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Ein Huthi-Loyalist wartet auf die Ankunft von Huthi-Repräsentanten, die an den Friedensgesprächen in Schweden teilgenommen haben. Foto: Mohammed/XinHua/dpa
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Krieg im Jemen Trotz Pandemie kein Ende in Sicht

Seit fünf Jahren steckt Saudi-Arabien im Jemenkrieg. Jetzt sehen die vom Iran unterstützen Huthi-Rebellen eine Chance ihre militärischen Erfolge auszubauen.

Einst war die Region Marib im Jemen die Heimat der legendären Königin von Saba. Die soll so unermesslich reich gewesen sein, dass sie König Salomon 120 Zentner Gold schenkte. Heute ist Marib ein Schlachtfeld. Die Kämpfe dort und in anderen Regionen des bitterarmen Landes gehen weiter, obwohl die Vereinten Nationen wegen Covid-19 zu einem Waffenstillstand aufgerufen haben. Denn die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen sehen eine Chance, ihre zuletzt errungenen militärischen Erfolge auszubauen.

Eine von Saudi-Arabien einseitig ausgerufene Feuerpause läuft an diesem Donnerstag ab – der Krieg könnte ungeachtet der Pandemie bald wieder mit voller Wucht losbrechen.

Innere Konflikte und regionalpolitische Rivalitäten haben sich im Armenhaus der arabischen Welt zu einer unheilvollen Mischung verbunden. Marib zum Beispiel ist eine Bastion der von SaudiArabien gestützten jemenitischen Regierung östlich der Hauptstadt Sanaa. Viele sunnitische Stämme in der ölreichen Gegend stehen auf der Seite der Saudis und kämpfen gegen die schiitischen Huthis. Dennoch konnten die Aufständischen in Marib vorrücken. ´

Die Menschen im Jemen sind dem Virus schutzlos ausgeliefert. Foto: Khaled Abdullah/REUTERS Vergrößern
Die Menschen im Jemen sind dem Virus schutzlos ausgeliefert. © Khaled Abdullah/REUTERS

Vor gut fünf Jahren –im März 2015 – begann die Intervention der Saudis auf der Seite der bedrängten jemenitischen Regierung von Abd Rabbo Mansur Hadi. Kronprinz Mohammed bin Salman, damals frisch gekürter Verteidigungsminister seines Landes, hoffte auf einen schnellen Sieg seiner mit modernen westlichen Kampfjets ausgerüsteten Luftwaffe gegen die Huthis. Vollmundig erklärte er damals, die Intervention werde schon in wenigen Monaten erfolgreich beendet sein. „Sturm der Entschlossenheit“ nannte das Königshaus die Offensive. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) schlossen sich der Allianz gegen die Rebellen an.

Doch aus dem angekündigten raschen Erfolg im Stellvertreterkrieg gegen den Iran wurde nichts. Die fundamentalistischen Huthis – auf ihrer Fahne ist zu lesen: Gott ist groß, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch auf die Juden, Sieg dem Islam – erzielten Geländegewinne und griffen zudem immer wieder Ziele in Saudi-Arabien mit Raketen und Drohnen an, die sie aus Teheran erhielten. Und: Beide Seiten nehmen wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Zehntausende Menschen sind umgekommen, Millionen leiden unter Hunger und Krankheit. Vier von fünf Jemeniten, das sind rund 24 Millionen Menschen, sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das Land erlebte in den vergangenen Jahren eine schwere Cholera-Epidemie und ist jetzt dem Coronavirus fast schutzlos ausgeliefert.

Für den saudischen Thronfolger Mohammed bin Salman ist der Krieg im südlichen Nachbarland längst zu einem Mühlstein geworden, den er gerne los wäre. Auch knirscht es gewaltig in der Militärallianz. Die Vereinigten Arabischen Emiraten zogen im vergangenen Jahr ihre Soldaten aus dem Jemen ab und unterstützen Separatisten im Süden. Bin Salmans am 9. April verkündete Waffenruhe war deshalb wohl ein Eingeständnis, dass der Krieg für die Golfmonarchie nicht zu gewinnen ist.

Die Huthis reagierten prompt mit einer Forderungsliste, die auf eine Demütigung des ehrgeizigen Thronfolgers in Riad hinausläuft. Sie verlangen hohe Reparationszahlungen und ein Ende der Blockade von See- und Flughäfen im Jemen. Die saudischen Herrscher lehnen dies bisher ab, weil sie befürchten, dass der Iran eine Öffnung der Häfen zu einer noch massiveren Hilfe für die Huthis nützen könnte.

Die Angriffe der Huthis zeigen wie verwundbar Saudi-Arabien ist

Tatsächlich zeigen die Mullahs trotz der US-Sanktionen und der Corona-Pandemie keine Neigung, ihre aggressive Politik in der Region abzumildern. Teherans Führung will ihren Einfluss im Jemen ausbauen, also im "Hinterhof" des Erzfeindes Saudi-Arabien. Die dortigen Herrscher empfinden das als ernsthafte Bedrohung der nationalen Sicherheit. Das ist vor allem für den Kronprinzen ein Problem. Mohammed bin Salman gibt sich gerne als zuverlässiger Beschützer seines Landes. Doch die Angriffe der Huthis auf saudisches Staatsgebiet zeigen schonungslos auf, wie verwundbar die Monarchie ist. Nur weiß der Thronfolger, dass er die jemenitischen Islamisten mit Gewalt allein nicht zum Aufgeben bewegen wird. Aber zugleich wäre es ein enormer Gesichtsverlust, sollte Saudi-Arabien die Waffen strecken und sich zurückziehen müssen. Und die Macht des verhassten Iran würde wachsen.

Einerseits. Andererseits verschlingt der Krieg im Jemen viele Milliarden Dollar. Das Geld benötigt der Prinz aber dringend für seine umfassenden Wirtschaftsreformen, die das Königreich von der Ölabhängigkeit befreien soll. Besonders dieser Tage wird die Dringlichkeit des Umbauprojekts deutlich: Der Preis für den Rohstoff ist im Keller, die Einnahmen schwinden. Dann ist da noch die Pandemie. Auch sie bedeutet für Saudi-Arabien und seine Machthaber eine schwer zu handhabende Herausforderung, die enorme finanzielle Ressourcen bindet.

Beobachter nennen denn auch den Jemen das Vietnam der Golfmonarchie. Und die Huthis wissen die Schwäche des Gegners zu nutzen. In der derzeit besonders umkämpften Region Marib sollen die Islamisten mit den Stämmen schon über eine Machtübernahme verhandeln.

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