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Erfolg in Grün: Mona Neubaur und Robert Habeck. Foto: REUTERS/Benjamin Westhoff
© REUTERS/Benjamin Westhoff

Machtzuwachs durch die NRW-Wahl Die Grünen sind auf dem Weg zur Volkspartei

Die Grünen des Jahres 2022 scheinen das Wort Zukunft gepachtet zu haben. Sie sind nicht mehr nur Königsmacher, sondern Anwärter auf den Thron. Ein Kommentar.

Auf Triumphrufe können die Grünen verzichten. Das haben sie als coole Sieger gar nicht nötig. Wahl für Wahl und Schritt für Schritt wächst ihre Partei, gewinnt Gewicht, erhält mehr Einfluss. Eben erst in Schleswig- Holstein, jetzt in Nordrhein-Westfalen schnitten Bündnis 90 / Die Grünen mit jeweils über 18 Prozent so gut ab, dass immer öfter von einer dritten Volkspartei neben CDU/CSU und SPD die Rede ist. Gesehen werden nicht mehr nur Königsmacher, sondern mögliche Anwärter auf den Thron, sprich die Kanzlerschaft. Viele, insbesondere Jüngere, trauen sie etwa Robert Habeck zu.

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Wenn Habeck die Herausforderungen der Transformation von Industrie und Wirtschaft beschreibt, erklärt er, wie er sagt, „die Physik“, das Technische, er klärt auf über Finanzielles und er erklärt sich, indem er sich offen zu den eigenen Bedenken und den gesellschaftlichen Aufgaben äußert. Grün bedeutet heute authentisch, glaubwürdig, pragmatisch, verantwortungsbewusst. So scheinen die Grünen das Wort Zukunft gepachtet, ja für sich gesichert, zu haben.

Nicht mehr „Weg damit“, sondern Realismus

Sogar der Angriff Russlands auf die Ukraine spielt ihnen in die Hände: Ohne den Verdacht des Zynismus zu wecken, wirkt der Krieg als Katalysator der Energiewende, die sich dem Klimawandel entgegenstemmt. Wie nie zuvor wird dieser Tage deutlich, dass die Sucht nach fossilen Energieträgern in die Irre führt. Doch aus den altbekannten, grünen Weg-mit!-Forderungen schält sich die neue, realistische Vision einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Planeten heraus, einer „Versöhnung von Industrie und Ökologie“, wie auch am Wahlabend zu hören war.

Das grüne Grün, das ökologische, hat dabei den Vorzug, das militärische Olivgrün positiv einzufärben. Robert Habecks sorgenvolle Stirn, wenn er von notwendigen Waffenlieferungen an die Ukraine spricht, überzeugt offenbar mehr als das zornige Kriegsgeschrei der Falken oder das verzagte Flattern der Friedenstauben.

Bei den mehr als 13 Millionen Wahlberechtigten in Nordrhein-Westfalen indes werden auch Faktoren relevant gewesen sein, die über Ökogrün und Olivgrün hinaus auf den sozialen Faktor weisen, etwa im Bereich Schulen und Hochschulen. Vollmundig hatte die FDP hier viel versprochen und wenig gehalten. Von der Bildungspolitik der Sozialdemokraten wiederum gehen, siehe Berlin, nicht genügend inspirierende Impulse aus. Ein halbes Jahr mit Olaf Scholz als Kanzler, der in schwerer Krisenzeit meist mit gedämpfter Stimme regiert, kann kaum für die Verluste in NRW verantwortlich gemacht werden.

Ihre Themen: ein Konzert der Katastrophen

Weit war der Weg vom staubigen Bioladen der 1970er Jahre aufs Parkett der Bundes- und Weltpolitik. Grüne Politik, mit all ihren Aspekten von Konsumverzicht bis Pazifismus, galt lange als ideologisch und utopisch. Vielen kamen die frühen Grünen vor wie eine Mischung aus sympathischen Weltverbesserern und strapaziösen Spinnern. Als Händler der Apokalypse boten sie wenig Attraktives: Waldsterben, Flusssterben, verseuchte Ozeane, toxische Abfälle, kippendes Klima – ein Konzert der Katastrophen.

Allmählich allerdings erwiesen sich viele der Warnungen als wirklich wahr. Bei der Industrie begannen Innovationsschübe, in die Werbung wanderten grüne Begriffe ein. Längst boomt der Handel, wo Etiketten „öko“, „bio“, „nachhaltig“ oder „Weidehaltung“ verheißen. Und FDP-Chef Christian Lindner hat nach der Bundestagswahl mit Bedacht von einer „sozial-ökologischen Marktwirtschaft“ gesprochen, eine magische Formel für die Ampel-Regierung.

Dass das Grün in der Ampel heller leuchtet als das mit Profitinteresse assoziierte Gelb der Liberalen, gehört zum Trend: Bei der jüngsten Europawahl erzielten die Grünen ihr bisher bestes europäisches Ergebnis, woran die deutschen Grünen den größten Anteil haben. Die besten Chancen auf die erste grün geführte Regierung hat spätestens seit diesem Sonntag jedenfalls Deutschland.

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