Der Schmerz, den viele Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch fühlen, ist nicht nur körperlich. Foto: Getty Images/iStockphoto
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Update Psychische Folgen von Abtreibungen Brauchen wir Spahns neue Studie?

Ina Bullwinkel

Die geplante Studie zu den psychischen Folgen von Abtreibungen spaltet die Regierung. Was Jens Spahn mit der Studie beabsichtigt – Fragen und Antworten.

Es geht um eine Summe, die in der großen Koalition normalerweise nicht der Rede wert ist: fünf Millionen Euro, verteilt auf vier Jahre. Doch ihr Verwendungszweck spaltet das Regierungsbündnis. Finanziert werden soll mit dem Geld nämlich eine Studie über die psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen bei Frauen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Mittel dafür vom Kabinett nun außerplanmäßig bewilligt bekommen – und nicht nur Grüne, FDP und Linke sind erbost, sondern auch Sozialdemokraten, die das Ganze mit durchgewunken haben. Sie wettern über Geldverschwendung und und eine ideologische Munitionierung von Abtreibungsgegnern.

Erst vor einem Monat hatten sich Union und SPD beim Paragrafen 219a verständigt: Das von der SPD abgelehnte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche soll demnach grundsätzlich bleiben, betroffene Frauen sollen aber besser über Abtreibungsmöglichkeiten informiert werden.

Was will Spahn mit der Studie?

Nach Ministeriumsaussagen nur das Allerbeste: verlässliche Informationen über die gesundheitlichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen und auch über mögliche psychischer Auswirkungen für die betroffenen Frauen. Die anvisierte Studie sei vollkommen ergebnisoffen, versicherte ein Sprecher, es werde dafür auch eine Ausschreibung geben. Ansonsten verweisen sie im Ministerium darauf, dass das Projekt von der Koalition gemeinsam vereinbart und auf den Weg gebracht worden sei – als Teil des 219a-Kompromisses.

„Die SPD scheint vergessen zu haben, was sie selbst vereinbart hat.“ Man wolle „in einer wissenschaftlichen Studie Informationen zur Häufigkeit und Ausprägung seelischer Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen gewinnen“, lautete der Vorsatz in der Koalitionsvereinbarung vom 12. Dezember. Er wurde einvernehmlich von Kanzleramt, Innen-, Gesundheits-, Justiz- und Familienministerium getroffen – die letzten beiden sind bekanntlich SPD-geführt. Und die Vorlage für den Kabinettsbeschluss vom vergangenen Mittwoch, der das Ganze besiegelte, wurde von Justizministerin Katarina Barley (SPD) persönlich unterzeichnet.

Wörtlich heißt es darin: „Um die gesundheitlichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen in ihrer Breite in den Blick zu nehmen, sind vertiefte Erkenntnisse auch zu möglichen psychischen Folgen von Relevanz.“ Daher werde das Gesundheitsministerium noch 2019 eine „umfangreiche wissenschaftliche Studie“ in Auftrag geben und zu diesem Zwecke „für die Jahre 2020 bis 2023 insgesamt fünf Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung gestellt“ bekommen. „Daran halten wir uns“, sagte der Ministeriumssprecher.

Was haben bisherige Studien zu dem Thema ergeben?

Schwangerschaftsabbrüche, die Gründe und Folgen für die Frauen, sind international wie in Deutschland gut erforscht und seit Jahrzehnten Themen von Studien und Befragungen. Die Soziologin Helge Pross, eine der Pionierinnen der deutschen Frauenforschung, veröffentlichte 1971 ihr Buch „Abtreibung. Motive und Bedenken“, eine 361 Seiten starke Studie hat 2013 Cornelia Helfferich mit Kolleginnen für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ (BZgA) erstellt. Etliche Untersuchungen beschäftigen sich auch damit, wie Frauen, die eine Schwangerschaft beendeten, dies erlebten. Untersucht wurden Abbrüche in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten, also die weitaus meisten, die in Deutschland der Strafrechtsparagraf 218 regelt.

