Erst die Tüte, dann das Lernen. Für 33 800 Erstklässler beginnt am Samstag in Berlin die Schule. Foto: Peter Steffen/dpa
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Tipps vor der Einschulung Eltern sollten sich in Gelassenheit üben

Fast 34 000 Kinder werden am Samstag in Berlin eingeschult. Was kommt auf sie zu – und was auf die Eltern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Kleine Kinder, große Schultüten und große Erwartungen: Am Sonnabend werden in Berlin 33 800 Fünf- bis Siebenjährige an rund 430 Berliner Grundschulen eingeschult. Ein Freudentag für alle Beteiligten, auch wenn gerade die Berliner Kinder ihre Schullaufbahn mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen antreten.

Warum hat der Einschultag für viele Familien so eine große Bedeutung?

Für viele Familien ist der Tag ein „Übergangsritual“, sagt Meike Watzlawik, Entwicklungspsychologin an der Berliner Sigmund-Freud-Universität: Schließlich markiere er den Wandel des Kindergartenkindes zu einem größeren, fähigeren und kompetenteren Schulkind. Mit der Einschulung beginne ein neuer Ablösungsprozess der Kinder von ihren Eltern. Dementsprechend groß wird gefeiert – oft mit Schultüten und Geschenken, die gar nicht mehr in eine Tüte passen. Die Berliner Schulverwaltung warnt zur Einschulung vor dem „Tamtam um den ersten Schultag“. Grundsätzlich sei es zwar gut, „dass Eltern so viel Anteil nehmen an der schulischen Laufbahn, die ja mit der Einschulung beginnt“, wird ein Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zitiert. Doch der Feiermarathon von der Begrüßung in der Schule, die von Großeltern, Tanten, Onkel und Freunden begleitet wird, über das Mittagessen im Restaurant und der Feier zu Hause drohe die Einschulung zum „Statussymbol“ zu machen. Der Sprecher kritisiert, dass Eltern dabei ihre eigenen Wünsche und Lebensträume auf den Nachwuchs übertragen – und sie zu großen Erwartungen aussetzt, die sie womöglich nicht erfüllen können.


Wer sind die neuen Berliner Erstklässler?

Mehr als 90 Prozent der Erstklässlerinnen und Erstklässler werden an öffentliche Schulen kommen. Zwar gibt es für das beginnende Schuljahr noch keine aktuellen Zahlen, die Verteilung dürfte aber nicht dramatisch von der des vergangenen Schuljahres abweichen. Damals gingen in der Grundschule 7,5 Prozent an eine private Einrichtung. Ein Indikator für die soziale Verteilung ist der Anteil der sozial schwachen Schülerinnen und Schüler mit Berlinpass – der lag 2018/19 an der Grundschule bei rund einem Drittel. Aus Familien mit nicht-deutscher Herkunftssprache stammten im vergangenen Jahr 40 Prozent der Eingeschulten – also aus Familien, deren Hauptkommunikationssprache untereinander nicht Deutsch ist. Über die Sprachkenntnisse des Kindes ist damit noch nichts gesagt.

Wie verändert sich die Welt für ein Kind nach der Einschulung?

„Von jetzt an steht alles unter dem Diktat der Zeit“, sagt der Berliner Grundschulexperte Jörg Ramseger, Professor im Ruhestand der Freien Universität und Fachberater des Grundschulverbandes. Das sei der gravierendste Unterschied zum Kitabesuch. Konnten Eltern ihre Kinder dort ohne Probleme eine halbe Stunde nach der Öffnungszeit vorbeibringen, gelten jetzt Stundenplan und Schulpflicht. Der zweite große Unterschied: Die Gruppen in der Schule sind mit bis zu 25 Kindern in der Regel größer als in der Kita, es wird also lauter und insgesamt unruhiger. Gleichzeitig sollen sich die Sechsjährigen plötzlich daran gewöhnen, 45 Minuten lang in einem Raum zu bleiben – und davon möglichst viel Zeit an ihrem Tisch und auf ihrem Stuhl verbringen. „Die Bewegungsmöglichkeiten in der Schule sind gegenüber der Kita stark eingeschränkt“, sagt Iris Nentwig-Gesemann, Professorin für Frühpädagogik an der Freien Universität Bozen. Guter Anfangsunterricht plant aber Phasen des Lernens und Spielens in Bewegung mit ein. Umstellen müssen sich die Kinder auch in ihrer „Selbst- und Welterfahrung“. In der Kita konnten sie weitgehend ihren eigenen Interessen nachgehen, sich die Spiele, Spielzeuge, aber auch Bücher aussuchen. In der Schule gilt plötzlich ein Lehrplan und das Wort der Lehrerkräfte.

