Lothar de Maiziere, erster frei gewählte und zugleich letzte DDR-Ministerpräsident. Foto: Soeren Stache/dpa
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Lothar de Maizière wird 80 Im entscheidenden Moment getan, was getan werden musste

Er war der erste frei gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR. Ursprünglich wollte er Musiker werden, als Rechtsanwalt ist er noch heute tätig.

Historische Leistungen sind nicht immer spektakulär. Manchmal kommt es nur darauf an, dass im entscheidenden Moment eine Frau oder ein Mann tut, was getan werden muss. Und es tun kann, weil der Ruf der Person so über Zweifel erhaben ist, dass ihr oder ihm das nötige Vertrauen entgegengebracht wird.

Lothar de Maizière ist so ein Mensch. Er war der einzige jemals durch freie Wahlen legitimierte Ministerpräsident der DDR. Und weil er dieses Amt nach einer Übergangsphase von der Diktatur des Proletariats in eine Demokratie nur bis zur Wiedervereinigung inne hatte, war er gleichzeitig auch der erste und der letzte Regierungschef seines Landes, der DDR. Wenn er heute, an seinem 80. Geburtstag, auf diese so kurze, aber entscheidende Phase seines Lebens zwischen dem Herbst 1989 und dem Dezember 1990 zurückblickt, wird er wohl selbstironisch und auch ein bisschen stolz, aber nicht überheblich feststellen: Es ist gut gegangen.

Dass die Wiedervereinigung, vor allem aber zuvor die Loslösung von einem kommunistischen Regime unblutig verlief, ist den Menschen in Leipzig und Berlin und vielen anderen Städten der DDR zu verdanken, die mutig auf die Straßen gingen und mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ der SED die Macht aus den Händen nahmen.

Dass es in einem Staat, der politische Gestaltung außerhalb des Systems verweigerte, dennoch Menschen gab, die den Übergang verhandeln und formen konnten, ist Bürgern wie Lothar de Maizière zu verdanken.

Eigentlich wollte er sein Leben als Musiker gestalten. Aber dem hoch talentierten Violinisten und Bratschisten machte eine Nervenerkrankung im Arm einen Strich durch die Beschaulichkeit. Nach dem folgenden Jurastudium an der Humboldt-Universität arbeitete er als Rechtsanwalt und verteidigte vor allem Jugendliche, die den junge Wehrdienstverweigerer und andere Pazifisten wegen ihrer pazifistischen Einstellung aufgefallen waren Es gab in der DDR für einen Anwalt Berufsfelder, die weniger konfliktträchtig waren. Dass man bei diesen Themen auch als Anwalt mit der Staatssicherheit in Berührung kam, war unausweichlich.

Politisches Interesse behalten

Mitglied in der Blockpartei CDU war de Maizière seit 1956. In der Phase des Umbruchs aber, machten ihn die Christdemokraten zu ihrem Vorsitzenden einer blockfreien CDU, und bei der einzigen freien Volkskammerwahl, am 18. März 1990, errang seine Partei 40,8 Prozent der Stimmen – Maizière wurde Ministerpräsident. Er verhandelte die Modalitäten der Vereinigung mit der Bundesrepublik. Dass die Bodenreformen der DDR, also die Enteignungen, bestehen blieben, ist auch eine Folge seines Insistierens. Dass die Sowjetunion dies verlang habe, ist weniger unstrittig.
Im Dezember 1990 trat er, zu diesem Zeitpunkt einer der fünf aus der DDR stammenden Minister ohne Geschäftsbereich in der gesamtdeutschen Regierung, zurück. Den Vorwurf, er sei unter dem Decknamen „Czerny“ als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR dienlich gewesen, bestreitet er bis heute vehement. Zweifelsfreie Belege dafür gibt es nicht. Die Stasi-Akte „Czerny“ wurde vernichtet.
Das alles ist drei Jahrzehnte her. Seinen klaren politischen Kopf hat sich der Mann, der heute noch als Anwalt arbeitet, obwohl gesundheitlich angeschlagen, bewahrt. Vor Jahren macht er seiner Partei, der CDU, den Vorwurf, sie sei mit ehemaligen Nazis wesentlich glimpflicher umgegangen als mit früheren SED-Mitgliedern.

Und als ihn der Tagesspiegel vor wenigen Tagen fragte, was er von der offiziellen CDU-Äquidistanz zur äußeren Rechten und Linken hielte, sagte er nur sarkastisch: Die Nazis haben uns sechs Millionen tote Juden hinterlassen. Die Stasi sechs Millionen Akten.

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