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Cybermobbing kann fatale Folgen haben. dpa
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Mehr Cybermobbing durch Corona-Schulschließungen Jeder vierte gemobbte Schüler denkt an Selbstmord

Schüler greifen zu Alkohol und Tabletten oder haben sogar Selbstmordgedanken - Cybermobbing an Schulen wird zum dramatischen Problem.

Cybermobbing an Schulen entwickelt sich immer dramatischer zu einem Problem, die Zahlen dazu sind erschreckend. Bei einer bundesweiten Untersuchung gaben 17 Prozent der Schüler an, schon mal Opfer geworden zu sein, bei den 13- bis 17-Jährigen lag die Zahl sogar bei 23 Prozent. Gegenüber 2017 hatte sich die Gesamtzahl der Opfer um 36 Prozent gesteigert. Jeder vierte Betroffene hatte deswegen schon mal Suizidgedanken, jeder Fünfte griff aus Verzweiflung zu Alkohol oder Tabletten. Vor allem aber: Inzwischen ist schon jedes zehnte Kind an einer Grundschule Opfer geworden.

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Das sind die alarmierenden Ergebnisse der repräsentativen, bundesweiten Studie des „Bündnisses gegen Cybermobbing“ in Zusammenarbeit mit der Technikerkasse (TK). Am Dienstag ist die Studie vorgestellt worden. Schon vor drei Jahren hatte es eine Studie zum gleichen Thema gegeben.

Ohne Anonymität des Internets gäbe es weniger Cybermobbing

Die Forscher befragten in diesem Jahr 4418 Schüler, 477 Lehrkräfte sowie 1077 Eltern. Die wichtigsten Erkenntnisse: Die Anonymität des Internets, sagt Studienleiter Uwe Leest, „ist der größte Treiber bei Cybermobbing. Ohne diese Anonymität der Täter gäbe es es wohl nur 30 Prozent der Fälle.“ Und Eltern fühlen sich entweder von Neuen Medien überfordert oder haben von vornherein keine Ahnung, was bei ihren Kindern digital abläuft. Auch Lehrer fühlen sich hilflos und ebenso überfordert. Zudem fehle es an Sanktionen für die Täter. „Und durch die Schulschließungen wegen Corona hat sich durch die damit verbundene erhöhte Internetnutzung die Wahrscheinlichkeit von Cybermobbing erhöht“, sagte Leest.

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Allerdings sieht das Problem aus Sicht von Eltern, Schülern und Lehrkräften teilweise völlig unterschiedlich aus. 96 Prozent der Eltern betrachten Cybermobbing zwar grundsätzlich als gefährliches Problem, doch nur zwölf Prozent gaben an, dass ihr Kind schon mal zum Opfer geworden ist. Gemessen an 2017 ist das eine Zunahme von einem Prozent. Allerdings sagten 17 Prozent jener Eltern, deren Kinder in eine Haupt- und Realschule gehen, ihr Kind sei schon mal gemobbt worden. Und während vor drei Jahren 78 Prozent der Eltern erklärten, sie fühlten sich bei dem Thema Neue Medien überfordert, sind es jetzt 82 Prozent. „Da müssen wir mit Hilfsangeboten und Aufklärung ansetzen“, sagte Leest.

Nur 63 Prozent der Lehrer wissen über Cybermobbing Bescheid

63 Prozent der Lehrer gaben an, sie wüssten über Cybermobbing Bescheid. Für Leest ist die Zahl viel zu niedrig. „Das müssten 100 Prozent sein.“ 73 Prozent jener Lehrer, die Bescheid wussten, registrierten eine bedrückte Stimmung bei Opfern, bei jedem zweiten Schüler bemerkten sie einen Leistungsabfall. 25 Prozent aller Berufs- und 24 Prozent aller Hauptschüler erklärten, dass sie schon mal Opfer geworden sind.

„Mehr als ein Drittel der Opfer hatte dort Suizidgedanken und fast ein Drittel hat zu Alkohol und Tabletten gegriffen“, sagt Leest. Bei den Gymnasiasten bezeichneten sich nur 13 Prozent der Schüler als Opfer. Leest fordert deshalb unter anderem eine bundesweite Hotline, bei der Opfer Rat und Hilfe erhalten.

Mehr Unterstützung durch Freude und Eltern gewünscht

Mehr Unterstützung wünschen sich Schülerinnen und Schüler vor allem von Freunden und Eltern. Gegenüber 2017 haben auch mehr Schüler erklärt, sie hätten gerne mehr Hilfe durch die Schulen.
Für Studienleiter Leest ist allerdings bemerkenswert, „dass die Täter- und Opferrollen zunehmend fließend ineinander übergehen. Jeder dritte Täter war selbst schon mal Opfer von Cybermobbing.“ Ein Motiv der Täter sticht heraus: 45 Prozent von ihnen erklärten, sie hätten gemobbt, weil das Opfer diese Behandlung schlicht verdient habe.

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