Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Mit Mundschutz stehen medizinische Mitarbeiter hinter einer Glasscheibe Foto: Mike Simons/Tulsa World/AP/dpa
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Exklusiv Mit Opioiden und Antidepressiva gegen Stress Pflegekräfte brauchen mehr Schmerzmittel – für sich selbst

Die überlasteten Pflegekräfte stehen unter Druck, nun kommt Corona dazu: Schmerzmittel schlucken sie mehr als doppelt so häufig wie andere Berufsgruppen.

Pflegekräfte bekommen weit häufiger als Beschäftigte in anderen Berufsgruppen Schmerzmittel und Antidepressiva verordnet. Das geht aus dem Pflegereport 2020 hervor, den die Barmer Krankenkasse heute in Berlin vorstellt. Im Vergleich zu anderen Berufstätigen ist die Verordnungshäufigkeit von Opioiden bei Pflegekräften demnach um bis zu 131 Prozent erhöht. Bei Antidepressiva liegt sie um bis zu 50 Prozent über der anderer Berufe.

Besonders erschreckend ist die Rezeptquote bei den Hilfskräften in der Altenpflege. Während sie pro Jahr im Schnitt auf 15 Opioid-Rezepte pro 100 Beschäftigte kommen, sind es der Studie zufolge bei Arbeitnehmern in sonstigen Jobs lediglich sieben Rezepte. Für Antidepressiva beträgt die Verordnungsquote bei Altenpflege-Hilfskräften im Schnitt 35 Verordnungen auf jeweils 100 Beschäftigte. In anderen Berufsgruppen sind es lediglich 23 Rezepte jährlich.

Bei den Zahlen handelt es um die Verordnungsmenge im Zeitraum 2016 bis 2018. Der Corona-Stress ist in den Zahlen also noch nicht einmal abgebildet.

 „Die Arbeitssituation in der Pflege greift die Gesundheit der Beschäftigten massiv an“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub. „Wenn sie ausfallen, werden Kolleginnen und Kollegen zusätzlich belastet. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, zumal die Corona-Pandemie die angespannte Arbeitssituation der Pflegekräfte noch einmal verschärft.“ Alle beteiligten Akteure müssten ihren Teil dazu beitragen, die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte rasch deutlich zu verbessern. Um dies nachhaltig zu erreichen, sei zwingend mehr Personal erforderlich.

Körperlich und psychisch extrem unter Druck

Pflegeverbände und Fraktionsexperten jedenfalls wundern sich nicht über die zu Tage geförderten Zahlen. Und auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, klagt über zu wenig Pflegekräfte in den Einrichtungen. „Hetze und Überlastung sind zwangsläufig alltäglich – nicht erst seit der Pandemie“, sagte Westerfellhaus dem Tagesspiegel Background Gesundheit & E-Health. „Und schlechte Arbeitsbedingungen machen krank und führen über kurz oder lang zum Berufsausstieg.“ Diese Abwärtsspirale verschärfe den Fachkräftemangel dann weiter. 

Ähnlich die Diagnose des Deutschen Pflegerates. Die körperliche und psychische Belastung in den Pflegeberufen sei extrem, sagt Präsident Franz Wagner. Sie werde „vor allem durch die zu niedrigen Personalschlüssel verursacht“. Die Folgen davon seien „überdurchschnittlich hohe Ausfallzeiten durch Krankheit – unter anderem wegen Rückenschmerzen“. Und eben auch „die im Pflegereport beschriebene häufigere Verordnung von Schmerzmitteln und Antidepressiva“. Zudem belege die besonders hohe Quote bei Hilfskräften in der Altenpflege, „dass bei einer niedrigeren beruflichen Qualifikation anscheinend auch die Fähigkeit, Belastungen zu kompensieren, geringer ausgeprägt ist“. Aus der Sicht des Pflegerats-Präsidenten ist das „ein weiteres Argument für eine qualifizierte Pflegeassistenzausbildung“.

SPD für mehr Prävention und Gesundheitsförderung

Solange sich die Arbeitsbedingungen der Pflegenden nicht besserten, werde sich an solchen Zahlen nichts ändern, so Wagner. „Wir brauchen dringend zeitnah und nachhaltig mehr qualifiziertes Pflegepersonal in allen Sektoren und wir müssen darüber hinaus die Pflegenden dabei unterstützen, mit dem berufsbedingten Stress umzugehen“. Das verlange ein „ganzes Maßnahmenbündel: Organisation der Arbeitszeiten mit einem verlässlichen Dienstplan, betriebliche Gesundheitsförderung, Investition in Aus- und Fortbildung sowie Unterstützung der Pflegeleitungen zur Erfüllung ihrer Führungsaufgaben“.

Die Zahlen zeigten, wie hoch die körperlichen und psychischen Belastungen für Pflegekräfte seien, meint auch die Pflegebeauftragte der SPD-Fraktion, Heike Baehrens. Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung seien dringend notwendig. „Zurecht war diesem Themenbereich in der Konzertierten Aktion Pflege eine ganze Arbeitsgruppe gewidmet. Die Erkenntnisse und Beschlüsse dieser AG müssen nun in der Praxis umgesetzt werden.“

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Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, brauche es vor allem eines, betonte die SPD-Expertin: Entlastung durch mehr Personal. Zudem zeigten die Erkenntnisse aus dem Report, dass auch Assistenz- und Hilfskräfte gut qualifiziert werden müssten. Durch Aus- und Weiterbildung würden Methoden erlernt, wie man mit psychischer Belastung umgehen könne. „Arbeitgeber müssen ihre Verantwortung ernst nehmen, für gute Personalführung ebenso zu sorgen wie für Supervision, Prävention und Gesundheitsförderung“, so Baehrens.

