Teilnehmer einer Kundgebung für einen verstorbenen 22-Jährigen in Köthen Foto: dpa/Ralf Hirschberger
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Sachsen-Anhalt Tathergang von Köthen noch unklar

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Ein 22-Jähriger stirbt in Köthen bei einem Streit wohl an Herzversagen. Zu einer Gedenkveranstaltung am Montag kommen mehrere Hundert Menschen..

Nach einem Streit mit tödlichem Ende im sachsen-anhaltischen Köthen und einem spontanem „Trauermarsch“ ist zu den Hintergründen weiter wenig bekannt. Ein 22-Jähriger starb an Herzversagen, zwei Männer aus Afghanistan wurden verhaftet - viel mehr sagten die Ermittler am Montag zum Geschehen nicht und baten um Geduld.

Am Montagabend beteiligten sich in Köthen mehrere Hundert Menschen an einem weiteren sogenannten Trauermarsch. Nach einer Schweigeminute und einer kurzen Kundgebung auf dem Markt zogen die Teilnehmer durch die Innenstadt zu dem Spielplatz, wo sich der Streit ereignet hatte. Dort wurde ein Kranz der AfD Sachsen-Anhalt im Gedenken an den Toten Deutschen niedergelegt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort.

Der AfD-Abgeordnete Hannes Loth hatte die Demonstration am Montag unter dem Titel „Wir trauern“ angemeldet. Er betonte, man wolle gemeinsam trauern, und sprach sich gegen Gewalt aus. Zu den Demo-Teilnehmern gehörten AfD-Landtagsfraktionschef Oliver Kirchner und Ex-Landeschef André Poggenburg. Nach knapp einer Stunde erklärte Loth die Veranstaltung für beendet und die Menschen verließen den Versammlungsort.

Über der Stadt mit gut 26.000 Einwohnern kreiste ein Hubschrauber. Eine Reiterstaffel der Polizei ritt durch die Innenstadt. Auch ein Wasserwerfer war vor Ort. Nach Angaben von Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) sollten mehrere Hundert Beamte in der Stadt sein.

Tags zuvor waren bei einer Spontandemonstration in der Stadt rund 2500 Menschen zusammengekommen. Unter den Demonstranten waren nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zwischen 400 und 500 Rechtsextreme aus Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen, wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler war es in der Nacht zu Sonntag an einem Spielplatz in Köthen zu einem Streit zwischen mindestens zwei afghanischen Staatsbürgern auf der einen und mindestens zwei deutschen Staatsbürgern auf der anderen Seite gekommen. Am Ende war ein 22-jähriger Deutscher tot, er starb nach Behördenangaben an Herzversagen. Dem Obduktionsergebnis zufolge seien seine Verletzungen nicht die Todesursache gewesen, sagte Landesjustizministerin Anne-Marie Keding (CDU). Auch Verletzungen, die von Tritten oder Schlägen gegen den Kopf herrührten, hätten nicht festgestellt werden können.

Der Staatsanwaltschaft zufolge sind die Ermittlungen noch nicht weit genug, um Details zum Geschehen bekannt zu geben. Im sächsischen Chemnitz hatte auf den Tag genau zwei Wochen zuvor ein ähnlicher Fall zwei Tage lang zu Spontandemos mit rechtsextremer Beteiligung und Gewaltausbrüchen geführt.

Zehn Anzeigen nach Demo in Köthen

Während nach den ersten Demo-Tagen in Chemnitz mehr als zwei Dutzend Verletzte und 120 Straftaten inklusive Hitlergrüßen gemeldet wurden, waren es in Köthen zehn Anzeigen, nach ersten Erkenntnissen ohne Verletzte. Was war anders? Die Polizei war in Köthen sichtbar in großer Zahl präsent, wie der Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, sagt. „Das beeindruckt.“ Das zeige sich auch bei den jetzigen Demos in Chemnitz, in denen die Lage ruhig sei.

Für Köthen hatten sich die Sicherheitsbehörden auf die Spontandemo vorbereitet. Sie alarmierten schon am Morgen die Bereitschaftspolizei im Land und holten sich Unterstützung aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen sowie von der Bundespolizei, wie Innenminister Stahlknecht sagte. Wie viele Beamte es insgesamt waren, wollte er aus taktischen Gründen nicht sagen.

Hunderte Rechtsextremisten dabei

Die Sicherheitsbehörden zählten auch bis zu 500 Rechtsextremisten. Darunter seien Mitglieder der rechtsextremen NPD sowie Kameradschaften gewesen, sagte Landes-Verfassungsschutzchef Jochen Hollmann. Welche weiteren Gruppierungen mobilisierten und welche Schnittmengen es mit den rechtsextremen Demonstranten in Chemnitz gibt, werde geprüft.

Landespolizeidirektorin Christiane Bergmann zufolge wurden am Sonntag Reden gehalten, die im Netz für Empörung sorgten: Von „Rassenkrieg“ war die Rede, von Rache nach dem archaischen Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Der Staatsschutz sichte derzeit das verfügbare Videomaterial auf strafbare Inhalte, so Bergmann. Drei Anzeigen wegen Volksverhetzung gebe es schon.

Einige Teilnehmer fern des rechtsextremen Spektrums hätten den Parolen widersprochen, andere allerdings auch applaudiert, sagte Innenminister Stahlknecht. Er warnte vor einem Generalverdacht, stellt aber auch klar: Der Staat werde alle Mittel einsetzen, um die Tat in Köthen aufzuklären - aber auch „alles tun, damit Betroffenheit auch Betroffenheit bleibt“.

Über Details zum Toten hielten sich die Ermittler zurück. Bekannt ist nur: Er war der Bruder eines bekannten Rechtsextremen aus Köthen. (dpa)

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