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Friedensbotschaft. Einige arabische Staaten wie die Vereinigten Emirate setzen jetzt auf ein Bündnis mit Israel – den USA wird nicht mehr so recht vertraut. Foto: Nir Elias/dpa
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Nach dem Rückzug der USA aus Afghanistan Der Nahe Osten auf Partnersuche

Der desaströse Abzug aus Afghanistan zeigt den Mächtigen im Nahen Osten: Mit Amerika ist nicht mehr zu rechnen. Die Region orientiert sich neu.

Israel baut seine Beziehungen zu den arabischen Golf-Staaten aus. Die Türkei redet mit Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Saudi-Arabien verhandelt mit dem Iran - im Nahen Osten bemühen sich etliche Länder um eine regionale Neuausrichtung.

Der überstürzte Abzug Amerikas aus Afghanistan und das bevorstehende Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak führt den Verantwortlichen vor Augen, dass auf den Schutzschirm der Weltmacht USA nicht mehr unbedingt Verlass ist.

Der Eisbrecher Israel

Premier Naftali Bennett macht da weiter, wo sein Vorgänger Benjamin Netanjahu aufgehört hat: Er geht auf die Feinde von einst zu, und das mit großen Schritten. Marokko, Sudan, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain – aus Kontrahenten sind inzwischen Partner oder gar Verbündete geworden.

Ermöglicht wurden diese neuen Allianzen durch das sogenannte Abraham-Abkommen. Vor genau einem Jahr vereinbarten Israel, die Emirate und das kleine Bahrain, ihre Beziehungen zu normalisieren. Andere arabisch-muslimische Staaten folgten.

Den Weg für diese historische Annäherung hatten Netanjahu und der damalige US-Präsident Donald Trump bereitet. Beide waren der Überzeugung, dass sowohl ökonomische als auch politische Interessen einigend wirken können. In der Tat gibt es mittlerweile einen regelrechten Boom beim wirtschaftlichen Austausch. Auch geostrategisch ist man oft auf einer Linie.

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Das heißt im Klartext vor allem: Die Furcht vor dem wachsenden Einfluss des Iran ist ein wichtiger Bestandteil des politischen Kitts. Sogar Saudi-Arabiens Außenminister Faisal Bin Farhan lobte erst vor einigen Wochen das Abraham-Abkommen, weil es sich positiv auf die Region auswirke.

Für Israel hatte sich die Übereinkunft schon am Tag der Unterzeichnung ausgezahlt – vor den Augen der Welt war die Isolation des jüdischen Staats im Nahen Osten durchbrochen. Die Botschaft lautet: Frieden mit Israel lohnt sich.

Um das zu betonen, traf Premier Bennett am Montag überraschend mit Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al Sisi zusammen. Es war das erste Treffen auf dieser Ebene seit zehn Jahren. Kairo ist ein wichtiger Partner für Israel, gerade wenn es um Gaza und die dort herrschende Hamas geht.

Zeitenwende in Kabul: Der letzte US-Soldat verlässt Afghanistan. Foto: Uncredited/U.S. Central Command via AP/dpa Vergrößern
Zeitenwende in Kabul: Der letzte US-Soldat verlässt Afghanistan. © Uncredited/U.S. Central Command via AP/dpa

Die Abkehr Amerikas

Washington hatte das Vertrauen seiner Verbündeten in der Region gleich mehrfach erschüttert. Trotz der Androhung von Militärschlägen zur Bestrafung von Chemiewaffen-Einsätzen der syrischen Regierung blieb der damalige Präsident Barack Obama 2012 gegen Staatschef Baschar al Assad untätig.

Zudem setzte sich Amerikas damaliger Präsident mit dem Iran – dem Todfeind Israels und arabischer Golf-Staaten – an einen Tisch, als er mit Teheran ein Abkommen zur Begrenzung des iranischen Atomprogramms aushandelte.

Mit den Jahren haben sich außerdem die Prioritäten der USA verändert. Der Aufstieg Chinas stellt die Amerikaner vor neue politische, wirtschaftliche und militärische Probleme. Für Präsident Joe Biden hat die globale Rivalität mit Peking absoluten Vorrang.

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Auch hat die wirtschaftliche Bedeutung des Nahen Ostens für die USA abgenommen. Vor 20 Jahren führten die USA pro Jahr rund eine Milliarde Barrel (je 159 Liter) Öl aus der Golf-Region ein – heute liegen die Importe nur noch bei einem Viertel dieser Menge.

Dass ein amerikanischer Präsident innerhalb von nur zwei Jahren zwischen Hindukusch und Persischem Golf zwei Kriege mit Hunderttausenden Soldaten beginnt, wie George W. Bush es 2001 und 2003 in Afghanistan und im Irak tat, ist heute kaum noch vorstellbar.

