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Im Oktober griff ein Islamist in Dresen ein Paar an. Nach der Tat gerieten die Sicherheitsbehörden in die Kritik. Foto: Roland Halkasch/dpa-Zentralbild/dpa
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Tat von Würzburg nachgeahmt? Iraker stoppten Messerstecher in Dresden

Nur drei Tage nach dem Angriff in Würzburg stach in Dresden ein Eritreer zu. Das Motiv bleibt in beiden Fällen unklar. Die Behörden ermitteln intensiv.

Die Parallelen zum Fall Würzburg sind unübersehbar. Am Abend des 28. Juni bedroht im Dresdener Plattenbauviertel Neu-Omsewitz ein 26-jähriger Eritreer mit einer Machete und einem weiteren langen Messer zwei Kinder. Zwei junge Iraker greifen ein, der Eritreer wird wütend und ruft „Allahu akbar“, Gott ist größer.

Dann sticht er zu. Einer der Iraker wird an einem Bein getroffen. Das Opfer hat Glück, die Wunde ist nur eine kleine Schnittverletzung. Der Eritreer flüchtet, die Polizei kann ihn nicht weit vom Tatort entfernt festnehmen. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft. Und die Ermittler rätseln wie im Fall Würzburg, ob der Messerstecher ein islamistisches Motiv hatte oder psychisch gestört ist - oder ob beides zutrifft.

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 „Nach unserer Zwischeneinschätzung liegt aktuell ein islamistischer Hintergrund eher nicht nahe“, sagt der Sprecher der Dresdener Staatsanwaltschaft. Aber ausgeschlossen sei nichts. Staatsanwaltschaft und Polizei haben umfangreiche Ermittlungen eingeleitet. Ursprünglich sollte der Eritreer im beschleunigten Verfahren verurteilt werden, der Täter war erst in „Hauptverhandlungshaft“.

Doch dann hielten es die Ermittler für nötig, sich den Fall genauer anzuschauen. Áus der Hauptverhandlungshaft wurde Untersuchungshaft. Was den Ausschlag gab,  sagt die Staatsanwaltschaft nicht.

Nach Würzburg konnten sich potenzielle Trittbrettfahrer animiert fühlen

Womöglich spielt eine Rolle, dass der Eritreer den Angriff eines Somaliers in Würzburg, bei dem drei Menschen starben und sieben verletzt wurden, nachgeahmt haben könnte. Die Attacke in Dresden  erfolgte nur drei Tage später.

Die Berichterstattung der Medien über Würzburg, wo der Täter auch „Allahu akbar“ gerufen hat, lief auf Hochtouren. Potenzielle Nachahmer konnten sich animiert fühlen, ebenfalls mit Messer und „Allahu akbar“ auf die Straße zu gehen.

In Dresden kommt hinzu, dass im Oktober 2020 ein Islamist mit zwei Messern ein schwules Paar angriff. Ein Opfer starb, der Lebenspartner wurde schwer verletzt. Für den Täter waren die beiden Männer unmoralische Ungläubige.

Der Fall erregte Aufsehen über Sachsen hinaus, auch weil die Sicherheitsbehörden den als gefährlich bekannten Messerstecher nicht im Blick behalten hatten. Das könnte ein weiterer Grund für Staatsanwaltschaft und Polizei sein, nun zur Tat des Eritreers intensiver zu ermitteln als ursprünglich geplant – um dem möglichen Vorwurf vorzubeugen, nicht alles zur Klärung des Verbrechens getan zu haben.

So trauerte Würzburg. Nach dem tödlichen Messerangriff eines Somaliers stand die Stadt unter Schock. Womöglich hat in Dresden ein Eritreer versucht, den Angriff nachzuahmen Foto: Daniel Karmann/dpa Vergrößern
So trauerte Würzburg. Nach dem tödlichen Messerangriff eines Somaliers stand die Stadt unter Schock. Womöglich hat in Dresden ein Eritreer versucht, den Angriff nachzuahmen © Daniel Karmann/dpa

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft will sich zu Theorien nicht äußern. Er sagt allerdings, es werde geprüft, den Eritreer psychiatrisch begutachten zu lassen. Der Täter war bereits 2018 mit einer gefährlichen Körperverletzung aufgefallen, dafür gab es eine Strafe von acht Monaten und zwei Wochen. Weitere kleinkriminelle Delikte wie Diebstahl und Schwarzfahren wurden in das Urteil einbezogen.

Im Fall Würzburg ist bereits ein psychiatrischer Gutachter bestellt. Nach mehreren Telefonaten sei ein Sachverständiger beauftragt worden, heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft München.  Der Gutachter soll die Frage der Schuldfähigkeit prüfen. Und ob der Somalier Abdirahman J. A. in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.

Polizei hat "mehr als 130 Kräfte" im Einsatz

Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gemeinsam mit der vom bayerischen Landeskriminalamt eingerichteten Soko „Main“. Bei der Polizei arbeiteten „mehr als 130 Kräfte“ daran, die Hintergründe der Tat aufzuklären, steht in einer gemeinsamen Erklärung von Generalstaatsanwaltschaft und LKA. Eine Übernahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft, die sich mit islamistischem Terror befasst, steht offenbar nicht an.

Die Generalstaatsanwaltschaft widerspricht auch dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er hatte zwei Tage nach der Tat in einem Video der „Bild“-Zeitung gesagt, „es spricht sehr viel angesichts dessen, was wir aufgefunden haben, dafür, dass es sich um eine islamistisch motivierte Tat handeln könnte“.

Bei der Durchsuchung des Zimmers des Somaliers in einem Obdachlosenheim sei einiges gefunden worden, „was auf islamistisches Propagandamaterial hinweisen könnte“. Das habe sich nicht bestätigt, heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft. Im Zimmer sei „nichts griffig“ für Hinweise auf Islamismus gewesen. Indizien sind bislang nur, dass Abdirahman J. A. beim Messerangriff im Kaufhaus Woolworth „Allahu akbar“ gerufen haben soll und dass er nach der Festnahme angab, er habe seinen „Dschihad“ führen wollen.

Beim Auslesen der zwei Handys des Somaliers fand sich bislang offenbar keine islamistische Propaganda. Auch die handschriftlichen Notizen, die im Heimzimmer lagen, scheinen den Verdacht auf ein politisches Tatmotiv nicht zu stützen. Die beiden Gebetsteppiche und die Gebetskette von Abdirahman J. A. seien unverdächtige Utensilien, die auch bei jedem anderen Muslim zu finden wären, sagen Sicherheitskreise.

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