bei Moderna eben die erwähnten vertraglichen Probleme. Dass aber nun der Impfstoff von Biontech/Pfizer, dem die Menschen vertrauen, zurückgehalten werde, sei ein schwieriger Beschluss, den er nicht richtig finde, so Lauterbach.

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Auch Ärztevertreter übten scharfe Kritik. Sie rechnen in den Praxen mit deutlich erhöhtem Beratungsbedarf, weil Patienten nun bereits Termine für eine Biontech-Impfung vereinbart haben, die womöglich nicht eingehalten werden könnten. Der erhöhe Beratungsbedarf binde wertvolle Zeit, "die für das Impfen dann fehlt“, sagte KBV-Vize Stephan Hofmeister. Um das Impfen zu beschleunigen und damit mehr Ärzte mitmachen, gibt es seit dieser Woche auch deutlich mehr Geld für jede Impfung: 28 Euro je Piks und 36 Euro für jede am Wochenende vorgenommene Impfung.

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50 Millionen Dosen zusätzlich bis Jahresende

5,6 Millionen Bürger haben eine Auffrischimpfung erhalten, mit stark steigender Tendenz in den letzten Tagen, es gibt teils lange Schlangen vor Impfstationen und Ärzte werden mit Terminanfragen überrannt. Spahn hatte zuletzt in einem Schreiben an alle Fachärzte deutlich gemacht, dass der Abstand von sechs Monaten zwischen der letzten und der Auffrischungsimpfung nicht taggenau sechs Monate betragen muss.

Bis Jahresende sollen trotz der vorübergehenden Begrenzung 24,3 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffes ausgeliefert werden und 26,08 Millionen Moderna-Dosen, es stünden rund 50 Millionen Dosen für Auffrischungsimpfungen zur Verfügung. „Nach allen Berechnungen und Annahmen reicht dies, um den Bedarf für dieses Jahr zu decken“, betont das Ministerium. Am 19. November gab es immerhin wieder rund 475.000 Impfungen am Tag. Die bisher meisten Impfungen gab es am 9. Juni mit insgesamt 1,4 Millionen Dosen. Klarer Spitzenreiter mit 82 Prozent vollständig Geimpften ist Bremen, das Schlusslicht mit einer Impfquote von 59,8 Prozent ist Sachsen.

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