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Last exit St. Pancras. Am vierten Advent versuchen viele Londoner noch, den letzten Zug nach Paris zu nehmen. In der Hauptstadt und einigen Regionen in Südostengland gilt neuerdings die höchste Corona-Stufe 4. Foto: dpa / Stefan Rousseau
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Trotz wissenschaftlicher Unsicherheit Es ist schäbig, dass Johnson die Corona-Mutationen politisch nutzt

Die Mutationen von Sars-CoV-2 sind besorgniserregend. Noch schlimmer aber ist, dass Europa zu keiner gemeinsamen Strategie findet. Ein Kommentar.

Wie praktisch! Da ist die britische Regierung seit Monaten mit der Eindämmung von Sars-CoV-2 zu spät dran und hat mit mehr als 67.000 Covid-19-Todesfällen fast dreimal so viele Opfer zu beklagen wie das bevölkerungsreichere Deutschland, da kommt eine neue, angeblich 70 Prozent ansteckendere Virusvariante daher.

Es liegt also nicht etwa am Versagen des Premiers Boris Johnson und seines Kabinetts, so die Botschaft, sondern am Virus, das sich zu mutieren erdreistet.

Bitte keine Missverständnisse: Die Virusvariante B.1.1.7. existiert. Sie kursiert in Großbritannien nachweislich mindestens seit dem 20. September und ist inzwischen Ursache „eines zunehmenden Teils der Covid-19-Fälle“, berichten Forscherinnen und Forscher des britischen Covid-19-Genomforschungskonsortiums.

Nach Kent und dem Großraum London sei sie jetzt in „immer mehr Regionen“ vertreten und weise eine „ungewöhnlich große Anzahl von genetischen Veränderungen“ auf. Vor allem die Veränderungen im Spike-Protein, dem Stachel, mit dem das Virus in Zellen eindringt, erregen dabei Besorgnis.

Leichteres Andocken an menschliche Zellen?

Drei dieser Mutationen könnten die Fähigkeit des Virus beeinflussen, Menschen zu infizieren und mehr oder weniger schwer an Covid-19 erkranken zu lassen. Mutation „N501Y“ etwa erleichtere es dem Virus womöglich, an menschliche Zellen anzudocken, eine andere könnte ihm helfen, dem Immunsystem zu entkommen.

Aber ob all das wirklich so ist, dazu fehlen bislang die entscheidenden Experimente im Labor. Nur dort kann überprüft werden, ob B.1.1.7 Zellen tatsächlich schneller oder aggressiver befällt als herkömmliche Sars-CoV-2-Viren.

„Es ist schwer, die Auswirkungen von Mutationen vorherzusagen“, sagte die genomische Epidemiologin Emma Hodcroft, die an der Universität Bern, die Übertragungsketten mit Hilfe des von ihr konzipierten Computerprogramms Nextstrain verfolgt, dem Tagesspiegel.

[Mehr zum Thema: Unser Kolumnist Martenstein fragt sich: Was, wenn das Virus bleibt? (T+)

Selbst wenn die neue Variante im Labor also infektiöser erscheint, muss es nicht bedeuten, dass die neue Variante auch im Alltag durchsetzungsfähiger ist.

Die Verbreitung könnte auch Folge eines oder mehrerer Superspreading-Ereignisse gewesen sein. Auch andere Virusvarianten verbreiteten sich so – etwa jene, die im Skiort Ischgl präsent und alsbald überall in Europa zu finden war. Das heißt nicht, dass von Varianten keine Gefahr ausgeht.

Versagen die Impfstoffe der ersten Generation?

Es kann passieren, dass irgendwann infektiösere oder anders krank machende Viren auftreten. Oder solche, gegen die die Covid-19-Impfstoffe der ersten Generation keinen Schutz mehr bieten. Bei B.1.1.7 und anderen Varianten ist das bislang nicht der Fall, so Experten.

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Aber es ist schäbig, Menschen mit vorläufigen Informationen Angst zu machen, um sich im politischen Ränkespiel einen Vorteil zu verschaffen, statt redlich über die wissenschaftliche Unsicherheit zu informieren. Wie sehr das ins Gegenteil umschlagen kann, sehen die Briten jetzt: Europa diskutiert, ob es trotz des fehlenden Wissens über die Virusvariante nötig und verhältnismäßig ist, den Grenzverkehr zu Großbritannien einzustellen.

Keine einfache Entscheidung, auch wenn sich etwa die Niederlande oder Belgien bereits dazu entschlossen haben. Denn Grenzschließungen ziehen wirtschaftliche und soziale Härten nach sich und können keine langfristige Strategie sein. Noch wurde die Virusvariante in Deutschland „nicht gesehen“, twittert Charité-Virologe Christian Drosten, doch auch geschlossene Grenzen werden das auf Dauer nicht verhindern. Ab Mitternacht sind Landungen aus Großbritannien auch in Deutschland untersagt, heißt es am Sonntag aus Berlin.

Es braucht, was über 300 Forscher*innen am Freitag im Fachblatt „Lancet“ forderten: eine wirklich europäische Strategie. Um einen „Ping-Pong-Effekt von Import und Reimport von Sars-CoV-2-Infektionen zu vermeiden, sollten die Fallzahlen in europäischen Ländern synchronisiert gesenkt werden“, schreiben sie.

Dies könne am besten dafür sorgen, die Grenzen offen zu halten. Mit diesem Einspruch gegen die Kleinstaaterei haben sie wohl recht. Leider ist die in Großbritannien gerade recht populär.

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