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Corona interessiert die meisten wenig: Dichtes Gedränge herrscht an der "Bierstraße". Foto: picture alliance/dpa
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Partytouristen am Ballermann Haben deutsche Mallorca-Urlauber ein zweites Ischgl riskiert?

Bier und Sangria in Strömen: Deutsche haben am Ballermann gefeiert und die Hygiene-Regeln ignoriert. Die Insel zieht Konsequenzen – und droht mit Strafen.

„Wir sind wieder da“, sangen lautstark die deutschen Touristen, die sich am Wochenende an der Ballermann-Partymeile an Mallorcas Playa de Palma versammelt hatten. Und: „Wir wollen feiern!“ Sie tanzten abends ausgelassen stundenlang zwischen den Tischen der Bar-Terrassen und auf der Straße. Arm in Arm, auf Tuchfühlung.

„So gut wie niemand trug eine Maske, die Getränke wurden herumgereicht und oft geteilt“, berichtet das „Mallorca Magazin“, eine auf Deutsch erscheinende Wochenzeitung der Insel. Auch von sozialer Distanz sei nichts zu sehen gewesen. Dafür floss Bier in Strömen und auch Sangria, die in der Partyzone gemeinsam und per Strohhalm aus großen Krügen oder Eimern getrunken wird.

Die Bilder des ausgelassenen Partytreibens, bei dem alle Hygiene-Regeln ignoriert wurden, sorgten für Empörung nicht nur auf Mallorca. „Als gäbe es kein Corona“, schrieb die „Mallorca Zeitung“ entsetzt. „Es schien ganz so, als ob hier niemand jemals etwas von der Pandemie gehört hätte.“

Die wenigen Besucher, die eine Maske trugen, seien von der Masse skeptisch beäugt und ausgelacht worden. Die Zeitung vermerkt bitter: „Wir haben hier nicht wochenlang den Shutdown ertragen, um das Erreichte leichtfertig aufs Spiel zu setzen.“

Passagierjets landen im Minutentakt

Die Insel hat die Covid-19-Epidemie bisher sehr viel besser als andere spanische Regionen kontrollieren können. Es gab zuletzt nur noch wenige neue Krankheitsfälle. Deswegen konnte Mallorca schon Mitte Juni, früher als andere europäische Urlaubsziele, den Tourismus wieder hochfahren. Inzwischen landen die Passagierjets wieder im Minutentakt auf Palmas Airport.

Ein Stand zum Desinfizieren der Hände steht vor der Terrasse des Bierlokals "Muenchner Kindl Casa Baviera". Foto: Clara Margais/dpa Vergrößern
Ein Stand zum Desinfizieren der Hände steht vor der Terrasse des Bierlokals "Muenchner Kindl Casa Baviera". © Clara Margais/dpa

Strafenkatalog mit hohen Bußgeldern

Und mit dem Neustart des Urlaubsgeschäfts kehrt auch der Sauftourismus auf das Eiland zurück. Erst am Freitag, nach ersten illegalen, aber noch deutlich kleineren Partys in Bars und Parks, hatte die Regionalregierung für Verstöße beim Feiern einen Strafenkatalog mit Bußgeldern von bis zu 600.000 Euro für jene, die illegale Corona-Partys organisieren oder daran teilnehmen, beschlossen und verstärkte Kontrollen angekündigt. Am Ballermann habe sich die Polizei aber vorerst kaum blicken lassen, stellte die „Mallorca Zeitung“ fest.

Inzwischen ist auch das „Balneario 6“ an der Meerespromenade der Playa de Palma wieder geöffnet. Das ist jene Schankterrasse, deren Name auf Deutsch „Heilbad“ bedeutet und die von der Trinkgemeinde in „Ballermann“ umgetauft wurde. Zwar sind die größten Tanzschuppen des überwiegend von Deutschen frequentierten Partyviertels aus Sicherheitsgründen weiterhin geschlossen.

Nachtleben an der Playa de Palma auf Mallorca: Sicherheitsabstände werden an der "Bierstraße" offenkundig nicht durchgängig eingehalten, Masken kaum getragen. Foto: Chris Emil Janßen/Imago Vergrößern
Nachtleben an der Playa de Palma auf Mallorca: Sicherheitsabstände werden an der "Bierstraße" offenkundig nicht durchgängig eingehalten, Masken kaum getragen. © Chris Emil Janßen/Imago

Doch etliche kleinere Feierlokale an der „Bierstraße“, wie ein Abschnitt der Partymeile genannt wird, sind inzwischen wieder geöffnet und rappelvoll. Das könnte sich nach den Ereignissen ändern: Die Wirte haben mit verschärften Sicherheitskontrollen reagiert, wie die „Mallorca Zeitung“ berichtet: Die Außenbereiche seien mit Absperrungen von der Straße getrennt worden, die Musik werde leiser abgespielt. Trotzdem hätten auch am Samstagabend wieder viele gefeiert.

Warnung vor Saufgelage

„Bitte funktioniert die sonst so gepflegte und gesittete Bierstraße nicht in ein asoziales und rücksichtsloses Saufgelage um“, appellierte die Kult-Kneipe „Et Dömsche“ bei Facebook. „Leider sind viele Gäste immer noch der Meinung, den Anweisungen des Personals nicht Folge leisten zu müssen.“ Künftig werde man jeden, der sich nicht an die geltenden Regeln halte, aus dem Lokal verweisen.

Besorgniserregende Szenen gab es nicht nur am Ballermann, sondern auch in anderen Teilen der Insel. So zum Beispiel laut Medien im besonders bei Briten beliebten Magaluf westlich der Inselhauptstadt, wo hemmungslose Party-Urlauber auf geparkten Autos getanzt und dabei hohe Sachschäden verursacht hätten. Hier habe es einige Festnahmen gegeben, so „Última Hora“.

