Für die Familie: Protest Geflüchteter vor dem Bundestag während einer Expertenanhörung zum Thema. Foto: imago
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Kritik an GroKo-Einigung "Der Familiennachzug ist im deutschen Interesse"

Familie hat Auswirkungen auf den Erfolg von Geflüchteten, sagt Migrationsökonom Herbert Brücker. Sie zu trennen, schaffe neue Integrationsprobleme.

Herr Brücker, Sie sind Wirtschaftswissenschaftler und haben letztes Jahr Zahlen zum Familiennachzug vorgelegt. Was haben Wirtschaft, speziell Migrationsökonomie, und Familie überhaupt miteinander zu tun?

Wir haben zum Beispiel Belege dafür, dass jemand, der zusammen mit seinen Familienangehörigen hier in Deutschland lebt, sich besser integriert als diejenigen, die getrennt von ihren Familien leben. Bei den sogenannten Fachkräften und Hochqualifizierten gilt das als selbstverständlich, niemand käme auf die Idee, ihnen das Recht auf Familie zu bestreiten, schon weil dann kein IT-Spezialist käme. Außerdem nimmt man an, dass der umworbene Einwanderer seine Familie ernähren wird. Die Familie ist – wenn jemand nicht alleinstehend ist - die soziale Kerneinheit, um die sich alle anderen sozialen Beziehungen ringsum gestalten. Und in der Migrationsforschung ist das inzwischen eine Standardeinsicht: Migrationsentscheidungen werden immer im Haushaltskontext getroffen.

Dennoch gibt es das Bild einer vor allem männlichen Fluchtmigration.

Es ist zwar richtig, dass wegen der hohen Risiken der Flucht, vor allem für Frauen, mehr Männer als Flüchtlinge gekommen sind. Es ist aber ein Mythos, dass die meisten Männer ihre Frauen und Kinder zurückgelassen hätten. Gut die Hälfte sind ledig. Von denjenigen, die Familie haben, leben bereits 70-75 Prozent mit ihren Ehepartnern und Kindern zusammen. Entweder weil sie mit ihnen gekommen sind oder sie inzwischen nach Deutschland nachgezogen sind. Je gefährlicher der Weg ist, je mehr Länder zu durchqueren sind, desto öfter allerdings wird die Familie erst einmal zurückgelassen. Eritreer, deren Weg übers Horn von Afrika führt, kommen deswegen sehr oft allein.

Herbert Brücker leitet die Migrationsabteilung im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. Sein Team legte 2017 die bisher einzig belastbaren Zahlen zum Familiennachzug vor. Demnach wären 50-60 000 Menschen nachzugsberechtigt. Foto: IAB/Stefan Brending Vergrößern
Herbert Brücker leitet die Migrationsabteilung im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. Sein Team legte 2017 die bisher einzig belastbaren Zahlen zum Familiennachzug vor. Demnach wären 50-60 000 Menschen nachzugsberechtigt. © IAB/Stefan Brending

Was auch die Zahl von 50- bis 60.000 Menschen erklärt, die Sie als mögliche nachziehende Familienangehörige errechnet haben?

Ja. Wir kommen auf einen Faktor von weniger als 0,3 Nachzügler pro erwachsenen Flüchtling. Wir haben inzwischen auch die Daten von denjenigen, die 2016 und Anfang 2017 zu uns gekommen sind, erhoben, und kommen zu dem gleichen Ergebnis wie in der früheren Studie. .

Zurück zu den umworbenen Fachkräften, die ohne Familie nicht zu bekommen sind. Dieses Motiv gibt es für die Flüchtlinge nicht.

Aber auch auf sie hat es negative Auswirkungen, wenn sie ihre Angehörigen nicht in Sicherheit wissen und von ihnen getrennt sind. Wir finden klare Hinweise auf höhere Depressionsneigung, sie sind häufiger krank und seltener mit ihrem Leben zufrieden. Das sind alles Dinge, die sich auf Spracherwerb, Schul- und Arbeitsmarkterfolge auswirken. Umgekehrt haben wir keine Hinweise, dass schlechter Deutsch gelernt wird, wenn die Familie hier ist. Was es allerdings gibt, ist ein Gendergap in der Arbeitsmarktpartizipation. Da gilt es darauf zu achten, dass auch Frauen mit kleinen Kindern, unabhängig davon, ob sie schon länger hier leben oder jetzt zuziehen, frühzeitig an Integrationsmaßnahmen teilhaben.

Zweites Argument: Subsidiär Geschützte bleiben hier ja nicht auf Dauer, der Familiennachzug würde sie nur an Deutschland binden.

Da sollten wir uns ehrlich machen. Die meisten Flüchtlinge leben bereits zwei bis drei Jahre hier. In Syrien wird nicht rasch Frieden sein und wenn sich das Assad-Regime retten kann, können viele auch dann nicht zurück, wenn kein Krieg mehr herrscht. Wir sollten uns also darauf einstellen, dass sie nicht schnell gehen werden und alles für ihre soziale Integration und Stabilisation tun. Wenn wir die subsidiär Geschützten nicht integrieren und ihnen hier keine Perspektiven anbieten, bekommen wir irgendwann ein großes Problem. Wenn etwas sozial stabilisierend wirkt, dann ist es die Familie. Insofern wäre der Nachzug im wohlverstandenen deutschen Eigeninteresse.

Jetzt sollen wenigstens tausend Angehörige pro Monat kommen. Eine gute Idee?

Die 50- 60.000, von denen wir ausgehen, müssten eigentlich so schnell wie möglich kommen. Jetzt soll bis Sommer erst einmal gar nichts geschehen. Dann stellt sich die Frage, wie man die 1000 pro Monat verwalten will: First come, first serve? Das wird zu Ungerechtigkeiten führen. Man kann sich also ausrechnen, dass viele, die jetzt schon zwei Jahre warten mussten, noch weitere drei bis fünf vor sich haben. Wie stabil werden diese Familien dann noch sein?

Wir wissen es doch aus der eigenen deutschen Nachkriegszeit: Fremde, traumatisierte Väter, die nach fünf Jahren Krieg oder Gefangenschaft zurückkamen und zu ihren Kindern kein Verhältnis mehr fanden, Gewalt, Konflikte zwischen den Ehepartnern, Frauen, die vielleicht längst wieder einen Partner hatten. Das ist nicht nur eine ökonomische Frage. Es treibt mich um, dass es dafür in Deutschland keine Empathie mehr zu geben scheint.

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