Heuschrecken ruhen auf einem Baum in Lodwar, Kenia. Foto: dpa
© dpa

Krisenbewältigung im digitalen Zeitalter Mit der Handy-App gegen die Heuschreckenplage in Afrika

Neben der Coronakrise kämpft Ostafrika gegen die größte Heuschreckenplage seit 70 Jahren. Eine neue App soll nun eine Hungerkatastrophe verhindern.

Wer in Ostafrika von der zweiten Welle spricht, denkt nicht nur an Corona. In der Region geht die Angst um, dass noch eine ganz andere Plage wiederkommen könnte: die Heuschrecken – und mit ihnen der Hunger.

Ende 2019 fielen die gefräßigen Tiere zum ersten Mal über die Länder am Horn von Afrika her. Sie zerstörten Äcker und Weideland und vernichteten schätzungsweise eine Million Tonnen Getreide.

Doch ein zweites Mal sollen sie ihren Vernichtungszug nicht unbemerkt beginnen können. Und ganz genau so wie im Kampf gegen Corona soll dabei ein Kriseninstrument des 21. Jahrhunderts helfen. So wie in Deutschland die Corona-Warn-App des Robert Koch-Instituts ein Frühwarnsystem aufbaut, die inzwischen 15 Millionen Menschen auf ihren Smartphones mit sich tragen, soll in Ostafrika eine App der Vereinten Nationen den Kampf gegen die Insekten erleichtern.

Nun könnte sich die größte Plage seit 70 Jahren ausweiten. Im Moment regnet es viel in der Region. Das befördert die Rückkehr der Insekten, denn Heuschrecken brauchen zur Vermehrung feuchtes Wetter.

Damit droht zweite Generation der Schädlinge, Millionen von Menschen in Ostafrika in eine Hungerkatastrophe zu stürzen. Es ist die nächste große Herausforderung für die krisengeplagte Bevölkerung – neben den Folgen der Corona-Pandemie.

Hunderte Schwärme bedrohen Ostafrika

„Der Kampf gegen die Wüstenheuschrecke dauert lang und ist bei weitem nicht vorbei“, sagte vor wenigen Tagen Qu Dongyu, der Generaldirektor der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN. Bereits im Mai hatte er davor gewarnt, dass viele Menschen in Afrika in den kommenden Monaten „ihre Lebensgrundlage verlieren“ könnten.

Seine Organisation beobachtet derzeit Hunderte ausgewachsene Heuschreckenschwärme und Gruppen von Jungtieren in Ostafrika. Auch auf der arabischen Halbinsel sowie in Pakistan und Indien kämpft man gegen die Plage. Die Daten der FAO stammen von Drohnen-Fotos, aber auch von der Smartphone-App „eLocust3“.

Mit dieser Software ausgerüstet fahren in betroffenen Staaten wie Kenia speziell ausgebildete Helfer durchs Land auf der Suche nach Heuschrecken. Stoßen sie auf die Schädlinge oder werden sie von Bauern darauf aufmerksam gemacht, melden sie das per Tablet oder Smartphone an die FAO-Zentrale in Rom. Die Daten dienen den lokalen Behörden als Grundlage für die Entscheidung, wo sie Pestizide ausbringen lassen.

Die Helfer übermitteln Angaben zum Aufenthaltsort, der Größe und zur Farbe der Insekten. Außerdem ist das Verhalten der Tiere aufschlussreich. Sind sie im Schwarm unterwegs? Fliegen sie durch die Luft? Oder krabbeln sie noch als „Nymphen“, also als Jungtiere, über den Boden?

In dem Stadium lassen sich die Schädlinge leicht mit einem Pestizid bekämpfen. Wenn sie entwickelt sind und sie zu Hunderttausenden durch die Luft schwirren, ist es hingegen oft schon zu spät. Dann müssen ihnen Flugzeuge mit Insektenvernichtungsmittel hinterherjagen. Rund 130 Kilometer können die Tiere bei günstigem Wind an einem Tag zurücklegen. Ein Schwarm in der Größe von einem Quadratkilometer kann innerhalb von 24 Stunden so viel Nahrung aufnehmen wie 35.000 Menschen – und damit in atemberaubender Geschwindigkeit ganze Landstriche verwüsten.

