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Eine Plastiktüte im Meer. Foto: dpa-tmn/Mike Nelson
© dpa-tmn/Mike Nelson

Interview mit Meeresbiologin Antje Boetius „Basstölpel bauen ihre Nester bereits aus Plastikfäden“

Elena Matera

Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, spricht über das Artensterben in der Nord- und Ostsee. Sie fordert eine mutige Umweltpolitik.

Antje Boetius ist eine deutsche Meeresbiologin und Professorin der Universität Bremen. Seit Januar 2015 ist sie Vorsitzende des Lenkungsausschusses von Wissenschaft im Dialog und seit November 2017 leitet sie zusätzlich das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Frau Boetius, wie steht es um die Artenvielfalt in der Nord- und Ostsee?
Deutschland hat mit den anderen europäischen Ländern vor zwölf Jahren Ziele für den Meeresschutz festgelegt. Diese Ziele der „Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie“ sollten bis 2020 erreicht werden. Es ist 2020. Und wenn man sich den letzten Bericht zum Zustand der Nord- und Ostsee anschaut, sieht man: Es gab wenig Fortschritte und sogar Verschlechterungen.

Inwiefern?
Von den Vogel- und Fischpopulationen sind ungefähr die Hälfte in einem kritischen Zustand. Auch die Schadstoff- und Müllbelastung ist hoch in Nord- und Ostsee. Problematisch ist außerdem die Störung des Meeresbodens durch Grundschleppnetze und der Meereslärm.

Ist die Fischerei eines der größten Probleme?
Ja. In der Nordsee sind mehrere Populationen nicht in einem guten Zustand oder gar bedroht. Besonders Haie, Störe und Rochen sind betroffen, aber auch der Schweinswal. Bestände von Kabeljau oder der Seezunge sind ebenfalls kritisch. Das hat allerdings nicht nur etwas mit der Fischerei zu tun, sondern auch mit der Veränderung des Lebensraums durch die Schadstoffbelastung, die Überdüngung und den Klimawandel.

Welche Rolle spielt die Erderwärmung dabei?
Wir haben immer mehr Hitzewellen, die Temperatur in den Meeren steigt. Das ist besonders dramatisch für die Ostsee, weil dort sprunghaft im Sommer die Bakterienzahlen ansteigen können. Das kann sogar dazu führen, dass ganze Strände gesperrt werden. Auch für die Nordsee ist der Klimawandel problematisch. Die Nordsee erwärmt sich viel schneller, als der Durchschnitt der Weltmeere. Es ist daher ein Meer, das sehr vom Klimawandel betroffen ist. Durch die Erwärmung wandern einige Arten ab, etwa der Kabeljau. Andere invasive Arten treten neu auf und verdrängen damit die heimischen Fische und Pflanzen. Das ganze Nahrungsnetz ändert sich.

Antje Boetius ist Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Foto: privat Vergrößern
Antje Boetius ist Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. © privat

Welche Probleme gibt es noch?
Die Liste ist lang. Wichtig zu nennen ist vor allem der Lärm, der unterschätzt wird, durch Schiffsverkehr und Rammarbeit. Für die Schweinswale gibt es wenig Schutzraum. Von den marinen Säugern sind sie besonders gefährdet. Ein weiteres Problem ist der Plastikmüll. Alle Regionen der Weltmeere sind von Mikroplastik betroffen. Sogar in der Tiefsee ist Plastik zu finden. Auf Helgoland bauen die Basstölpel bereits ihre Nester aus Plastikfäden. Es bleibt eine große Gefährdung für die Lebewesen im Meer und für die Seevögel.

Wie viele Arten sind derzeit gefährdet?
Es gibt eine ganze Reihe bedrohter Arten, die auf der Roten Liste stehen. Das Bundesamt für Naturschutz schätzt, dass ein Drittel der Meeresbewohner in der Nord- und Ostsee aktuell bedroht sind.

