Donald Trump bei einem Telefongespräch mit dem russischen Präsidenten Putin. Foto: Reuters/Jonathan Ernst
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Konflikt zwischen USA und Russland Die kalte Angst und der Krieg

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Die Beziehungen zu Russland seien auf einem historischen Tief, sagt der US-Präsident – schlechter als im Kalten Krieg. Ob er weiß, wovon er spricht? Ein Kommentar.

Donald Trump ist Jahrgang 1946. Von 1971 bis zu seinem Amtsantritt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten leitete er einen Konzern. Dass er sich vor 1990, dem Ende jener Ära, die durch den Kalten Krieg geprägt wurde, intensiv mit internationaler Politik befasst hat, ist eher zweifelhaft. Ob Trump also überhaupt weiß, wovon er spricht, wenn er angesichts der Syrien-Krise die derzeitigen Beziehungen zwischen den USA und Russland „noch schlechter als während des Kalten Krieges“ nennt, ist somit unklar.

In einem entscheidenden Punkt aber trifft er die derzeitige Stimmung: Nie zuvor waren die Beziehungen zwischen beiden Staaten so von Irrationalität im Verhalten geprägt wie heute. Und das liegt weniger an Wladimir Putin als an Donald Trump. Für den US-Präsidenten ist die Auseinandersetzung mit anderen Mächten so etwas wie das Prahlen pubertärer Jugendlicher auf dem Schulhof. Was immer mehr Menschen heute in Angst versetzt.

Sowjetische Führer und amerikanische Präsidenten haben es, von Ausnahmen abgesehen, möglichst nicht auf eine direkte Konfrontation der beiden Nuklearmächte ankommen lassen. In der Kubakrise 1962 verzichtete Nikita Chrutschtschow angesichts der Blockade der Insel durch die US-Marine auf die Stationierung von Raketen – im Gegenzug unterließen die USA ihrerseits die Aufstellung von Mittelstreckenwaffen in der Türkei.

Nach dem Mauerbau 1961 standen sich in Berlin vorübergehend russische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie direkt gegenüber, bis Moskau zu erkennen gab, dass es die Freiheit West-Berlins nicht antasten wollte und John F. Kennedy Willy Brandt klar machte, dass die US-Garantien nur für die Berliner Westsektoren und den Zugang galten. Ansonsten versuchten beide Mächte, in der Einflusszone des jeweils anderen Unsicherheit durch Unterwanderung zu schüren – wie die Sowjetunion in Chile –, oder wie Washington in Afghanistan, Guerillabewegungen gegen Moskau aufzurüsten. Im letzteren Fall rächte sich das 20 Jahre später furchtbar.

Gefahr des großen Krieges

Ansonsten war klar, dass es direkte oder indirekte Intervention im Machtbereich des Anderen nicht geben konnte. Die Sowjetunion knüppelte Demokratiebewegungen in der DDR, in Ungarn und der CSSR nieder oder überließ das wie in Polen einheimischen Kräften. Vor allem für Westeuropa hatte der Kalte Krieg, so zynisch es klingt, den Vorzug der Ruhe. Man vertraute darauf, dass das Gleichgewicht des Schreckens beide Seiten vom Beginn eines Atomkrieges abhalten würde. Man wusste oder hoffte zumindest, dass die eigenen Frühwarnsysteme immer noch die Zeit lassen würden, den Vernichtungsschlag für das Territorium des Angreifers auszulösen, bevor man selbst im Atompilz verbrannte.

Erst Jahre später erfuhr die Welt, dass es den globalen Overkill aus Versehen hätte geben können – wenn nicht am 25. September 1983 der sowjetische Ingenieur und Oberstleutnant Stanislaw Petrow in seiner Nachtschicht in einer Satellitenüberwachungsanlage südlich von Moskau alleine eine Entscheidung getroffen hätte. Die Entscheidung, das Alarmsignal „Start einer Amerikanischen Atomrakete“ als Fehlalarm zu deuten und auch nach vier weiteren Alarmmeldungen dabei zu bleiben. Erst Monate später stellte sich heraus, dass reflektierende Sonnenstrahlen von den sowjetischen Beobachtungssatelliten als Raketenstart fehlinterpretiert worden waren.

Heute speist sich die Angst, dass in Syrien wegen mangelnder intellektueller Kontrolle des eigenen Handelns ein großer Krieg entstehen könnte, aus der unbedarften Hitzigkeit einiger Akteure, ihrer Menschenverachtung und der Vielzahl der Kriegsparteien. Hier geht es nicht um Syrien, sondern um regionale Vormachtstellungen von Kräften, denen das Schicksal der Menschen im Kriegsgebiet völlig gleichgültig ist. Dieser Krieg ist deshalb mit dem Dreißigjährigen durchaus zu vergleichen, denn auch zwischen 1618 und 1648 rangen auf dem Territorium deutscher Kleinstaaten fremde Mächte um kontinentale Einflusszonen.

Wenn ein eiskalter Machtpolitiker wie Wladimir Putin, dem es vor allem auch um Militärstützpunkte im Mittelmeerraum geht, einem unbeherrschten Donald Trump gegenübersteht, der vermutlich die verschiedenen Interessenkonstellationen nicht begriffen hat, packt uns die kalte Angst – und es bleibt die Hoffnung, es möge 2018 irgendwo einen zweiten Stanislaw Petrow oder John Name-me geben, der im entscheidenden Moment Nein sagt.

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