Fünf der 33.800 Berliner Erstklässler haben den Tagesspiegel besucht:

Was brauchen Kinder, um im Schulalltag zu bestehen?

Ein Kind aus einem kommunikativen Elternhaus, das viele Anregungen bietet, wird in der Schule besser zurechtkommen, als eines, das anregungsarm aufwächst. „Viel mit ihnen sprechen, möglichst oft gemeinsam Kinderbücher lesen – und die Internet- und Fernsehzeiten strikt limitieren“, rät Jörg Ramseger. Berufstätige Eltern sollten ihre Zeit am späten Nachmittag und am Abend den Kindern widmen, anstatt selber vor ihren digitalen Geräten zu hängen. Einem hoffnungsvollen Start ins Schulleben helfe es auch, als Kind Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können: Mit Handreichungen im Haushalt etwa oder mit der Pflege einer Pflanze oder Haustiers.

Wie kann man den Lernspaß fördern?

Bei alledem gilt: Kinder sind von Natur aus neugierig, freuen sich auf die Schule und aufs Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch wie erhält man diese Begeisterung, endlich ein Schulkind zu sein? „Die Eltern sollten die Neugierde des Kindes teilen, sich für das, was es lernt, stark interessieren, nachfragen und sich alles zeigen lassen, was es aus der Schule mitbringt“, sagt Jörg Ramseger. Wichtig für die Eltern, aber auch für die Lehrerinnen und Lehrer, sei es, sich über kleine Lernfortschritte zu freuen und den Erstklässlern diese Freude zu vermitteln. „Die Hauptaufgabe der Schule in den ersten Jahren besteht darin, den Kindern Erfolgserlebnisse und Könnenserfahrungen zu ermöglichen“, sagt Ramseger. Kleine Erfolge ziehen dann größere fast automatisch nach sich. Viel richtig machen können Eltern auch bei den Hausaufgaben. Grundvoraussetzung ist nach Auffassung aller Schulexperten ein ruhiger, geschützter Arbeitsplatz, an dem das Kind sich zwischen Schulschluss und Abendessen für eine halbe Stunde über seine Übungshefte beugen kann. Eltern sollen in erster Linie dafür sorgen, dass die Aufgaben auch gemacht werden – möglichst selbstständig, wie es die Kinder in der Schule lernen. Klappt es nicht mit der Konzentration, sind die Erstklässler mit den Aufgaben überfordert, müssen sie natürlich unterstützt werden. Doch Eltern sind oft die schlechtesten Nachhilfelehrer, weil sie eigene Ängste, etwa vor „Mathe“, auf die Kinder übertragen.

Sind die Erwartungen der Eltern gefährlich?

Der Leistungsanspruch der Eltern könne durchaus zu einem Stressfaktor werden, sagt die Psychologin Meike Watzlawik: Eltern würden oft dazu neigen, die Leistungen ihrer Kinder allzu sehr mit denen von anderen Kindern zu vergleichen. Watzlawik rät Eltern daher, sich vom kompetitiven Umfeld nicht beeinflussen zu lassen und das eigene Kind „individuell zu betrachten“: Was braucht es, was kann es schon, was macht es gut? So denkt auch Jörg Ramseger. Die Schule sei ohnehin „die Institution, die in die Leistungsgesellschaft einführt“. Da sollten sich Eltern möglichst in Gelassenheit üben.

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