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Gerangel. Israelische Polizei und palästinensische Demonstranten im Ost-Jerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah. Foto: Ammar Awad, Reuters
© Ammar Awad, Reuters

Mit Davidstern in der Palästinenser-Demo Nicht alles, was erlaubt ist, ist auch klug

In einer idealen Welt sollten Menschen überall sicher sein. In einer realen Welt sollten sie auch „common sense“ besitzen. Ein Kommentar.

Der Begriff „No-go-Area“ bezeichnete ursprünglich ein militärisches Sperrgebiet. Heute steht er für einen Stadtteil oder einen Bezirk, in dem die Sicherheit von Menschen nicht gewährleistet werden kann. Aus einer No-go-Area hat sich der Staat zurückgezogen. Er verzichtet auf sein Gewaltmonopol und duldet Kräfte, die er nicht kontrollieren kann oder will.

Auf dem Hermannplatz in Berlin-Neukölln demonstrierten am 15. Mai diverse Palästinenser-Organisationen gegen Israel. Es war „Tag der Nakba“, an dem traditionell an die Flucht und Vertreibung von Hunderttausenden arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina erinnert wird.

[Eine Antwort auf diesen Text von Malte Lehming lesen Sie von Anna Sauerbrey: Darf man Juden raten, an „Nakba“ keinen Davidstern zu tragen?]

Das Wort „Nakba“ heißt „Katastrophe“ oder „Unglück“. Zusätzlich aufgeheizt war die Stimmung durch den Raketenhagel der Hamas auf Israel und der israelischen Reaktion darauf.

"Das ist zutiefst antisemitisch"

Drei junge Berliner gerieten in die Demonstration, zwei von ihnen trugen einen Davidstern als Kette um den Hals. Sie dokumentierten die Parolen und Plakate, wurden umringt und beschimpft, einer wurde körperlich angegriffen.

Die Polizei brachte die Gruppe in Sicherheit, nahm ihre Anzeigen auf. Den Rat, künftig am „Tag der Nakba“ bei einer Demonstration von Palästinensern auf jüdische Symbole zu verzichten, kommentierte eine der Jugendlichen so: „Das Tragen eines Davidsterns als Provokation? Das ist zutiefst antisemitisch.“

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In einer idealen Welt sollten Menschen überall sicher sein. Sie sollten keine Angst haben müssen. Sie sollten sich öffentlich zu ihrer Religion bekennen dürfen. Sie sollten friedlich und gewaltfrei sein, leben und leben lassen, hören und zuhören.

Rechtmäßiges und Gebotenes sind nicht immer deckungsgleich

In einer realen Welt sollten die Menschen für die Werte der idealen Welt eintreten und kämpfen. Sie sollten aber auch „common sense“ besitzen, Realitätsbewusstsein. Sie sollten eine Situation bewerten und verstehen können. Sie sollten unterscheiden können zwischen erlaubten und klugen Handlungen. Rechtmäßiges und Gebotenes sind nicht immer deckungsgleich.

Wer fühlt sich wodurch provoziert? Wichtig hier: Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter. Aber vielleicht wäre es keine gute Idee, im Antifa-T-Shirt auf eine Reichsbürger-Veranstaltung zu gehen. Oder einen AfD-Stand direkt vor dem besetzten Haus in der Rigaer Straße aufzubauen. Oder am „Tag der Republik“, dem türkischen Nationalfeiertag „Cumhuriyet Bayrami“, sich mit einem großen Konterfei des islamischen Predigers Fethullah Gülen unter Erdogan-Anhänger zu mischen.

Im Bikini durch Mea Shearim?

Und wer käme im Nahen Osten auf den Gedanken, an Yom Kippur im Bikini durch den überwiegend von ultraorthodoxen Juden bewohnten Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim zu spazieren? Oder sich mit einer Palästina-Fahne der israelischen Siedlung Bet El zu nähern, die eine Hochburg des „Gusch Emunim“ ist, dem „Block der Getreuen“, dessen Anhänger fanatische Groß-Israel-Zeloten sind?

