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Alexej Nawalny befindet sich seit zwei Wochen im Hungerstreik. Foto: Alexander Zemlianichenko,dpa
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Kremlkritiker Nawalny Ärzte warnen vor Herzstillstand

Der Gesundheitszustand des russischen Oppositionellen hat sich nach Ansicht seiner Ärzte dramatisch verschlechtert. USA drohen Moskau mit „Konsequenzen“.

Der Kardiologe Jaroslaw Aschichmin schlägt Alarm. „Unser Patient kann jeden Moment sterben“, sagte er am Wochenende der russischen Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“. Sein Patient ist der inhaftierte Putin-Gegner Alexej Nawalny. Der ist seit fast drei Monaten in einem der berüchtigsten russischen Straflager inhaftiert, seit zwei Wochen befindet er sich im Hungerstreik. Nawalny will damit erreichen, dass wegen starker Schmerzen im Rücken und Gefühllosigkeit in den Beinen Ärzte seines Vertrauens zu ihm vorgelassen werden. Im vergangenen Jahr hatte der Oppositionelle nur knapp einen Anschlag mit einem chemischen Kampfstoff überlebt, jetzt ist sein Leben offenbar erneut akut bedroht.

Aschichmin und zwei weitere Ärzte Nawalnys haben einen Brief an den Chef der Gefängnisverwaltung, Alexander Kalaschnikow, geschrieben. In ihm warnen sie davor, dass die massiv erhöhten Kaliumwerte bei dem 44-Jährigen jederzeit zu Herzrhythmusstörungen oder zum Herzstillstand führen können. Die Blutwerte haben die Ärzte einer Analyse entnommen, die aus dem Laboratorium des Krankenhauses stammt, das für die Häftlinge im Gebiet Wladimir verantwortlich ist. Eine Kopie des Dokuments hat Aschinchmin auf Facebook veröffentlicht.

Es müsse rasch gehandelt werden, sagt der Arzt. Aber ihm sei nicht bekannt, das Maßnahmen zur Therapie ergriffen worden seien. Zuvor hatte bereits Nawalnys Frau ihre Besorgnis öffentlich gemacht: Ihr Mann wiege nur noch 76 Kilogramm, bei einer Größe von 1,90 Metern. Hilfe kam am Sonntag von einigen der wenigen oppositionellen Abgeordneten, die noch in Regionalparlamenten sitzen. Auch international erhält Nawalny moralische Unterstützung. Mehr als 70 Prominente, darunter Nobelpreisträger und namhafte Schriftsteller, Historiker, Schauspieler und Musiker, haben sich in einem Appell an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gewandt und kompetente medizinische Behandlung gefordert.

Oppositionelle kündigen Proteste an

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch kündigte auf Facebook weitere Demonstrationen für die Freilassung Nawalnys an. Doch die Behörden erhöhen den Druck auf seine Anhänger. Die Staatsanwaltschaft beantragte gerade, Nawalnys Stiftung zur Bekämpfung der Korruption und alle ihre regionalen Stäbe zu extremistischen Organisationen zu erklären.

Unter „dem Deckmantel liberaler Losungen“ werde versucht, „Bedingungen für eine Destabilisierung der sozialen und politischen Situation“ zu schaffen. Dafür sollen „Szenarien der Farbenrevolutionen“ genutzt werden. Die Mitstreiter Nawalnys wiesen die Vorwürfe zurück. In einer Erklärung heißt es: „Faktisch hat der Kreml gerade gefordert, alle zu Extremisten zu erklären, die nicht mit ihm einverstanden sind. Nicht einverstanden mit den Palästen und den Preissteigerungen, mit der Erhöhung des Rentenalters und der Korruption“ – jeder, der dagegen protestiere, werde jetzt zum Extremisten erklärt.

Auf „Extremismus“ stehen Gefängnisstrafen: für Organisatoren bis zu zehn Jahren, für Teilnehmer an Protestdemonstrationen sechs Jahre. Vor den Parlamentswahlen im Herbst solle die Bevölkerung von jeglichen oppositionellen Regung abgeschreckt werden, hieß es aus dem Stab Nawalnys.

Angesichts der Gesundheitsprobleme Nawalnys drohen die USA der Regierung in Moskau mit „Konsequenzen“, falls der 44-Jährige stirbt. Es gebe verschiedene mögliche Maßnahmen, warnte der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Fernsehsender CNN. Sullivan nannte zunächst keine spezifischen möglichen Maßnahmen. „Aber wir haben klargemacht, dass es Konsequenzen geben wird, wenn Nawalny stirbt“.

Zuvor hatten sich bereits Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und sein französischer Kollege Le Drian besorgt geäußert. Maas forderte in der "Bild"-Zeitung sofortige "adäquate medizinische Behandlung", Le Drian schloss beim Sender France 3 auch neue Sanktionen nicht aus. (mit dpa)

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