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Papst Franziskus hat eine neue Verfassung verkündet. Foto: Filippo Monteforte/POOL AFP/AP/dpa
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Neue Verfassung für die katholische Kirche Der Papst öffnet im Verlies Vatikan die Türen

Plötzlich frauenfreundlich und am Miteinander orientiert. Wer dachte, Franziskus sei schwach, sieht sich durch die Reformen eines Besseren belehrt. Ein Kommentar.

Und sie bewegt sich doch, die katholische Kirche. Wer gedacht hat, Franziskus sei in Tat und Wahrheit kein Reformer, als Papst zu schwach, ein intellektuelles Leichtgewicht – der und die kann jetzt hoffen.

Neue Zeichen der Zeit: Das geänderte „Grundgesetz“ für den Vatikan, zum neunten Jahrestag seines Pontifikats überraschend veröffentlicht, ist auf 54 Seiten die Ausformung all dessen, was Franziskus umtreibt. Es zeigt, dass er es ernst meint und ernst macht. Mit der Kurienreform wird es konkret: Ortsbischöfe haben künftig mehr zu sagen, Laien und nicht zuletzt Frauen.

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Schluss mit Machtspielen und Lippenbekenntnissen, mehr Miteinander und gemeinsame Verantwortung. Frauen können an die Spitze von Ministerien des Vatikan, Laien auch, und Ortsbischöfe sollen nicht immer nur auf Antwort aus Rom warten, sondern eigenverantwortlich Entscheidungen treffen. Das schreibt der Papst ihnen gleichsam vor. Richtig so. Als ob die Kurie alles besser wüsste. Der Vatikan ist schon lange ein Verlies für reformerische Gedanken, demokratisierende Ideen.

Womit es Franziskus ernst ist, zeigt sich in der Rangfolge der Neuordnung. Die Verbreitung des Glaubens mit Hilfe aller, die von Lebensweise und Anschauung und Ausbildung her geeignet sind, steht an erster Stelle. Und der Papst selbst wird Präfekt. Oder: Es gibt ein Ministerium für die Nächstenliebe, für die Zugewandtheit zu denen, die Hilfe besonders benötigen, Arme, Mühselige, Beladene. Das ist Kirche.

Dass dafür die (bisher) mächtige Glaubenskongregation zurückfällt – auch das: richtig so. Soll keiner glauben, dass eine Doktrin zu hüten sei. Selbstbezogenheit führt in die Irre. Wie man an all den grauenhaften Ereignissen der vergangenen Jahre sieht.

Ja, es ist spät. Die Kirche wankt. Darum besser spät als nie. Franziskus’ Reform setzt allerdings einen fundamentalen, epochalen Mentalitätswandel voraus. Dafür braucht er jetzt viele Mitstreiter:innen. Die Kurie in Rom hat rund 2600 Angestellte. 24 Prozent sind Frauen – aber sie sind die Hälfte der Gläubigen weltweit. Zugang zu allen Ämtern und Leitungsfunktionen, Gleichberechtigung statt Geschlechterdiskriminierung ist da eine Frage des Überlebens. Und der Einsicht: Jesus ging mit Frauen auf Augenhöhe um.

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