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Sudanesische Rebellen patrouillieren im Süden Darfurs im Jahre 2005. Foto: dpa
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Nach tödlichen Auseinandersetzungen Verschlimmert sich die Krise im Sudan?

Johannes Dieterich

Im Sudan scheint die kurze Phase der Stabilisierung vorüber. Bei den jüngsten Auseinandersetzungen starben 168 Menschen.

Es ging um einen Viehdiebstahl, der wie so oft in der Vergangenheit in der sudanesischen Provinz zum Auslöser blutiger Auseinandersetzungen wurde. Bauern des Volkes der Massalit warfen arabischen Nomaden vor, ihre Rinder weggetrieben zu haben und sie töteten in einer Racheaktion zwei der Nomaden. Daraufhin griffen diese wiederum am vergangenen Wochenende Dörfer der Massalit an. Rasch griffen die Auseinandersetzungen um sich, sie sollen inzwischen 168 Todesopfer und rund 100 Verletzte gefordert haben.

Der Konflikt in den Darfur-Provinzen, der während der inzwischen gescheiterten Demokratisierung des Sudans weitgehend beigelegt war, flammt wieder auf. Am Montag griff die Gewalt auf die Provinzhauptstadt El Geneina über. Dort wurde auch ein von den Ärzten ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus überfallen. In der Notaufnahme der Klinik sei es zu einer Schießerei gekommen, teilte die Hilfsorganisation mit.

Ein Mitarbeiter des Hospitals sei dabei ums Leben gekommen. Mediziner warnten vor einer katastrophalen Gesundheitslage in West-Darfur. Ihren Angaben nach wurden mehrere Krankenhäuser im Zuge der Gewalt angegriffen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) rief die Behörden auf, den Transport von Verletzten in die Krankenhäuser der Region sicherzustellen.

Kämpfe wecken Erinnerungen an den Völkermord 2003

Die Vorfälle erinnern an das Jahr 2003, als in den Darfur-Provinzen ein Bürgerkrieg zwischen den arabisch- und afrikanisch-stämmigen Bevölkerungsteilen ausbrach. Bei dem Konflikt ging es vor allem um den Zugang zu Ressourcen in der trockener werdenden Sahelzone – zu Wasserquellen und Weideflächen. Den von der Regierung in Khartum unterstützten Reitermilizen wurde damals vorgeworfen, im Darfur einen Völkermord zu begehen.

Der ehemalige Diktator Omar al Baschir wurde 2019 nach über 25 Jahren vom Militär entmachtet. Foto: dpa Vergrößern
Der ehemalige Diktator Omar al Baschir wurde 2019 nach über 25 Jahren vom Militär entmachtet. © dpa

Der Internationale Strafgerichtshof in den Haag klagte den sudanesischen Präsidenten Omar al Baschir des Völkermords an. Nach UN-Angaben kamen bei dem Bürgerkrieg mehr als 300.000 Menschen ums Leben, rund 2,5 Millionen Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen. Nach der Revolution in Khartum, die vor drei Jahren zur Inhaftierung al Baschirs führte, verminderten sich die Spannungen in den Darfur-Provinzen zunächst.

Die Privatarmee hat fast 100.000 Kämpfer

Die UN zog Mitte des vergangenen Jahres die letzten Blauhelme ab. Darfurs Rebellengruppen hatten mit der sudanesischen Übergangsregierung einen Friedensvertrag in Juba, der Hauptstadt des Südsudans, unterzeichnet. Überraschenderweise kam dieser nicht zuletzt auf Betreiben des einstigen „Dschandschawid“-Kommandanten Mohamed Hamdan Dagalo zustande.

Die berittene „Dschandschawid“-Miliz besteht größtenteils aus Beduinen und anderen nomadischen Gruppen. Ab 2003 waren sie es, die die Konflikte in der Region eskalierten. Hemeti galt als einer der engsten Verbündeten al Baschirs, wandte sich aber während der Revolution von seinem Gönner ab. Der Milizenführer hatte es mit der illegalen Ausbeutung von Goldvorkommen in den Darfur-Provinzen zu beachtlichem Reichtum gebracht.

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Mit ihm baute er die stärkste Privatarmee des Landes auf: die berüchtigte, fast 100.000 Mann starke Rapid Support Force (RSF). Die stellte Hemeti gegen Bezahlung wiederholt auch ausländischen Mächten zur Verfügung. Sie kämpfte auf saudischer Seite im Jemen-Krieg und mischte auf der Seite Khalifa Haftars im Libyen-Krieg mit. Es wird davon ausgegangen, dass die „Dschandschawid“ auch enge Verbindungen zu den Rebellen im Tschad haben.

Die Menschen im Sudan leiden unter den ständigen Auseinandersetzungen, Experten erwarten daher Hunger-Aufstände. Foto: REUTERS Vergrößern
Die Menschen im Sudan leiden unter den ständigen Auseinandersetzungen, Experten erwarten daher Hunger-Aufstände. © REUTERS

Putsch beendet sudanesische Demokratisierung

Nach dem Fall al Baschirs stieg Hemeti zum zweitmächtigsten Mann der Militärs auf. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, Putschisten-General Abdel Fattah al Burhan aus dem Amt zu drängen. Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags in Juba war es Hemeti gelungen, seine einstigen Todfeinde, die afrikanischen Rebellenbewegungen im Darfur, auf seine Seite zu bringen.

Sie fürchteten, auch von einer demokratisch gewählten Regierung in der Hauptstadt Khartum marginalisiert zu werden. Sie befürworteten sogar den Coup, mit dem das Militär im vergangenen Oktober den demokratischen Übergang im Sudan beendete. Diese Entscheidung werden die Rebellen inzwischen bereuen, denn der Sudan schlittert seit dem Putsch immer tiefer in eine Krise, die nach Auffassung von Fachleuten zu Hunger-Aufständen führen kann. Was sich derzeit abspielt, könnte erst der Anfang sein.

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