„Ein Warnsignal, das wachrütteln sollte“

Der Einsatz von Medikamenten sei der Teil der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen, sagte die pflegepolitische Sprecherin der Grünenfraktion im Bundestag, Kordula Schulz-Asche. Es handle sich allerdings um „ein Warnsignal, das wachrütteln sollte, wenn Pflegekräfte selbst immer häufiger in Medikamentenschachteln greifen“. Die überdurchschnittliche Verordnungshäufigkeit von Opioiden und Antidepressiva deute darauf hin, dass viele Pflegekräfte physisch und psychisch überlastet seien. „Der Medikationsbedarf ist dabei ein Symptom, die Arbeitsbedingungen aber wohl die Ursache.“

Die Finanzierung von bis zu 20.000 Pflegehilfskraftstellen zur Entlastung des Fachpersonals könne „nur dann ein Schritt in die richtige Richtung sein, wenn zum einen die Stellen tatsächlich besetzt werden und zum anderen die pflegerischen Tätigkeiten neugeordnet werden“, so die Grünen-Expertin. „Mehr Personal wird nur dann weiterhelfen, wenn Menschen entsprechend ihrer Ausbildung eingesetzt werden.“

Zudem sehe sie „mit Sorge, dass bei der Finanzierung der Stellen eine zu lange Zeit eingeräumt wird, bis eine Weiterbildung der Pflegehilfskräfte stattfinden muss“, sagte Schulz-Asche. „Eine gute Ausbildung, regelmäßige Fortbildungen und Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz sind wichtige Bausteine der  Gesundheitsvorsorge. Denn nur wer es gelernt hat, kann sich bei der Pflegearbeit auch selbst schützen.“

Überfordert nicht erst seit der Pandemie

Auch Nicole Westig, pflegepolitische Sprecherin der FDP-Faktion im Bundestag, wundert sich nicht über den hohen Verbrauch von Opioiden und Antidepressiva unter Pflegekräften. „Zu viel Arbeit auf zu wenigen Schultern, fehlende Entlastung durch Digitalisierung, kaum Zeit für Zuwendung zum Menschen, oftmals eine nicht angemessene Bezahlung und nicht zuletzt Dienstpläne, die das Privatleben unnötig und nicht selten unzumutbar einschränken: Dass dies nicht spurlos an den Pflegekräften vorbei geht, darf niemanden wundern“, sagte Westig dem Tagesspiegel Background. „Wir müssen endlich den Pflegeberuf attraktiver gestalten, aus Verantwortung um die Gesundheit unserer Pflegekräfte und um zu verhindern, dass immer mehr Menschen der Pflege den Rücken kehren und sich so die Situation noch weiter verschlimmert.“ 

Extrem belastet: Pflegekräfte schlucken mehr Opioide und Antidepressiva als andere Beschäftigte. Foto: Sven Hoppe/dpa Vergrößern
Extrem belastet: Pflegekräfte schlucken mehr Opioide und Antidepressiva als andere Beschäftigte. © Sven Hoppe/dpa

Die oftmals über die Belastungsgrenze hinausgehende Arbeitsbelastung unserer Pflegekräfte sei nicht erst seit der Corona-Pandemie bekannt, so Westig, sondern schon seit Jahren. „Die Corona-Pandemie muss der letzte Weckruf sein, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn endlich dafür sorgt, dass der Pflegeberuf wieder attraktiver wird und wir mehr Menschen gewinnen, in der Pflege zu arbeiten oder wieder in die Pflege zurück zu kehren.“ Lediglich Stellen zu schaffen, ohne diese besetzen zu können, sei nicht die Lösung.

Pilotprojekt für bessere Arbeitsbedingungen

Westerfellhaus versichert, dass die Politik „die Problematik erkannt“ habe. Bei der „Konzertierten Aktion Pflege“ sei „ein umfangreiches Maßnahmenbündel beschlossen, wie der Fachkräftemangel abgebaut und die Arbeitsbedingungen verbessert werden können“. Beispielhaft seien hier die Umsetzung der Personalbedarfsbemessung, die Förderung von Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie der Digitalisierung zu nennen.

Als eigenen Betrag zur Konzertierten Aktion Pflege habe er bereits 2019 ein erfolgreiches Pilotprojekt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in 25 ambulanten und stationären Langzeitpflegeeinrichtungen durchgeführt, erinnert der Pflegebevollmächtigte. Im nächsten Jahr starte das Nachfolgeprojekt, mit dem bis zu 750 Pflegeeinrichtungen bei besseren Arbeitsbedingungen unterstützt werden sollen. Er hoffe, so sagte Westerfellhaus dem Tagespiegel Background, dass der nächste Pflegereport dann schon eine „Trendwende“ und erste positive Ergebnisse der Konzertierten Aktion belege. „So wie bisher kann es jedenfalls nicht weitergehen.“

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