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"Wir müssen zum maßvollen Islam zurückkehren"

Verkäuferinnen sind noch selten in Saudi-Arabien, aber nicht jede trägt den Gesichtsschleier. Foto: Katharina Eglau
Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin Erster Riss in der gläsernen Decke

„ISIS ist eine Frucht, die hier genährt wurde“, sagt Somayya Jabarti. Mehrmals schon ließ sie in der „Saudi Gazette“ Fotos drucken von ISIS-Graffitis an Schulmauern mit deren Slogan „Islamischer Staat, wir bleiben hier und wir wachsen hier“. „Die Extremisten sind in der Minderheit, doch diese Minderheit kann die schweigende Mehrheit übertönen – wir müssen uns diesem Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen stemmen.“

Man wedele gerne mit dem Banner des Islam herum, doch dessen spirituelle Botschaft fehle. Der Islam sei eine Religion der Mäßigung und der Bescheidenheit, nicht des Extremismus. „Wir brauchen einen Paradigmenwandel, um zum maßvollen Islam zurückzukehren.“ Dazu aber müssten vor allem das Schulsystem, das Justizsystem und der rechtliche Status von Frauen grundlegend modernisiert werden.

„In meiner Zeitung bin ich als Chefin für alles verantwortlich, zuhause dagegen habe ich den rechtlichen Status eines Kindes“, sagt sie, die in beißenden Editorials immer wieder die Demütigungen und Zumutungen anprangert, denen saudische Frauen in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Somayya Jabarti darf nicht Auto fahren, will sie verreisen, braucht sie die schriftliche Genehmigung ihres Mannes. Auch die Chefetagen in der Medienwelt am Golf sind nach wie vor reine Männerbastionen, entsprechend hielt sich der Beifall für die selbstbewusste Erfolgsfrau sehr in Grenzen. „Nur ein einziger saudischer Kollege hat mir persönlich gratuliert“, erzählt sie schmunzelnd. Ihre Mutter hatte vor 30 Jahren als erste Frau in Saudi-Arabien und mit eisernem Willen ihren Doktor in Mathematik gemacht.

Bei der feierlichen Amtseinführung in der „Saudi Gazette“ nahm Somayya Jabarti dann auch ihre eigene 20-jährige Tochter Sawsan für einen Augenblick beiseite. „Viele brüsten sich jetzt, mir geholfen zu haben. Nichts davon ist wahr. Lass dich nicht täuschen von Lobreden, Lächeln und Händeschütteln der Männer, so lange sich an den Strukturen nichts ändert“, gab sie ihr als Mahnung mit auf den Weg. „Meine Beförderung ist ein erster Riss in der gläsernen Decke“, erläutert die Hochgelobte, die eine Porzellankopie eines Berliner Mauerstücks mit dem Foto jubelnder Menschen auf ihrem Schreibtisch stehen hat. „Und ich hoffe, dass dieser Riss eines Tages zum Durchbruch wird.“

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