Ein Demonstrant steht mit Trump-Maske in Sträflingskleidung vor der „New York Times“. Foto: Carlo Allegri/Reuters
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„New York Times“ ruft zur Abwahl auf „Trump ist das drängendste Problem der USA“

Korruption, Chaos, Inkompetenz und Lügen – die renommierte „New York Times“ rechnet mit Präsident Trump ab: „Er ist ein Mann, der des Amtes unwürdig ist.“

Dass Donald Trump fast alle Medien hasst, ist bekannt. Als er mit seiner Coronavirus-Infektion im Krankenhaus lag, tobte er auf Twitter in Versalien: „BEKÄMPFT DIE KORRUPTE FAKE-NEWS-PRESSE. WÄHLT!“ Am Wochenende lieferte der US-Präsident im Wahlkampf einen weiteren Beweis: Er bezeichnete „Mainstream-Medien“ als „Volksfeinde“ und warf ihnen vor, über „die weltweit größte Geschichte“ nicht zu berichten – gemeint war die angebliche Korruption seines demokratischen Herausforderers Joe Biden, der in landesweiten Umfragen im Schnitt einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten hat.

Einer der Lieblingsfeinde des Republikaners Trump ist die renommierte „New York Times“ (NYT). Das Blatt hatte sich bereits Anfang Oktober hinter Biden gestellt. Zuvor hatte auch das Editorial Board der „Washington Post“ Biden und dessen Vizekandidatin Kamala Harris offiziell die Unterstützung ausgesprochen und Trump als den „schlechtesten Präsidenten der Neuzeit“ bezeichnet.

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Jetzt legt die NYT nach. In einem eindringlichen Meinungsbeitrag riefen Kommentatoren US-Zeitung zur Abwahl Trumps auf. Unter dem Titel „End our national crisis“ („Beendet unsere nationale Krise“) schreibt das Editorial Board, Trumps Bemühungen um seine Wiederwahl stellten „die größte Bedrohung für die amerikanische Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg dar.“

Die Kommentatoren arbeiten unabhängig von der Nachrichtenredaktion. Ihr Beitrag bezieht sich nicht auf konkrete Aussagen des Präsidenten, sondern auf seine fast vierjährige Amtszeit. Darin heißt es weiter: „Die Ungeheuerlichkeit und Vielfalt der Vergehen von Herrn Trump kann überwältigend sein. Wiederholung hat das Gefühl der Empörung abgestumpft und die Anhäufung neuer Aufreger lässt wenig Zeit, sich mit den Einzelheiten zu befassen.“

Die Kommentatoren vertiefen ihre Vorwürfe in weiterführenden Artikeln am Beispiel einzelner Themen. Unter anderem kritisieren sie Trumps Umgang mit Frauen, Schwarzen und Angehörigen der L.G.B.T.Q.-Gruppe sowie seine Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen.

„Was bereits bekannt ist, ist schockierend genug“

Die „Fundamente der amerikanischen Zivilgesellschaft“ hätten bereits gebröckelt, bevor Trump 2015 seine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, hieß es in dem Artikel weiter. „Aber er hat die schlimmsten Tendenzen in der amerikanischen Politik verschärft: Unter seiner Führung ist die Nation polarisierter, paranoider und gemeiner geworden.“ Es könne Jahrzehnte dauern, bis das volle Ausmaß seines Fehlverhaltens ans Licht komme. „Aber was bereits bekannt ist, ist schockierend genug.“

Trump habe die Macht seines Amtes missbraucht und seinen politischen Gegnern die Legitimität abgesprochen, wodurch die Normen, die die Nation seit Generationen zusammenhalten, erschüttert worden seien. Der Präsident habe das öffentliche Interesse unter die Rentabilität seiner geschäftlichen und politischen Interessen subsumiert. „Er hat eine atemberaubende Missachtung des Lebens und der Freiheiten der Amerikaner an den Tag gelegt. Er ist ein Mann, der des Amtes, das er bekleidet, unwürdig ist“, heißt es in der NYT.