Auch Kegelrobben in der Ostsee zählen laut NABU zu den gefährdeten Arten. Foto: Stefan Sauer/dpa Vergrößern
Auch Kegelrobben in der Ostsee zählen laut NABU zu den gefährdeten Arten. © Stefan Sauer/dpa

Wie würden diese beiden Meere in 20 Jahren aussehen, wenn Deutschland weiterhin vereinbarte Ziele nicht einhält?
Es würde eine weitere Verschlechterung des Umweltzustandes geben. Die Artenzusammensetzung würde sich stark verschieben. Es wird eine enorme Zuwanderung von invasiven Tieren und Pflanzen geben. Bereits jetzt wandern zwei bis drei neue Arten jedes Jahr ein. Das alles hat natürlich auch Folgen für die Menschen.

Warum?
Wenn wir bestimmte Arten aus dem Ökosystem verlieren, verändert sich das ganze Nahrungsnetz. Besonders wenn die Räuber fehlen, wie die großen Fische oder Schweinswale. Dazu kann sich durch Erwärmung und ungünstige Nährstoffeinträge Algenpest ausbreiten. Für die Menschen, die an den Küsten leben, ist das fatal, da diese zunehmend vom Tourismus abhängig sind. Dieser läuft besser, wenn die Meere gesünder sind. Auch Starkstürme verändern die Küstenlandschaften und können das Leben der Bewohner beeinträchtigen.

Kann man das Ruder noch herumzureißen?
Das ist schwierig. Es hängt vom politischen Willen ab. Wir brauchen eine mutige, kluge Umweltpolitik, die rechtzeitig die Meere in den Blick nimmt, bevor die Arten aussterben. Ich muss sagen, dass es enttäuschend ist, dass die Meere immer noch stiefmütterlich behandelt werden. Wir haben derzeit in der Nordsee Forschungsprojekte, um bedrohte Arten wieder anzusiedeln, etwa die Europäische Auster. Aber solch eine Aktion ist sehr aufwendig und teuer. Es wäre besser und günstiger, jetzt etwas zu unternehmen und nicht später, wenn die Arten schon verschwunden sind.

Was muss die Politik ihrer Meinung nach ändern?
Sie muss im Sinne des Naturschutzes handeln: Sperrzonen für Bodenfischerei einrichten, zunehmend Geräuschpegel senken. Sie muss Lösungen finden für die Überdüngung der Landwirtschaft und den Plastikmüll. Und natürlich müssen die Politiker sich mehr für den Klimaschutz einsetzen. Der Klimawandel bleibt ein großer globaler Treiber. Es muss letztendlich in der Politik über alle Sektoren hinweg darum gehen, einen guten Umweltzustand zu erreichen.

Sie sind auch zu Gast im Umweltausschuss zum Thema Meeresbiodiversität in Nord- und Ostsee. Ist es Ihnen wichtig, als Wissenschaftlerin auch in der Politik gehört zu werden?
Ja, auf jeden Fall. Wir erarbeiten als Wissenschaftler Grundlagen und Methoden, um den Zustand der Gewässer zu beurteilen. Wir liefern Daten an die Ämter, die zeigen, wie verschmutzt die Meere sind und was besser gemacht werden kann für die Gesellschaft und die Politik. Leider müssen wir jedes Jahr berichten, dass wir nicht ausreichend mit Klima- und Naturschutz vorankommen. Ich rede hier auch nicht von Träumen einer besseren Welt. Ich spreche von konkreten Zielen, die politisch verhandelt und vereinbart worden sind. Es ist beschämend, dass Deutschland diese Ziele zum Schutz der Meere nicht erreicht. Es bedeutet, dass praktisch das reichste Land der EU den Natur- und Umweltschutz immer noch hinten anstellt.

Sind sie positiv gestimmt, dass es ein Umdenken geben wird?
Ich bin bescheiden optimistisch. Es gibt nun mehr Willen für Schutzgebiete, in einigen Bereichen der Nordsee wird Grundschleppnetz-Fischerei eingeschränkt. Das ist ein Hoffnungsschimmer. Es gibt große Klimaschutzanstrengungen bei der EU. Über neue Verfahren, die Plastikmüll einschränken, wird gesprochen. Wir müssen wirklich dringend Lösungen finden. Der gute Zustand der Meere hätte dieses Jahr erreicht werden müssen. Das haben wir nicht geschafft. Das heißt, wir müssen jetzt noch ehrgeiziger und mutiger sein. Alle müssen da mithelfen.

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