Eine Untersuchung von Psychiatern der Universität Manchester mit mehr als 13.000 Frauen, die ungewollt schwanger wurden, kam dabei 1995 zu dem Schluss, dass die, die abgetrieben hatten, später nicht öfter psychische Probleme bekamen als die, die sich für ein Kind entschieden. Eine weitere britische Studie im Auftrag der Academy of Medical Royal Colleges kam 2008 zum gleichen Schluss, ebenso wie 2011 ein dänisches Wissenschaftlerteam, das aus seiner Arbeit mit den Daten dänischer Frauen erklärte, man habe „keinen Beleg für die Hypothese, dass nach einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten ein höheres Risiken für psychische Störungen gebe“.

Im "Journal of the American Medical Association" stellte die frühere Präsidentin der US-Psychiaterinnen-Vereinigung Nada Stotland sogar fest, dass "psychiatrische Krankheiten und Krankenhausaufenthalte nach einem Abbruch deutlich seltener seien als nach einer Geburt". Psychische Belastungen, schreibt die in Österreich tätige Psychologin Petra Schweiger in einem Beitrag für den Sammelband „Abtreibung“ von Ulrike Busch und Daphne Hahn, hätten sich nach späten oder illegalen Abbrüchen gezeigt.

Sie nennt es „auffallend“, dass „in unserer Gesellschaft der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft als Stressfaktor deutlich überbewertet wird im Vergleich zu anderen Belastungen, die Frauen erleben“, etwa Scheidungen, Arbeitslosigkeit oder ihre Doppelschichten in Beruf und Familie. Was nicht bedeute, dass der Abbruch seelisch stets unproblematisch sei. Der Titel einer Hamburger Befragung Mitte der 1990er Jahre lautet: „Traurig und befreit zugleich“. Das gelte, so Schweiger, auch heute noch für die meisten Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden.

Interessant sind aber auch andere Daten zum Schwangerschaftsabbruch: Weltweit beendet die Hälfte aller ungewollt schwangeren Frauen die Schwangerschaft, 43 Prozent waren es 2013 in Deutschland. Von allen Frauen, die jemals schwanger waren, hatte, so die fünf Jahre alte BZgA-Studie, knapp die Hälfte (46,9 Prozent) schon eine nicht beabsichtigte Schwangerschaft erlebt. Mehr als ein Drittel dieser Schwangerschaften ereigneten sich trotz Verhütung.

Warum ist die SPD so strikt gegen eine weitere Studie?

Die SPD reagiert zwar allergisch auf die Aussicht auf die neue Studie, hat diese dem Koalitionspartner aber im Kompromiss um Paragraf 219a trotzdem zugestanden. Die Union habe jede Änderung des Werbeverbots ursprünglich abgelehnt, sei einen weiteren Weg gegangen als die SPD und habe deshalb auch einen Erfolg gebraucht, heißt es zur Begründung.

Inhaltlich sperren sich die Sozialdemokraten trotzdem gegen die neue Untersuchung. Es sei oft festgestellt worden, dass psychische Probleme nicht von der Abtreibung allein kämen, sondern von der Stigmatisierung der Frauen, argumentiert etwa Familienministerin Franziska Giffey. Die Berichterstatterin der SPD- Bundestagsfraktion für Frauengesundheit, Hilde Mattheis, warnt davor, Geld für eine "wissenschaftlich unsinnige und ideologisch motivierte Studie" zu vergeuden. Die Situation von Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen sei "durch eine sehr umfangreiche Studienlage untersucht", sagt die Bundestagsabgeordnete. Alle seriösen Studien dazu hätte auch belegt, dass ein sogenanntes Post Abortion Syndrom nicht existiert.

