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Eine medizinische Fachangestellte sortiert in der Revolte-Bar im Berliner Bezirk Friedrichshain Spritzen mit dem Impfstoff Johnson & Johnson Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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„Impfen bei Aldi oder dm – warum nicht?“ Eine Psychologin erklärt, wie sich die Impfbereitschaft erhöhen lässt

Cornelia Betsch forscht zur Psychologie von Impfentscheidungen. Sie erklärt, warum noch viele zögern - und wie sich das ändern ließe.

Cornelia Betsch (42) ist Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt. Seit mehr als zehn Jahren forscht sie zur Psychologie von Impfentscheidungen: Was führt dazu, dass sich Menschen impfen lassen – oder eben auch nicht? Seit Beginn der Corona-Krise befragt Betsch mit ihrem Team regelmäßig Menschen in Rahmen der Cosmo-Studie zu ihrem Verhalten in der Pandemie, ihrer Risikowahrnehmung, zu ihrem Vertrauen in die Regierung und der Akzeptanz der Maßnahmen.

Frau Betsch, seit mehr als einem Jahr untersuchen Sie die Corona-Sorgen der Deutschen, ihre Akzeptanz für die Maßnahmen und ihr Verhalten in der Pandemie. Wie steht es aktuell um uns?
Die Belastung hat deutlich nachgelassen. Zwar machen sich viele Sorgen wegen der Delta-Variante und die meisten rechnen auch mit einer vierten Welle etwa ab Oktober. Aber insgesamt fühlen sich die Leute viel befreiter. Und viele Geimpfte direkt danach sogar regelrecht glücklich.

Immer mehr Menschen fühlen sich offenbar so sicher, dass sie ihre Termine für Zweitimpfungen ungenutzt verstreichen lassen. War damit zu rechnen?
Da wir dieses Phänomen in den USA schon gesehen haben, war es nicht ganz unerwartet. In einigen Fällen haben die Personen vielleicht stattdessen einen Termin beim Hausarzt gemacht. Prinzipiell ist es aber so: Der Mensch ist von Natur aus faul. Deswegen ist es im schlechteren Sinne menschlich zu sagen, man lässt den Termin sausen, weil man das Risiko gerade als nicht so hoch empfindet. Aber es ist eben gleichzeitig unverzeihlich und unsozial. Weil jedes Mal Impfdosen weggeschmissen werden, die vielleicht ein Menschenleben gerettet hätten.

Vergangenes Wochenende wurde hitzig über Strafen für Impfschwänzer diskutiert.
Aus psychologischer Sicht sind solche Strafen nicht sinnvoll. Ich fürchte, dass schon eine kleine Strafe abschreckend wirken würde – gerade für jene, die ohnehin unentschlossen in Bezug auf die Impfung sind. Das können wir uns nicht leisten, denn gerade die wollen wir ja erreichen. Besser ist die Debatte darüber. Wenn Impfschwänzen gesellschaftlich genauso stark negativ bewertet wird wie einst das Impfdrängeln, dann werden die Leute von sich aus ihre ausgemachten Termine wahrnehmen.

Durch die ansteckendere Delta-Variante erhöht sich die Zahl derer, die für die Herdenimmunität gebraucht werden. Das Robert-Koch-Institut sagt: Mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Älteren ab 60 Jahren sollten vollständig geimpft sein. Wie realistisch ist das angesichts der Impfbereitschaft?
Die hohe Impfquote unter den Älteren zu erreichen, ist realistisch. Es sind bereits jetzt mehr als 80 Prozent der über 60-Jährigen mindestens einmal geimpft. Für sie ist aber auch der Eigenschutz enorm, weil sie ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir die Jüngeren erreichen müssen. Hier muss noch ordentlich was passieren. Denen müssen wir es so leicht wie möglich machen. Denn sie haben ohnehin das Gefühl, dass sie selbst nicht so stark gefährdet sind. Bei den derzeit sehr niedrigen Inzidenzen ist ihre Risikowahrnehmung nochmal geringer. Dabei ist jetzt ein sehr gefährlicher Moment.

Inwiefern?
Wir erleben diesen Sommer einen Wettlauf gegen die Delta-Variante. Der wird jetzt entschieden und nicht im Herbst. Wir müssen es jetzt schnell schaffen, dass genug Menschen geimpft werden. Die Modellierungen des RKI sprechen eine sehr eindeutige Sprache: Der Unterschied zwischen 65 Prozent vollständig Geimpften und 75 Prozent ist enorm. Was nur nach einem kleinen Unterschied in der Impfquote aussieht, wirkt sich sehr deutlich auf die Infektionszahlen und damit auch auf die erwarteten Krankenhausfälle aus. Wenn wir nur 65 Prozent der 12-59-Jährigen impfen, dann könnten die Inzidenzen im Dezember auf knapp 400 hochgehen. Bei 75 Prozent sind wir schon bei unter 200, bei 85 Prozent bei um die 100. An „flattening the curve“ können wir uns vielleicht noch aus dem letzten Jahr erinnern. Das gilt jetzt nochmal, nur mit impfen: Je schneller wir eine hohe Impfquote haben, desto flacher verläuft die Kurve. Das ist wichtig. Denn wir schützen damit die, die sich nicht schützen und impfen lassen können: unsere Kinder unter zwölf Jahren. Sie werden sonst diese vierte Welle mit ausbaden. Und die Intensivstationen werden sich füllen mit Erwachsenen unter 60.

