Eine muslimische Frau mit Kopftuch steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
© Wolfgang Kumm/dpa

Nach Rücktritt von Mesut Özil Was läuft in Deutschland bei der Integration schief?

Der Rücktritt von Mesut Özil bewegt die Republik. Und bringt Menschen, die sich ebenfalls für einen Teil Deutschlands hielten, ins Zweifeln und zum Verzweifeln.

Er ist der Sohn einer Putzfrau, im Ruhrgebiet geboren und hat wie sein jüngerer Bruder einen Doktortitel. Aber er hat auch schwarze Haare und einen dunklen Teint. Als er mal bei Rot über die Ampel läuft, hört er hinter sich rufen: „Wir sind hier in Deutschland, bei uns gelten noch Regeln!“

Sie hat ein juristisches Prädikatsexamen, aber trägt Kopftuch – damit sind ihr begehrte Arbeitsplätze versperrt, die an alle Nicht-Kopftuch-Trägerinnen immer nach Noten vergeben werden.

Eine Ministerin aus Hamburg, mit einem Akzent wie Helmut Schmidt, hält es für schwierig, das Besondere deutscher Kultur zu definieren. Worauf der politische Gegner sie „entsorgen“ will – „in Anatolien“, nicht in Altona.

Beispiele von sehr vielen, die jeder kennt, zu dessen Freundeskreis nicht ausschließlich Menschen gehören, die Müller, Meier und Schmidt heißen. Sie müssen beinahe täglich erleben, dass nicht das zählt, was sie sagen oder was sie leisten, sondern dass gerade sie es sind, die etwas tun oder sagen. Und dass sie dabei auf eine einzige Eigenschaft reduziert werden, die für viele gar nicht bedeutsam wäre, wenn es nicht immer von außen als ihre wichtigste, fast einzige angesehen würde: Sie sind Menschen mit nicht urdeutscher Familiengeschichte.

Özil hat das Problem in die richtigen Fragen gepackt

Einmal Türke, Araberin, Migrant – immer Türke, Araberin, Migrant? Mesut Özil, bisher deutscher Fußballnationalspieler, der dann doch nicht richtig deutsch genug war, hat das Problem in seiner Rücktrittserklärung von Sonntag in die richtigen Fragen gepackt. Wenn Lothar Matthäus Wladimir Putin die Hand schütteln dürfe, ohne dass ihm die Ehrenspielführerschaft aberkannt wurde, was heißt das für die Behandlung, die der DFB, deutsche Politik und Medien für ihn selbst angemessen halten? „Bin ich wegen meiner türkischen Herkunft ein lohnenderes Ziel?“

Im Augenblick lässt sich die Frage nur mit Ja beantworten. Das ist nicht das Problem von Mesut Özil und all der Namenlosen, die es kennen wie er. Es ist ein Problem des ganzen Landes. Dass die öffentliche Debatte in Politik und Medien viele Probleme als ethnische markiert, verhindert, dass sie angepackt werden können. Wenn Antisemitismus auf einmal als arabisch-türkisch-muslimische Importware angesehen wird, können sich die altdeutschen Judenfeinde wieder sicherer fühlen. Und dies in einem Land, das für den Mord an sechs Millionen Juden verantwortlich ist.

Wer hinter jedem Menschen mit dunkler Haut einen Kriminellen sieht, hat keine Augen mehr für Diebe, Räuber, Vergewaltiger mit heller. Und das sind ausweislich der Kriminalstatistiken absolut immer noch die weitaus meisten. Mindestens ebenso dramatisch: Ein wachsender Teil der Bevölkerung wird als nicht zugehörig, nicht richtig deutsch abgestempelt und abgewertet. Was unmenschlich ist, in einer Demokratie hochproblematisch und schädlich für die Entwicklung einer Gesellschaft, die damit Talent, Engagement und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung verliert.

Haben Sie Lust, jemanden kennenzulernen, der Fragen ganz anders beantwortet als Sie? Dann machen Sie mit bei "Deutschland spricht. Mehr Infos zu der Aktion auch hier.

Die Vereinten Nationen haben vor Jahren in einem eindrucksvollen Bericht über die Folgen von Racial Profiling, also jene Fixierung auf ethnische und äußere Merkmale im politischen und gesellschaftlichen Handeln, beide Folgen belegt. Die Sozialwissenschaftlerin und Migrationsforscherin Naika Foroutan brachte es in einem Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag, vor Özils Rücktritt, auf die Formel: Während die WM beim Autokraten Putin stattfinde, werde das Bild, das Özil mit dem Autokraten Erdogan zeigt, genutzt, „um Özil das Deutschsein zu entziehen“.

Das sähen auch viele andere als Warnung. „Dass einem die Zugehörigkeit jederzeit entzogen werden kann, egal welche Verdienste man hat und welche Leistungen man erbracht hat.“ Mit Özils Worten: „Ich bin deutsch, wenn wir gewinnen, aber ich bin Migrant, wenn wir verlieren.“ Selbst die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, deren Familie Palästinenser sind, twitterte jetzt: „Werden wir jemals dazugehören? Meine Zweifel werden täglich größer.“ Und: „Das tut weh.“

Wer sich wie Foroutans Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten mit den Folgen wachsender gesellschaftlicher Vielfalt beschäftigt – und das nicht nur unter ethnischen Aspekten – weist auch immer wieder darauf hin, dass der ethnisierende Blick auf die „Anderen“ oder besser die „Ge-Anderten“ diese Anderen oft erst erschafft. Selbst Foroutan erlebt an ihrem ältesten Sohn, dass er, als Professorinnenkind keineswegs in einem physischen Ghetto aufgewachsen, sich symbolisch in ein Ghetto gesteckt fühlt. „Er performt plötzlich wieder als Ausländer“, sagte sie.

Was wäre, wenn Höcke Öztürk heißen würde?

Eine weitere Folge des sogenannten Otherings: Andere „Andere“ werden nicht als problematisch erkannt. Die rechtmäßige Zugehörigkeit weißer Langzeitdeutscher mit Namen wie Gauland oder Höcke gilt als gesetzt, auch wenn sie Schüsse auf Migranten fordern, die Leistungen der Wehrmacht im Krieg loben, alte Geschlechtermodelle zur Norm im Schulunterricht machen wollen oder mehrdeutig erklären, ein „tausendjähriges Deutschland“ zu verteidigen.

Mit anderen Worten: Sie offenbaren dabei ein mindestens problematisches Verhältnis zu „unseren Werten“, sofern man darunter die des Grundgesetzes und der deutschen Staatsräson nach 1945 versteht. Hießen sie Öztürk, Arslan oder Nasr, würde dies vermutlich laute Rufe nach Integrationskursen provozieren.

Die NSU-Mordserie war das womöglich spektakulärste und grausamste Ergebnis dieser unhinterfragten und weit verbreiteten Einteilung in „Wir“ und „Die. Die Opfer waren schließlich nicht „wir“, die Täter wurden nicht entdeckt, weil sogar ihre Brutalität den Ermittlungsbehörden eher auf ein nicht deutsches „Milieu“ zu deuten schien. Das Gerichtsverfahren in München ist zu Ende, die größere Aufarbeitung, wie die Familien der Toten jetzt wieder beklagten, hat bestenfalls begonnen.

Der Tagesspiegel kooperiert mit dem Umfrageinstitut Civey. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Zur Startseite