Auch Saudi-Arabien (hier Kronprinz Mohammed bin Salman) weiß, dass im Ernstfall kein Verlass auf Amerika ist. Foto: imago images/ITAR-TASS Vergrößern
Auch Saudi-Arabien (hier Kronprinz Mohammed bin Salman) weiß, dass im Ernstfall kein Verlass auf Amerika ist. © imago images/ITAR-TASS

Der löchrige Schutzschirm

Zwar sind nach wie vor Zehntausende US-Soldaten mit Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen im Nahen Osten stationiert. Washington unterstützt weiterhin Israel, Saudi-Arabien, die VAE und andere Länder. Moderne Militärtechnik, zum Beispiel Drohnen, ermöglicht es den USA, auch ohne großen Truppeneinsatz zuzuschlagen.

Doch der Abzug aus Afghanistan ist ein Signal an Israelis, Saudis und Emiratis: Dass die USA ihnen zur Seite stehen werden, wenn sie in Bedrängnis geraten, ist nicht mehr sicher. Im Ernstfall könnten die Verbündeten auf sich allein gestellt sein.

Das gilt auch für Saudi-Arabien. Die Nachrichtenagentur AP berichtet, das US-Militär habe in den vergangenen Wochen moderne Raketenabwehrsysteme von einem Stützpunkt nahe der saudischen Hauptstadt Riad abgezogen. Die Waffen waren dort stationiert worden, um das Königreich vor Angriffen des Iran und der Huthi-Rebellen im Jemen zu schützen.

Die Stunde der Diplomaten

Entscheidungsträger im Nahen Osten hätten den Eindruck gewonnen, dass die Sicherheit der Partner am Golf für die USA nicht mehr so wichtig sei, sagte Kristian Ulrichsen von der amerikanischen Rice-Universität jüngst im Gespräch mit AP. Politiker in der Region stellen sich auf diese veränderten Bedingungen ein und machen sich auf die Suche nach neuen Partnern.

Ein Beispiel ist die Türkei. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren mit fast allen Ländern im Nahen Osten überworfen - und versucht nun den Neuanfang. Deshalb gibt es seit einigen Monaten wieder hochrangige Kontakte zwischen der Türkei und Ägypten.

Präsident Recep Tayyip Erdogan empfing zudem VAE-Sicherheitsberater Tachnun bin Zayed al Nayhan, nachdem die VAE lange Zeit in der Türkei als machtgieriger Störenfried verteufelt worden waren. Nach langer Feindschaft führen die Emirate neuerdings auch wieder Gespräche mit dem umtriebigen Katar.

Der Irak vermittelt sogar Gespräche zwischen den Erzfeinden Saudi-Arabien und Iran, die seit 2016 keine diplomatischen Beziehungen miteinander haben. Die Konfrontation von einst scheint keine große Rolle mehr zu spielen.

Der Iran (hier Präsident Raisi) setzt seit langem darauf, dass sich die USA aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückziehen. Foto: Iranian Presidency/AFP Vergrößern
Der Iran (hier Präsident Raisi) setzt seit langem darauf, dass sich die USA aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückziehen. © Iranian Presidency/AFP

Die Profiteure

Das Mullah-Regime im Iran ist ein Gewinner der neuen Situation. Teheran verfolgt seit langem das strategische Ziel, die USA zum Rückzug aus dem Nahen Osten zu bewegen, und sieht sich deshalb durch Amerikas Abzug aus Afghanistan und durch das geplante Ende des amerikanischen Kampfeinsatzes im Irak bestärkt.

Auch die Großmächte Russland und China können vom Rückzug der USA profitieren. Moskau hat sich mit seiner Militärhilfe für Assad in Syrien und der Entsendung von Söldnern nach Libyen neuen Einfluss verschafft. Russland kooperiert außerdem eng mit dem Nato-Land Türkei und fördert dessen Abwendung vom Westen mit der Lieferung eines Raketenabwehrsystems.

China wiederum engagiert sich bisher vor allem wirtschaftlich durch Milliardenprojekte wie dem Bau der neuen ägyptischen Verwaltungshauptstadt bei Kairo und einem auf 25 Jahre angelegten Kooperationsvertrag mit dem Iran. Der Ausbau der chinesischen Kriegsmarine dürfte künftig auch die Militärpräsenz Pekings in der Region verstärken.

Für die kommenden Monate ist ein gemeinsames Manöver von Marineverbänden aus Russland, China und dem Iran am Eingang zum Persischen Golf geplant. Nach Berichten staatlicher chinesischer Medien lautet das Ziel der Übung: „Westliche Mächte an der Einmischung in der Region hindern.“

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