Ebenfalls nicht zu empfehlen ist es für einen Israeli mit Kippa, völlig unbewaffnet in der Stadt Nablus in der Westbank in aller Ruhe picknicken zu wollen.

Es sind Beispiele aus einer realen Welt – sie zeigen die Kluft zur idealen, gewünschten Welt.

Natürlich müssen Juden in Berlin nicht nur sicher sein, sondern sich auch sicher fühlen. Wer sie beleidigt oder gar angreift, muss bestraft werden. Das allerdings heißt nicht, dass jede Debatte über ein kluges situatives Verhalten überflüssig ist.

Ein Nachtrag (verfasst am 2. Juli 2021):

Diese Kolumne gab Anlass zu Kritik, Fragen und Missverständnissen. Dafür bitte ich um Entschuldigung. Ich schreibe, klar und deutlich: „Natürlich müssen Juden in Berlin nicht nur sicher sein, sondern sich auch sicher fühlen. Wer sie beleidigt oder gar angreift, muss bestraft werden.“ Ich schreibe auch: „Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter.“ Ich betone, dass Menschen in der realen Welt für die Werte der idealen Welt eintreten und kämpfen sollen, also gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie. Denn „Menschen sollten keine Angst haben müssen. Sie sollten sich öffentlich zu ihrer Religion bekennen dürfen. Sie sollten friedlich und gewaltfrei sein, leben und leben lassen, hören und zuhören.“

 Im Zentrum der Kolumne steht das Verhalten eines Polizisten. Wie ist die Situation an diesem Tag, dem 15. Mai, „Tag der Nakba“? Meine Schilderung beruht auf Medienberichten. Dass es an diesem Tag in vielen Städten Europas – auch in Berlin – regelmäßig zu Ausschreitungen kommt, ist bekannt. In diesem Jahr ist die Stimmung durch die Lage in Israel und dem Gazastreifen zusätzlich äußerst angespannt.  In Berlin-Neukölln sind vier Demonstrationen angemeldet, drei verlaufen weitgehend friedlich. Doch eine gerät völlig aus dem Ruder und muss gleich nach Beginn abgebrochen werden. Sie führt vom Hermannplatz bis zum Rathaus Neukölln. Viele Teilnehmer sind aggressiv und brutal, skandieren antisemitische Slogans. In einer mehrstündigen Straßenschlacht werden 93 Polizeibeamte durch Böller, Flaschen, Steine und unmittelbare körperliche Gewalt verletzt.  

Vor diesem Hintergrund geraten die drei Berliner, von denen zwei eine Davidsternkette trugen, zufällig in die Demonstration. Sie dokumentieren die Parolen und Plakate. Wie es weitergeht, steht in der Kolumne. Die drei werden angegriffen, die Polizei bringt sie in Sicherheit, nimmt ihre Anzeigen auf. Nun kommt der entscheidende Moment: Einer der Polizisten rät den Angegriffenen, bei der nächsten „Tag-der-Nakba-Demonstration auf das Tragen jüdischer Symbole zu verzichten. Dafür wird der Polizist heftig kritisiert. 

Ich verstehe, dass Polizisten ihre Arbeit tun und Menschenleben schützen sollen. Dafür werden sie bezahlt. Dennoch mag ich mich der Kritik am Verhalten des Polizisten nicht vorbehaltlos anschließen. Ich nehme zu seinen Gunsten an, dass er kein Antisemit ist, sondern seine Bitte als Beitrag zur Deeskalation verstanden wissen wollte. Er wird auch künftig seinen Dienst verrichten und alle Menschen vor Gewalt schützen. Da bin ich mir sicher.  

Hat auch dieser Polizist Empathie verdient? Dieser Frage wollte ich in meiner Kolumne nachgehen. Mehr nicht.

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