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Eine Maschine der deutschen Luftwaffe Foto: John MacDougall/AFP
© John MacDougall/AFP

Ministerin und Sohn auf Reisen Osterausflug nach Sylt im Regierungshubschrauber – eine Frage des Stils

Verteidigungsministerin Lambrecht hat keine Gesetze gebrochen. Klug war es dennoch nicht, ihren Sohn auf Amtsreisen mitzunehmen. Ein Kommentar.

Nein, ein Skandal ist das nicht. Wenn die Bundesministerin der Verteidigung auf einen dienstlichen Flug mit einem Bundeswehrhubschrauber ihren 21-jährigen Sohn mitnimmt, bricht sie damit kein Gesetz. Was Christine Lambrecht getan hat, war regelkonform. Nicht alles, was rechtlich korrekt ist, erweist sich aber auch als politisch klug.

So hat die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann den Vorgang bewertet. Die über Parteigrenzen respektierte Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages traf damit den Punkt.

Es geht um Glaubwürdigkeit

Es geht um Glaubwürdigkeit. Es geht um den Eindruck, den die Öffentlichkeit vom persönlichen Stil und dem Auftreten jener Frauen und Männer hat, die Deutschland regieren. In einer Phase, die von vielen Menschen angesichts des Krieges in der Ukraine als historischer Wendepunkt empfunden wird, schauen die Bürgerinnen und Bürger noch genauer hin als sonst. Da kann der Osterausflug einer Ministerin nach Sylt zum Wendepunkt bei der Bewertung einer Persönlichkeit, sogar einer Politik werden.

Der heute 21-jährige Sohn von Ministerin Christine Lambrecht hat seine Mutter auch schon in der Zeit, in der sie Justizministerin war, auf Dienstreisen begleitet. Zwischen sieben und 13 solcher Termine werden genannt. Immer stand Fluggerät der Flugbereitschaft oder der Bundeswehr bereit.

Ein Regierungsmitglied darf nach den geltenden Regeln so handeln. Dazu gehört, dass ein Beitrag zu den Flugkosten in Rechnung gestellt wird. Dies scheint hier in allen Fällen geschehen zu sein. Dazu, ob die Rechnungen beglichen wurden, liegen strittige Berichte vor.

Wäre der Sohn nicht 21, sondern elf Jahre alt, würde sich niemand bei dem Thema aufhalten. Wie schön, wenn eine berufsbedingt mit Terminen überlastete Ministerin ihr Kind auf eine solche Reise mitnehmen kann. Viel zu wenige unserer führenden Politikerinnen und Politiker können schon aus eigener Erfahrung berichten, wie schwer es ist, sich um die Töchter und Söhne zu kümmern.

Mit 21 Jahren reist man allein

Aber der Sohn von Christine Lambrecht ist nicht elf, sondern 21. In dem Alter wirkt die Mitreise in Mutters Flugzeug überraschend. Mit 21 reist man eher allein, und dann mit der Bahn. Auch solche Fotos kann man bei Instagram posten. Zweifel kann man aber auch am ganzen vorgeblichen Zweck des Ausflugs an die Küste haben.

Ein völlig unbedeutender Standort der Bundeswehr als Ziel einer Dienstreise vor Ostern, aber vom unbestreitbaren geografischen Vorzug, ganz nahe bei der Urlaubsinsel Sylt zu liegen. Wenn es ein „Gschmäckle“ gibt, wie es CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt süffisant registrierte, dann ist es wohl da zu riechen.

Wobei: Von wegen Gschmäckle. Die Kritik an Lambrechts Reiseverhalten hat eben auch eine parteipolitische Dimension. Die teilweise recht künstlich wirkende Erregung ist ein schönes christsoziales Ablenkungsmanöver.

Da gibt es ja genug eigenen schlechten Duft: dubiose Geschäfte mit Coronamasken, anrüchigen Umgang mit der Mautthematik, zu viele Fremdbeiträge in Doktorarbeiten, Wut- und Drohanfälle gegenüber unbequemen Journalisten. Zusammengenommen ist das schon eher Gestank als Geschmäckle.

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Damit sind wir wieder bei Christine Lambrecht. Deren Selbstbewusstsein ist deutlich ausgeprägter als ihre Kompetenz als Bundesministerin der Verteidigung. Bei der Entscheidung von Olaf Scholz für sie als Hausherrin im Verteidigungsressort war es wohl vor allem um die Erfüllung der Frauenquote im Kabinett gegangen; als wache Juristin war die 56-Jährige vom vorigen Posten her bekannt.

Hätte der Kanzler ahnen können, dass ein furchtbarer Krieg das zentrale Europa erschüttert, hätte er für diesen Posten eine ganz andere Wahl treffen müssen. Die hat er heute nicht mehr. Eine Umbesetzung auf dem Posten der Verteidigungsministerin jetzt hätte zwangsweise eine Signalwirkung weit über die deutschen Grenzen hinaus.

Dem Sohn aber sollte Mutter Lambrecht eine Bahncard schenken.

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