„In kurzer Zeit waren alle Bäume nackt“

Ihrer beinah unstillbaren Gier nach Futter fällt alles zum Opfer, von Blumen und Blättern über Obst und Gemüse bis hin zu Getreide. Selbst vor Baumrinden machen die Schädlinge keinen Halt, wie der kenianische FAO-Helfer Christopher Achilo Anfang Juli der Nachrichtenagentur Reuters berichtete: „In kurzer Zeit waren alle Bäume nackt“, sagte er. „Sie kommen auf die Farmen und nehmen alles auseinander.“

In Ostafrika bedrohe das die Versorgung von rund 25 Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln, warnen jetzt die UN. In Kenia ist nach Angaben des dortigen Landwirtschaftsministeriums alleine im Mai die Produktion von Mais, einem wichtigen Grundnahrungsmittel im Land, um 25 Prozent eingebrochen. Die in der Coronakrise ohnehin gestiegenen Lebensmittelpreise treibt das zusätzlich in die Höhe. Viele Menschen rutschen weiter in die Armut ab.

Damit verschärft sich in Zeiten der Corona-Pandemie die Lage nicht nur in Kenia. Der Staat gilt als Wirtschaftsmotor für ganz Ostafrika. Zwar ist die Zahl der Covid-19-Infektionen dort nach wie vor überschaubar. Das Land am Indischen Ozean mit seinen 50 Millionen Einwohnern meldet offiziell 11.000 Erkrankte und rund 200 Todesfälle.

Doch der monatelange Corona-Lockdown, der gerade schrittweise gelockert wird, hat das Land wirtschaftlich schwer zurückgeworfen und zahlreiche Händler, Taxifahrer oder Gastronomen mittellos gemacht. Vor allem in den Armenvierteln der Städte sind viele inzwischen auf Lebensmittelspenden angewiesen.

Lag das kenianische Wirtschaftswachstum 2019 noch bei fast sechs Prozent, erwartet die Weltbank für 2020 nur noch 1,5 Prozent. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Regierung die Wirtschaft bald wieder herunterfährt. „Bei jedem Trend, der eine Verschlechterung der Pandemie anzeigt, haben wir keine Wahl als wieder in den Lockdown zurückzukehren“, sagte Staatspräsident Uhuru Kenyatta vergangene Woche.

Uhuru Kenyatta ist seit 2013 Präsident der Republik Kenia. Foto: REUTERS Vergrößern
Uhuru Kenyatta ist seit 2013 Präsident der Republik Kenia. © REUTERS

[Wenn Sie alle aktuelle Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

In anderen von der Heuschreckenplage betroffenen afrikanischen Ländern wie Äthiopien kommen schwere innenpolitische Probleme hinzu. Das Land wird wieder einmal von einer Gewaltserie erschüttert. Dem Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Ahmed Abiy fällt es zunehmend schwer, die Konflikte zwischen rivalisierenden Bevölkerungsgruppen einzudämmen.

In Äthiopien ebenso wie im benachbarten Bürgerkriegsland Somalia ist die Heuschreckenplage nicht die einzige Naturkatastrophe, mit der die Bürger zu kämpfen haben. Durch Überschwemmungen haben in den beiden Ländern nach Angaben von Unicef seit März insgesamt mehr als eine Million Menschen ihr Zuhause verloren.

Die Dreifach-Katastrophe

Die Hilfsorganisation Misereor spricht von einer „Dreifach-Katastrophe in Ostafrika“: Corona, Heuschrecken, Überschwemmungen. Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon sagt: „Die Lage in Ostafrika macht uns derzeit gewaltige Sorgen.“

Zur Bekämpfung der Heuschreckenplage hat die EU vergangene Woche erneut finanzielle Hilfe zugesagt. 15 Millionen Euro stellen die Europäer der UN-Ernährungsorganisation FAO dafür zur Verfügung, zusätzlich zu 11 Millionen Euro vom Anfang des Jahres. FAO-Direktor Dongyu ist froh darüber. „Die nachhaltige Unterstützung ist entscheidend, wenn wir die Gefahr durch diese Plage eindämmen wollen“, sagte er vor wenigen Tagen.

Doch zugleich ist klar, dass die EU-Mittel nur ein kleinen Teil der tatsächlich benötigten Hilfe decken. Das zeigt eine Zahl, die Experten der Weltbank kürzlich ermittelt haben. Sie gehen davon aus, dass die Heuschreckenplage Afrika insgesamt einen wirtschaftlichen Schaden von neun Milliarden US-Dollar zufügen wird – von den vielen Menschenleben, die in Gefahr sind, ganz zu schweigen.

Zur Startseite