Auf der Flucht: Hunderttausende sind durch die Gefechte zu Vertriebenen geworden. Foto: Omar Haj Kadour: AFP
© Omar Haj Kadour: AFP

Kampf um Idlib Was Assads Vormarsch bedeutet

Assads Truppen rücken immer weiter im letzten Rebellengebiet vor – die Türkei will eine Eroberung verhindern. Wer verfolgt welche Interessen?

An der Grenze der syrischen Provinz Idlib zur Türkei zeichnet sich ein neues Flüchtlingsdrama ab. Zehntausende Menschen sind Medienberichten zufolge und nach Angaben von Hilfsorganisationen in den vergangenen Tagen aus umkämpften Teilen der letzten Oppositionshochburg Syriens an die türkische Grenze geflohen. Sie fürchten um ihr Leben, weil die syrische Armee und ihre russischen Verbündeten immer näher kommen.

Auch die Türkei kann den Vormarsch nicht stoppen. Vor einigen Tagen wurde ein türkischer Militärkonvoi in Idlib aus der Luft angegriffen. Mit der jüngsten Eskalation stößt die Zusammenarbeit zwischen Ankara und Moskau in Syrien an ihre Grenzen. Für Russlands Schützling, Machthaber Baschar al Assad, rückt eine Eroberung der umkämpften Region und damit ein Sieg im Krieg näher, der schon mehr als acht Jahre das Land verwüstet.

DIE LAGE

Seit April greift Assads Armee mit massiver russischer Luftunterstützung in Idlib an. Zunächst kam die Offensive wegen des heftigen Widerstandes des Dschihadisten-Bündnis Hayat Tahrir al Scham (HTS) und von der Türkei unterstützten Rebellengruppen kaum voran.

Nun aber konnten die Regimetruppen die Stadt Chan Scheichun einnehmen, die in Süd-Idlib an einer strategisch wichtigen Fernstraße liegt und jahrelang von den Aufständischen gehalten worden war. Wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, haben Assads Soldaten Verbände der Aufständischen südlich von Chan Scheichun eingekesselt.

Sollten Damaskus’ Kämpfer ihre Kontrolle über das Gebiet festigen, dürften sie weiter Richtung Norden marschieren – auf das Zentrum der Rebellenprovinz zu. Doch das ruft andere regionale Großmächte auf den Plan.

Der türkische Präsident Erdogan will seinen Einfluss in Syrien ausbauen. Foto: Presidency Press Service/AP/dpa Vergrößern
Der türkische Präsident Erdogan will seinen Einfluss in Syrien ausbauen. © Foto: Presidency Press Service/AP/dpa

DIE TÜRKEI

Ein Konvoi der türkischen Armee mit Panzern war am Montag in der Nähe von Chan Scheichun unter Beschuss syrischer Kampfjets gekommen. Der Regierung in Ankara zufolge sollte der Konvoi die Besatzung eines türkischen Beobachtungspostens in Morek versorgen, der rund fünf Kilometer südlich von Chan Scheichun liegt.

Die syrische Regierung sagt dagegen, die Türken hätten Nachschub für Rebellen transportiert. Morek ist nun von syrischen Regierungsverbänden eingekreist. Die Türkei will den Posten allerdings nicht aufgeben. Die Gefechte könnten also schon bald noch heftiger werden. Ankaras Beobachtungsposten in Idlib waren im vergangenen Jahr im Rahmen einer türkisch-russischen Übereinkunft eingerichtet worden.

Mit ihrer Hilfe sollte die Situation in der Provinz – eigentlich eine Zone, in der die Waffen schweigen sollen – beruhigt werden. Dort leben Zehntausende Rebellenkämpfer, die Mehrheit von ihnen Islamisten – und drei Millionen Zivilisten.

Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" haben sich kurdische Einheiten besonders hervorgetan. Foto: Delil Souleiman/AFP Vergrößern
Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" haben sich kurdische Einheiten besonders hervorgetan. © Delil Souleiman/AFP

RUSSLAND

Kremlchef Wladimir Putin lässt Assad gewähren. Russland unterstütze die Bemühungen der syrischen Armee zur Bekämpfung von „Terroristen“ in Idlib, sagte der Präsident kürzlich. Wenn Russland nicht bereit ist, Assads Offensive zu stoppen, könnte Syriens letzte Rebellenbastion bald fallen.

Möglicherweise werde sich Ankara daher gezwungen sehen, den Beobachtungsposten in Morek aufzugeben, sagt Experte Kerim Has. Dass Ankara den Kreml umstimmen kann, ist unwahrscheinlich. Die Türkei ist in Syrien von Russland abhängig und hat sich mit dem Kauf eines Raketenabwehrsystems noch enger an Moskau gebunden. Putin ist ohnehin einen Schritt weiter: Ihm geht es um den Wiederaufbau des Landes – mit den Milliarden des Westens.

Wladimir Putin plant schon für den Wiederaufbau des zertörten Syriens. Foto: imago images /Russian Look Vergrößern
Wladimir Putin plant schon für den Wiederaufbau des zertörten Syriens. © imago images /Russian Look

DIE USA

Während sich die Lage in Idlib zuspitzt, versuchen die USA weiter östlich, eine türkische Militärintervention gegen die syrische Kurdenmiliz YPG zu verhindern. Ankara will dort eine „Sicherheitszone“ schaffen, um die YPG, die sie als Terrorgruppe betrachtet, zu vertreiben und Flüchtlinge aus Syrien anzusiedeln.

Washington wiederum will die kurdischen Kämpfer – die wichtigste Partner im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ – vor der Türkei schützen. Grundsätzlich haben sich Ankara und Washington auf ein gemeinsames Vorgehen in dem Gebiet verständigt. Doch wie belastbar diese Einigung ist, muss sich erst noch erweisen. Die Türkei hat mehrfach angekündigt, auch ohne Einverständnis des Natopartners USA einzumarschieren.

Syriens Machthaber Assad will ein "homogeneres" Volk. Für Menschen, die aufbegehren, ist kein Platz. Foto: Marko Djurica/Reuters Vergrößern
Syriens Machthaber Assad will ein "homogeneres" Volk. Für Menschen, die aufbegehren, ist kein Platz. © Marko Djurica/Reuters

SYRIENS REGIME

Diesen Vorstoß will Assad unbedingt verhindern. Er glaubt sich im neunten Jahr des Kriegs dem militärischen Sieg nahe. Fiele Idlib in seine Hand, hätte der Herrscher wieder alle wichtigen Teile des Landes unter Kontrolle – abgesehen von der autonomen Kurdenregion.

Deshalb setzt er alles daran, die Bastion seiner Gegner zu schleifen. Jeder Zentimeter Syriens müsse „befreit“ werden, sagte er vor Kurzem. Dass dabei in erster Linie die Zivilisten leiden, stört Assad wenig. Als Machthaber will er sich nach eigenem Bekunden ein „homogeneres Volk“ schaffen.

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© Grafik: Fabian Bartel

Im Klartext heißt das: Er will ein Syrien ohne Syrer, die gegen ihn aufbegehren. Idlib steht dem im Weg. Für die Menschen dort hat das fatale Folgen. Aberhunderte sind seit April den Bombardements zum Opfer gefallen, weit mehr als 570.000 Frauen, Kinder und Männer haben ihr Zuhause verloren. Nun bietet das Regime den Zivilisten an, einen humanitären Korridor einzurichten und ihnen so den Abzug zu ermöglichen. Doch ob die Menschen diese Möglichkeit nutzen, ist fraglich. Sie fürchten Assads Rache.

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