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US-Präsident Joe Biden und seine Frau Jill Biden vor dem Abflug nach Europa. Foto: Evan Vucci/AP/dpa
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Joe Biden zur Gipfelwoche in Europa Endlich wieder Diplomatie zum Anfassen

Nach 15 Monaten Pandemie kommen Dutzende Staatenlenker in den nächsten Tagen wieder persönlich zusammen. Warum das eine gute Nachricht ist. Ein Kommentar.

Der Handschlag hat es schwer gehabt in den vergangenen 15 Monaten. Abstand sollten alle halten, Zuhausebleiben war oberste Bürgerpflicht, Treffen fanden weitgehend virtuell statt.

Nun, nach knapp anderthalb Jahren, kommen Dutzende Staats- und Regierungschefs wieder persönlich zusammen: erst beim G-7-Gipfel in Cornwall, dann in Brüssel und später in Genf. Sie werden sich in die Augen schauen, manche werden sich umarmen – und ja: Einige werden sich wohl auch wieder die Hände schütteln.

Eine symbolische Geste, die doch so viel sagen kann. Über Vertrauen in das Wort des Gegenübers, über Nähe, die nun plötzlich wieder möglich ist. Man kommt zusammen und gibt sich die Hand auf das, was man verabredet hat. Auch wenn es genügend Beispiele für Situationen gibt, in denen das Händeschütteln zu einer Machtdemonstration wurde. Aber selbst das kann ja erhellend sein.

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Nicht jedes Gipfeltreffen ist erfolgreich. Und häufig werden die Ergebnisse im Voraus von den jeweiligen Expertenrunden ausgehandelt. Aber die Chance, dass sich bei einem physischen Zusammensein doch noch etwas mehr erreichen lässt, ist groß. Größer zumindest als bei den perfekt vorbereiteten, sterilen Treffen im virtuellen Raum, die in den vergangenen Monaten kaum Platz für Spontaneität und Emotionen ließen.

Es ist Joe Bidens erste Auslandsreise

Ganz besonders Joe Biden, der nun zu seiner ersten Auslandsreise als US-Präsident in Europa eingetroffen ist, ist ein Politiker, der Nähe liebt und einzusetzen weiß. Er kann eigentlich gar nicht anders, als den Menschen um ihn herum nahezukommen, auch wenn er im Wahlkampf dafür mal kritisiert wurde.

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Nach vier Jahren Donald Trump muss Biden das Vertrauen in die Verlässlichkeit Amerikas reparieren. Er muss die traumatisierten Verbündeten davon überzeugen, dass Washington es ernst meint mit seinem Anspruch, die Idee des Westens wiederzubeleben und die Demokratien der Welt anzuführen.

Die großen Probleme dieser Zeit wie die Gefahren durch den Klimawandel und weltweite Pandemien kann kein Land der Erde alleine lösen. Dass dies der derzeitige US-Präsident anders als sein Vorgänger weiß, ist eine große Erleichterung. Genauso wie die Tatsache, dass Diplomatie wieder ein positiv besetztes Wort in Washington ist.

Nähe kann auch kompromittieren

Überzeugen, ins Gewissen reden lässt sich leichter, wenn man sich in einem gemeinsamen Raum befindet. Gerade die bilateralen Gespräche am Rande von Gipfeln können zu erstaunlichen Fortschritten führen.

Natürlich kann Nähe auch kompromittieren. Und bei einem Vieraugengespräch kann eine Seite die andere dominieren und über den Tisch ziehen – das Treffen von Trump mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Helsinki 2018 gilt als abschreckendes Beispiel.

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Nun gibt es Kritiker, die sagen, Bidens geplantes Treffen mit Putin im neutralen Genf würde diesen in einer Zeit aufwerten, in der der Kremlchef an der ukrainischen Grenze zündelt, mit Hackerangriffen auf die amerikanische Infrastruktur in Verbindung gebracht wird und Widersacher ganz offen aus dem Verkehr zieht.

Diplomatie ist besser als Funkstille

Doch Biden ist nicht Trump, er kann auf jahrzehntelange außenpolitische Erfahrung verweisen. Auch im Umgang mit Putin, den er neulich erst einen „Mörder“ nannte. Dieses Treffen finde nicht auf der Basis von Vertrauen statt, betont Bidens Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan.

Die US-Regierung macht sich keine Illusionen: Es gehe darum, sich über die jeweiligen Absichten klar zu werden und die Probleme durchzugehen. Biden und Putin würden nicht trotz der Konflikte zusammentreffen, sondern gerade deswegen, sagt Sullivan. Das nennt man Diplomatie – und es ist besser als Funkstille.

Die Pandemie hat vieles verändert und manches zerstört. Eine Weile tat Abstandhalten gut. Dass dies nun zumindest in Teilen der Welt allmählich wieder anders wird, ist eine gute Nachricht. Der Wunsch nach Nähe ist übergroß. Auch bei denen, die politische Verantwortung tragen. Alleine deshalb ist diese Gipfelwoche ein Neuanfang.

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