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Die Kommentatoren schreiben: „Der Redaktionsausschuss klagt einen rechtmäßig gewählten Präsidenten nicht leichtfertig an.“ Doch: „Die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Demokratie wurde durch die erste Amtszeit von Herrn Trump auf eine harte Probe gestellt. Vier weitere Jahre wären schlimmer.“

Im Gegensatz zu all seinen modernen Vorgängern habe er sich geweigert, sich zu einer friedlichen Machtübergabe zu verpflichten, „und suggeriert, dass sein Sieg das einzig legitime Ergebnis sei und dass er, wenn er nicht gewinnt, bereit sei, das Urteil des amerikanischen Volkes vor Gericht oder sogar auf der Straße anzufechten“.

„Der schlechteste Präsident in der modernen Geschichte“

Trump stehe ohne wirkliche Rivalen als der schlechteste amerikanische Präsident in der modernen Geschichte da. Im Jahr 2016 traf seine bittere Schilderung der Leiden der Nation bei vielen Wählern den Nerv der Zeit. „Aber die Lektion der vergangenen vier Jahre ist, dass er die drängenden Probleme der Nation nicht lösen kann, weil er das drängendste Problem der Nation ist.“

Weiter heißt es; Trump sei „ein rassistischer Demagoge“, „ein Isolationist in einer vernetzten Welt“, „ein ewiger Showman, der sich mit Dingen brüstet, die er nie getan hat, und der verspricht, Dinge zu tun, die er nie tun wird“. Der Präsident habe die Öffentlichkeit mit „Lügen“, „Desinformation“ und „Propaganda“ überschwemmt. Er sei unerbittlich, wenn es darum gehe, Gegner zu verunglimpfen und zögere, Gewalt von denjenigen, die er als Verbündete betrachtet, zu verurteilen.

Die Unzulänglichkeiten von Trump als Führungspersönlichkeit hätten sich während der Coronavirus-Pandemie besonders schmerzhaft gezeigt. Anstatt zu arbeiten, um Leben zu retten, habe er die Pandemie als ein Problem der Öffentlichkeitsarbeit behandelt. Er habe über die Gefahr gelogen, die Sachkenntnis der Beamten des öffentlichen Gesundheitswesens in Frage gestellt und sich der Umsetzung der notwendigen Vorsichtsmaßnahmen widersetzt. „Im September erklärte er, dass das Virus ‚praktisch niemanden betrifft‘, einen Tag bevor die Zahl der Todesopfer der Krankheit in den Vereinigten Staaten 200.000 überschritt. Neun Tage später erkrankte Herr Trump.“

„Beenden Sie unsere nationale Krise“

Die USA sind das von der Pandemie am schlimmsten betroffene Land der Welt. Daten der amerikanischer Johns Hopkins Universität zufolge waren Stand Sonntagmorgen bereits mehr als 219.200 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung verstorben, mehr als 8,1 Millionen infizierten sich nachweislich mit dem Coronavirus.

Andere moderne Präsidenten hätten sich gesetzeswidrig verhalten oder katastrophale Entscheidungen getroffen, heißt es in dem Beitrag weiter. Richard Nixon habe die Macht des Staates gegen seine politischen Gegner eingesetzt. Ronald Reagan habe die Ausbreitung von Aids ignoriert, Bill Clinton sei wegen Lügen und Behinderung der Justiz angeklagt worden und George W. Bush habe die Nation unter falschen Vorwänden in den Krieg geführt. Aber, so die Kommentatoren: „Trump hat Jahrzehnte präsidentiellen Fehlverhaltens in einer einzigen Amtszeit übertroffen.“ Der klare Appell der Kommentatoren: „Beenden Sie unsere nationale Krise.“ Der 3. November könne ein Wendepunkt sein. „Dies ist eine Wahl über die Zukunft des Landes und darüber, welchen Weg die Bürger gehen wollen.“

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