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Die Bilder schockierten die Insel. Die Szenen zeigten, so die „Mallorca Zeitung“, „wie groß die Gefahr einer zweiten Corona-Welle auf Mallorca sein könnte“. Solch große Ansammlungen feiernder und trinkender Menschen hatte man auf den Balearen seit der Öffnung der Grenzen für ausländische Touristen Mitte Juni bisher nicht gesehen. Das Fazit der „Diario de Mallorca“: „Das Coronavirus hat den Sauftourismus nicht getötet“.

Zu den Schutzregeln gegen das Coronavirus gehört ein Sicherheitsabstand von 1,50 Metern zwischen Gästen, die nicht zur selben Gruppe gehören. Von diesem Montag an gilt auch eine Maskenpflicht innerhalb der Lokale, solange nicht gegessen oder getrunken wird. Und ein Tanzverbot, um zu viel Körpernähe zu vermeiden.

Gastronomen in Existenz bedroht

Die Gastronomen wissen, dass sie die eigene Existenz gefährden, wenn sie die Hygienevorschriften nicht durchsetzen. Denn bei einem neuen Virusausbruch droht das Ende der Saison. „Das wäre dramatisch“, sagt Iago Negueruela, Tourismusminister Mallorcas und der anderen balearischen Inseln. Die dreimonatige Inselschließung im Frühjahr hat bereits Millionenverluste verursacht.

„Wir werden nicht all das riskieren, was wir mit persönlichen und wirtschaftlichen Opfern erreicht haben“, warnt Francina Armengol, Regierungschefin der Baleareninseln. Jetzt drohen harte Strafen. Wer die neue totale Maskenpflicht nicht befolge, wird mit 100 Euro zur Kasse gebeten. Von dieser Woche an muss die Maske beim Verlassen des Hotels oder Ferienappartements immer getragen werden – nur am Strand nicht.

Unklar blieb am Wochenende, wann die am Donnerstag angekündigte und am Freitag beschlossene Maskenpflicht in öffentlichen Räumen und im Freien wirklich umgesetzt wird. Sie sollte an diesem Montag in Kraft treten, das Dekret dazu sollte am Freitag kommen - laut der Deutschen Presse-Agentur verzögerte es sich.

Mit etwas Abstand: Das Strandleben auf Mallorca bleibt wohl maskenfrei - aber eben nur am Strand. Foto: Clara Margais/dpa Vergrößern
Mit etwas Abstand: Das Strandleben auf Mallorca bleibt wohl maskenfrei - aber eben nur am Strand. © Clara Margais/dpa

Der Grund, mutmaßten Medien, war der schnelle und vehemente Protest von Hoteliers und Reiseveranstaltern dagegen.Unzählige Buchungen seien schon am Freitag - dem Tag nach der Ankündigung - in Deutschland und Großbritannien gecancelt worden, klagten sie. Die Regierung müsse ihre Maßnahme „überdenken“, forderte die Präsidentin des Hotelierverbandes FEHM, María Frontera. Nach einem Bericht der „Última Hora“ vom Sonntag tut Mallorcas Hauptstadt Palma das bereits: Wie und wann die Entscheidung getroffen wird, blieb erst einmal unklar.

Die rund 40 000 Bewohner von S'Arenal östlich der Hauptstadt Palma, wo der Ballermann liegt, schwanken derweil zwischen Angst und Empörung. „Natürlich habe ich Bammel. Die Deutschen leben einfach in einer anderen Welt“, sagte eine Nachbarin der Playa der Deutschen Presse-Agentur am Telefon.

„Eine Schande“, klagte „Última Hora“-Leser José Luis in einem der unzähligen, vorwiegend sehr kritischen Online-Kommentare. Ein anderer Nutzer schrieb, die Feiernden würden von „der Mafia der Tourismus-Lobby beschützt“.

Kritik aus Deutschland

In Deutschland reagierte CSU-Chef Markus Söder umgehend auf die Trink- und Partyexzesse im gerne als „17. Bundesland“ bezeichneten Mallorca: „Wir müssen vorsichtig bleiben. Vernunft und Lebensfreude gehen auch zusammen. Daher braucht es Umsicht im Urlaub. Schon einmal hat es eine Infektionswelle aus einem Urlaubsort gegeben ...“, twitterte der bayerische Ministerpräsident.

Er spielte damit auf die österreichische Gemeinde Ischgl an. Die gilt als einer der Hauptverbreitungsorte des Virus in Europa, seit sich dort Anfang des Jahres bei diversen Großpartys viele Menschen mit der Krankheit infizierten.

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Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte – wegen der Erfahrungen aus Ischgl – zum Start der ersten Flüge nach Mallorca prophetisch gewarnt: „Jetzt darf nicht Ballermann sozusagen das nächste Ischgl werden. Party feiern – würde ich sagen – ist dieses Jahr weniger angesagt. Das Virus ist noch da.“

Das scheinen einige deutsche Touristen in ihrem Urlaub gerne zu verdrängen. Andere dagegen machen sich angesichts der leichtfertigen Landsleute Sorgen um ihren eigenen Aufenthalt auf der Mittelmeerinsel: „Stell dir vor du bist als normaler Mensch im Urlaub auf Mallorca, gehst wandern und lecker essen, hältst Abstand... und dann musst du auf dem Rückflug mit diesen Ballermannpartytypen im Flieger sitzen“, twittert eine Userin über „den Stoff aus dem Albträume sind“.

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