Gedenken am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Studie Von AfD behaupteter "Schuldkult" empirisch nicht belegt

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AfD-Politiker fordern ein "Ende des Schuldkults". Doch gibt es den überhaupt? Laut einer neuen Studie erinnern sich die Deutschen viel differenzierter.

Der von der AfD und anderen Rechtspopulisten behauptete "Schuldkult" in Deutschland ist empirisch nicht zu belegen. Das ergibt sich aus einer Studie der Universität Bielefeld, die an diesem Dienstag in Berlin gemeinsam mit der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) präsentiert werden soll.

Laut der repräsentativen Befragung unter 1000 Deutschen im Alter von 16 bis 92 Jahren, deren Ergebnisse dem Tagesspiegel auszugsweise vorliegen, ist etwa der Anteil der Personen, die sich schuldig fühlen für den Holocaust, gering. Nur etwa jeder zehnte Befragte stimmt demnach der Aussage zu: "Auch wenn ich selbst nichts Schlimmes getan habe, fühle ich mich schuldig für den Holocaust." 5,9 Prozent stimmen diesem Satz eher zu, 4,5 Prozent stark. Die Befragten würden demnach "viel differenzierter erinnern", erklärt Andreas Zick, der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld.

Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ, sagte dem Tagesspiegel: "Es gibt keinen Schuldkult, denn schuldig kann sich nur fühlen, wer persönlich involviert war. Die in Deutschland lebenden Menschen empfinden eine Verantwortung für den Umgang mit diesem Teil der Geschichte. Die Studie bietet viele Ansätze, den falschen Behauptungen von Populisten und Rechtsextremen entgegenzutreten."

Höcke sprach von "dämlicher Bewältigungspolitik"

So hatte beispielsweise der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in seiner Dresdner Rede im Januar 2017 das Holocaust-Mahnmal in Berlin "Denkmal der Schande" genannt und von "dämlicher Bewältigungspolitik" gesprochen. Als Vorredner hatte der heutige AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier damals einen angeblichen Schuldkult "für endgültig beendet" erklärt.

Streit um AfD-Sitze in Gedenkstätten-Gremien

Holocaust-Überlebende empfinden es als schwer erträglich, dass Rechtspopulisten, die von "Schuldkult" reden, mit ihrem Einzug in die Parlamente den Anspruch haben, in die Gremien von Gedenkstätten einzuziehen - beispielsweise Anspruch auf einen Sitz im Kuratorium der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" haben. Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, hatte es erst kürzlich "unmöglich" genannt, dass die AfD dort künftig vertreten sein soll. Auch im Aufsichtsgremium der an der Studie beteiligten Stiftung EVZ darf die AfD künftig vertreten sein. Die Stiftung EVZ war gegründet worden, um Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus zu entschädigen und fördert seither zahlreiche weitere Aktivitäten zur Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, fordert, die AfD-Vertretung in den Aufsichtsgremien von Gedenkstätten in jedem Einzellfall zu prüfen. Sie sei "für die Überlebenden der Shoa äußerst schmerzhaft", wird er von der Nachrichtenagentur dpa zitiert. Wenn die AfD auf Provokationen auf Kosten der Opfer setze, müsse es Wege geben, um die jeweiligen Gremienmitglieder auszuschließen, verlangte Schuster.

Höcke war am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Januar 2017 demonstrativ vor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar vorgefahren - obwohl er dort zur unerwünschten Person erklärt worden war. An mehreren Stellen mussten sich damals Mitarbeiter der Gedenkstätte postieren, um Höcke abzufangen und das Hausverbot auszuhändigen. Medienwirksam nahm er das Papier entgegen - und erklärte sich zum Opfer politischer Auseinandersetzungen.

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