Anklicken für Vollansicht: Die Berechnungen des RKI zeigen, wie sich die Impfquote auf die Inzidenzen auswirken könnte. Daten: RKI / Screenshot: Tagesspiegel Vergrößern
Anklicken für Vollansicht: Die Berechnungen des RKI zeigen, wie sich die Impfquote auf die Inzidenzen auswirken könnte. © Daten: RKI / Screenshot: Tagesspiegel

Wie gewinnt man denn jetzt die Menschen, die prinzipiell impfbereit sind, aber sich noch keinen Termin gemacht haben?
Indem man die Hürden so niedrig wie möglich hängt. Indem man dort impft, wo die Leute sowieso sind. Man kann sich testen lassen bei dm – warum nicht auch impfen bei dm oder Aldi? Mir haben Freunde ein Bild aus Italien geschickt: Da stand ein Impfzelt des Roten Kreuzes auf dem Marktplatz. Walk-in, impfen, fertig. Oder Israel: Sekt und Hummus an der Bar und dazu die Impfung. Klar, es ist ein medizinischer Eingriff, der Aufklärung braucht. Aber es sind ja Ärzte anwesend. Oft wissen die Leute ohnehin, dass sie die Impfung wollen. Sie sind nur nicht bereit, x Mal auf die Terminseite zu klicken oder ständig beim Hausarzt anzurufen. Derzeit ist ja auch der Druck nicht so stark, weil das Virus uns nicht mehr so stark einschränkt

In den USA gab es zum Teil Anreize oder Prämien für Impflinge. Wäre das auch ein Modell für Deutschland – nach dem Motto: Unter einer Million Impflingen wird ein Elektroauto verlost?
Wir haben das untersucht und haben herausgefunden, dass nur sehr hohe Anreize etwas bringen. Für die kleine Chance ein Auto zu gewinnen, kriegt man wahrscheinlich die wenigsten dazu, sich einen Termin zu buchen. Zumal es auch ethisch fragwürdig ist: Bezahlt man die Leute für etwas, das sie eigentlich nicht wollen? Aus meiner Sicht müssen wir wirklich das machen, was wir in Deutschland leider nicht gewohnt sind: Wir müssen mit dem Gesundheitsangebot dahin gehen, wo die Menschen sind. Das gilt gerade für Gruppen, die bisher oft vergessen worden sind. Migranten sind weniger gut geimpft, Frauen, Leute aus Haushalten mit sehr vielen Menschen. Wir müssen sie aufsuchen, mit ihnen reden. Da gibt es einzelne tolle Projekte, aber das brauchen wir eigentlich flächendeckend.

Was wir interessant finden: Sie schreiben, ob die Befragten die #aermelhoch-Kampagne der Bundesregierung kennen oder ihre Website zusammengegencorona.de besucht haben, hat keinen signifikanten Einfluss auf die Impfbereitschaft. Heißt das, die Kampagne bringt eigentlich nichts?
Nein. Die Kampagne schafft schon ein Bewusstsein. Fast 60 Prozent kennen sie. Das ist für eine Gesundheitskampagne sehr viel. Nur bringt sie eben die Unentschlossenen nicht dazu, sich impfen zu lassen. Man darf einfach nicht denken, dass man damit fertig ist, wenn man Plakate gedruckt hat und eine Website online gestellt hat. Das ist die leidvolle Erfahrung von jedem, der eine Gesundheitskampagne macht.

Im Netz macht ein Vergleich die Runde: Das deutsche Plakat mit der Schauspielerin Uschi Glas, die ihren geimpften Arm zeigt. Und ein französisches Plakat, das zwei junge, gutaussehende Menschen zeigt, die sich küssen. Dazu der Spruch: „Ja, der Impfstoff kann wünschenswerte Nebeneffekte haben.“ Muss eine Impfkampagne auch ein bisschen sexy sein?
Ich weiß nicht, ob es so gut ankäme, wenn die Bundesregierung da ein knutschendes Paar hinsetzt. Klar ist: Wir müssen eine positive Vision zeigen, wo wir wieder hinwollen. Und wir brauchen andere Absender als die Bundesregierung. Denn ein Teil der Bevölkerung hat das Vertrauen in die Bundesregierung verloren und lässt sich deshalb nicht impfen. Deswegen wäre als Absender beispielsweise die Kulturbranche interessant. Hier könnten sich prominente Künstler zusammentun, die sagen: „Lasst euch impfen, damit ihr auch im Herbst unsere Konzerte hören könnt.“ Oder die Konsumbranche oder der Sport. In der EM liegt auch eine verpasste Chance, das hätte dafür schon gut genutzt werden können.

