Bochum

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

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Das erste Mal „anne Castroper“ war ich mit acht, am 6. Mai 1972. Unser VfL Bochum spielte gegen Eintracht Frankfurt. Onkel Peter übernahm das Einführungsritual: zu Fuß zum Stadion an der Castroper Straße, Fahne kaufen und rauf in die Stehplatzränge. 3:1 gewann der VfL.

Onkel Peter traf im Stadion immer Kollegen von Opel. Viele rundum arbeiteten auch in den Stahlwerken schräg gegenüber. Später, als ich mit Freunden nach Heimspielen noch ein Bier trinken ging in einer der VfL-Kneipen, diskutierten die Opelaner und Stahlwerker am Tresen nicht nur über Fußball, sondern auch über ihre Sorgen um den Job.

„Anne Castroper“ gab es denkwürdige Siege und bittere Niederlagen des VfL zu erleben – und bei aller Rivalität mit Schalke 04, Borussia Dortmund, dem MSV Duisburg oder Wattenscheid 09 immer dann Solidarität, wenn es dem Ruhrpott dreckig ging. Im Frühjahr 1997 etwa, als die Kürzung der Kohlesubventionen verkündet wurde und Tausende Bergleute um ihre Zukunft bangten. Am 7. März empfing der VfL die Schalker. Die Mannschaften liefen zusammen mit ein paar Dutzend Kumpels ein, die Fans besangen den Zusammenhalt im Revier. Dass Schalke 1:0 siegte, schmerzte dennoch.

Der letzte Pütt – die letzte Zeche – in Bochum ist längst dicht, ebenso das Opel-Werk. Von den einst stolzen Stahlwerken ist eine kleine Gießerei geblieben. Dem Ruhrgebiet wird seit Jahrzehnten ein harter Strukturwandel abverlangt. Bochum hat nach dem Ende von Stahl und Kohle erst mal durch Opel überlebt. Nokia war ebenfalls ein großer Arbeitgeber – bis im Mai 2008 auch damit Schluss war.

„Wissen, Wandel, Wir-Gefühl“, unter dem Motto will die einstige Arbeiterstadt ein Standort für Technologie, Dienstleistungen und Hochschulen werden. Kultur kommt dazu, das Musikforum ist der neue Stolz Bochums. Neben dem VfL-Stadion läuft seit 1988 das Musical „Starlight Express“.

Auch die Fußballclubs im Revier sind nicht mehr die Arbeitervereine, als die sie mal gegründet wurden. Schalke 04 und Borussia Dortmund sind mit professionellem Management zu Weltmarken geworden. Beim VfL Bochum ist alles ein paar Nummern kleiner, seit Jahren spielen die einst „Unabsteigbaren“ in der 2. Liga. Manche Saison wird zum Überlebenskampf, ähnlich dem des Ruhrgebiets. Das 1979 an alter Stätte eingeweihte Ruhrstadion zählt aber zu den stimmungsvollsten im Profifußball. Ich muss mal wieder hin. Kai Portmann

Vor genau 50 Jahren stand der VfL erstmals im DFB-Pokalfinale – damals als Regionalligist. Das Spiel verlor die Mannschaft gegen den 1. FC Köln 1:4

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