Manches spricht allerdings dafür, dass die Haltung der SPD zu der neuen Studie nicht nur wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt, sondern der politischen Grundüberzeugung, dass Abtreibungen nicht weiter erschwert werden sollen. Eine neue Studie, die womöglich Belastungen belegt, ist da nicht gern gesehen.

Wie reagieren die Beratungsstellen und wie ist die Situation dort?

Der Berliner Landesverband der Konfliktberatung von Donum Vitae begrüßt die geplante Studie. „Wir brauchen eine gut gemachte Studie zu den möglichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen, denn Fakten und Daten sind kaum vorhanden“, sagt eine Sprecherin. Vor dem Hintergrund der einzigartigen deutschen Beratungslösung seien internationale Studien nicht wirklich auf Deutschland übertragbar. „Wenn wir die Selbstbestimmung von Frauen ernstnehmen, müssen Frauen alle Informationen bekommen, die zur Verfügung stehen.“ Dazu gehöre auch, welche möglichen psychischen Folgen ein Abbruch haben kann.

„Wir empfehlen Frauen nicht grundsätzlich, sich nach einem Schwangerschaftsabbruch beraten zu lassen“, sagt Sibylle Schreiber, Geschäftsführerin von Pro Familia Berlin. Das Angebot sei freiwillig. Studien belegten, dass Abtreibungen vor allem dann negativ wahrgenommen würden, wenn die Entscheidung dazu eher fremdbestimmt gewesen sei – beeinflusst etwa durch einen Mann, der das Kind nicht gewollt, oder durch eine strenggläubige Familie, die sich gegen eine Abtreibung ausgesprochen habe. Eine Schwangerschaft sei in allen Fällen eine ganz wichtige Lebensentscheidung. „Deswegen ist es sehr wichtig, dass Frauen mit jemandem sprechen können, der sie nicht kennt oder verurteilt.“

Es gebe Frauen, die erst mehrere Jahre nach dem Abbruch in die Beratung kämen, betont die Expertin – beispielsweise, weil sie ein Kind bekommen und erst dadurch mit der Verarbeitung des damals Geschehenen begonnen hätten. Wie sich Frauen nach einer Abtreibung fühlten, habe aber vor allem damit zu tun, wie selbstbestimmt sie diese Entscheidung getroffen hätten: „Wenn Frauen das Gefühl haben, dass sie aus verschiedenen Möglichkeiten auswählen konnten, können sie sich später eher mit ihrer Entscheidung – wie auch immer die ausfällt – arrangieren.“

Besonders häufig werde psychologische Beratung nach einem Schwangerschaftsabbruch nicht nachgefragt, berichtet Chris Heike Lau, die beim Humanistischen Verband Deutschland in der Schwangerschaftskonfliktberatung arbeitet. Allerdings könnten sich Betroffene auch nach Abtreibungen jederzeit melden und ihren gesetzlichen Anspruch auf eine Beratung wahrnehmen..

Hilfsangebote

In Deutschland gibt es verschiedene Beratungsstellen, die Frauen nicht nur zu Beginn einer Schwangerschaft beraten, sondern auch für den Fall, dass sie eine Abtreibung bereits haben vornehmen lassen. Nachberatung heißt das Angebot, bei dem Frauen unter anderem psychologisch geholfen wird. Frauen, die eine Abtreibung nur schwer verarbeiten können, finden neben den Beratungsstellen von Pro Familia auch bei Verbänden wie Donum Vitae, dem Humanistischen Verband Deutschland oder der Caritas eine kostenlose psychologische Beratung. Sie können die Beratungsstelle beliebig oft aufsuchen, auf Wunsch auch anonym.

Profamilia:

Telefon: (030) 39849898

www.profamilia.de

Humanistischer Verband:

Telefon: (030) 4417992

www.humanistisch.de

Caritas:

Telefon: (030) 66633965

www.caritas-berlin.de

Donum Vitae:

Telefon: (030) 47033184

www.berlin-brandenburg.donumvitae.org

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