Sie haben herausgefunden: Wer glaubt, dass er mit der Impfung auch andere schützt, ist eher bereit, sich impfen zu lassen. Unter den jetzt noch Ungeimpften glauben aber nur 36 Prozent, dass sie mit der Impfung auch andere schützen. Fehlt es da an Aufklärung?
Dass man mit der Impfung andere schützt, sollte deutlich stärker kommuniziert werden. Es ist natürlich eine Gratwanderung. Denn gleichzeitig sind Geimpfte nicht völlig raus aus dem Infektionsgeschehen – gerade bei Delta. Da besteht immer noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie das Virus weitergeben, ohne es zu merken. Insofern ist es kein ganz einfacher Wissensinhalt. Aber es muss klar gemacht werden, dass man mit der Impfung eine soziale Verantwortung übernimmt. Denn es gibt aktuell auch viele, die egoistisch denken: Wenn sich so viele andere impfen lassen, dann muss ich es nicht – die schützen mich ja mit.

Sie ziehen zudem aus Ihren Befragungen den Befund: „Wer mehr abwägt, will sich weniger impfen lassen.“ Wie das?
Das wirkt erstmal kontraintuitiv. Aber das finden wir eigentlich ganz oft, auch in anderen Studien. Das sind Leute, die zum Teil Angst haben und sich fragen: Brauche ich die Impfung wirklich? Die suchen dann ganz viele Informationen und haben viele Fragen. Der springende Punkt ist: Wer beantwortet die? Wenn die Personen kein Vertrauen in die Regierung haben, werden sie sich auf deren Seiten nicht informieren. Vielleicht stoßen sie dann auf Falschinformationen. Vielleicht schauen sie auf die Bestseller-Liste, auf der länger ein impfkritisches Buch stand. Und schon sind sie drin in der Maschinerie der Gerüchteküche, aus der man nur schwer wieder rauskommt. Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum sich ein niedriges Vertrauen in die Regierung auf die Impfbereitschaft durchschlägt.

Psychologin Cornelia Betsch. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Vergrößern
Psychologin Cornelia Betsch. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Und das sind ja dann keine Leute, die von vornherein die Impfung abgelehnt hätten oder die Gefährlichkeit des Virus leugnen.
Richtig. Das ist dann nochmal eine andere Gruppe.

Etwas, das sich Ihrer Forschung nach ebenfalls negativ auf die Impfbereitschaft auswirken kann, ist gesellschaftlicher Druck – gerade bei Eltern.
Ja, das waren Ergebnisse einer kleineren Studie, deren Ergebnisse aber psychologisch plausibel sind. Eltern, die wahrnehmen, dass Lehrer oder andere Eltern von ihnen erwarten, dass sie ihre Kinder impfen lassen, denken eher: „Nein, lieber nicht“. Da entsteht eine Reaktanz. Also der Effekt, dass Leute, die wir unter Druck setzen, etwas bestimmtes zu machen, das dann lieber nicht tun. Für Eltern ist es sehr wichtig, dass sie gemeinsam mit ihren Kindern selbst die Entscheidung treffen können. Übrigens ist die Impfbereitschaft von Eltern mit Kindern zwischen 12 und 17 Jahren gerade sogar relativ hoch.

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Was Sie schildern, spricht dann aber auch gegen eine Impfpflicht.
Psychologisch spricht tatsächlich einiges gegen eine Impfpflicht. Es gibt viele Daten, die zeigen: Selbst wenn man nur eine Teil-Impfpflicht hat wie bei den Masern, führt das dazu, dass die Bereitschaft sinken kann, andere Impfungen in Anspruch nehmen. Aber eine Pflicht ist für Corona ja nicht in der Debatte.

Sie schauen bei Ihren Befragungen nicht nur auf die Impfbereitschaft, sondern auch auf die Akzeptanz der Schutzmaßnahmen. Was spannend ist: Eine Mehrheit der Deutschen ist dafür, die Maskenpflicht in Geschäften und im ÖPNV bis Frühjahr 2022 beizubehalten. Ist die politische Debatte über die baldige Abschaffung der Maskenpflicht dann nicht etwas überflüssig?
Natürlich muss bei der schwankenden Infektionsdynamik immer wieder mal debattiert werden, ob Maßnahmen noch verhältnismäßig sind – vor allem wenn alle ein barrierefreies Impfangebot hatten. Dennoch finde ich es wichtig, diese Umfragedaten zu haben. Sie ersetzen nicht die Debatte und juristische Bewertung. Aber sie erleichtern der Politik die Einschätzung.

Viele Deutsche erwarten, dass wir länger mit dem Virus leben müssen und beispielsweise erstmal nicht so weit reisen, weniger Großveranstaltungen haben oder uns häufiger impfen lassen. Man kann auch hier den Eindruck bekommen: Die Bürger sind recht realistisch und erwarten gar nicht, dass sofort alles wieder normal wird.
Ja, oft ist eine Mehrheit der Bürger zu mehr bereit, als die Politik ihnen zutraut. Das hat man, finde ich, auch beim Bürgerrat Klima gesehen. Es wird immer laute Gegner bestimmter Maßnahmen geben. Aber die Frage ist: Wie ist das in der Bevölkerung verteilt? Und wo liegen die Mehrheiten?

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