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Schulspeißung in Guatemala vor der Pandemie. Foto: imago/Danita Delimont
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Hungrig durch die Pandemie 370 Millionen Kinder verlieren durch Corona ihre Schulmahlzeit

Weltweit versäumen Kinder durch die Pandemie viele Unterrichtstage. Damit entgeht ihnen nicht nur Bildung, sondern oft auch die einzige warme Mahlzeit am Tag.

Djamilie bekam in den vergangenen 15 Wochen das Lebenswichtigste vor ihr Zelt gelegt: warmen Reis mit Linsen, Fladenbrot - und Arbeitsblätter. Die Neunjährige wohnt in einem Zeltcamp im Libanon in der Bekaa-Ebene. Sie ist, wie die meisten Bewohner:innen des Lagers, aus Syrien geflohen. Ihre Mutter hat sie bei einem Bombardement verloren, ihren demenzkranken Vater pflegt sie im Camp.

Wegen der Corona-Pandemie und des mittlerweile dritten Lockdowns im Libanon konnte Djamilie die Zeltschule, die das Herzstück des Flüchtlingslagers bildet, nicht besuchen. Stattdessen legten die Lehrer:innen - alle selbst Geflüchtete - morgens Arbeitsblätter an den Eingang des Zeltes, in dem sie wohnt. Bis zum Abend musste sie diese ausgefüllt haben. Dann sammelten die Lehrer:innen die Blätter wieder ein und korrigierten sie.

Djamilie wohnt in einem Lager des Vereins „Zeltschule“. Die Münchnerin Jacqueline Flory hat die Organisation 2016 gegründet, mit dem Ziel, geflüchteten Kindern aus Syrien Zugang zu Bildung und elementarer Versorgung zu ermöglichen.

Mittlerweile betreibt der Verein 34 Schulen mit angegliederten Zeltcamps. Die eine Hälfte steht im Libanon, die andere in Syrien - in Gebieten, aus denen sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ zurückgezogen hat und wo kein Krieg mehr herrscht.

Weltweit haben Kinder durchschnittlich 74 Unterrichtstage verloren

Corona ist also bei Weitem nicht die erste Krise, die Djamilie und die Bewohner:innen der Camps erleben. Doch es erschwert ihre Situation besonders: Gerade in den ärmsten Regionen der Welt, wo Kinder nur bedingt Zugang zu Bildung haben, hat der Schulausfall fatale Folgen.

Durchschnittlich haben Kinder auf der ganzen Welt 74 Unterrichtstage – also über ein Drittel des üblichen Schuljahres – verloren, weil die Schulen geschlossen waren und sie keinen Zugang zu Onlineunterricht hatten. Das geht aus einer Bilanz von „Save the Children“ hervor. Die meisten von ihnen sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

Djamilie lebt in einem Flüchtlingscamp des Vereins Zeltschule e.V. im Libanon. Foto: Zeltschule e.V. Vergrößern
Djamilie lebt in einem Flüchtlingscamp des Vereins Zeltschule e.V. im Libanon. © Zeltschule e.V.

Fatal ist das einerseits, weil bei den Kindern so Bildungslücken entstehen, die schwer wieder zu schließen sind. Andererseits, weil mit dem Schulessen häufig ihre einzige Mahlzeit des Tages wegfällt. Das betrifft aktuell 370 Millionen Kinder weltweit, wie der Bericht „State of School Feeding Worldwide“ des UN-Welternährungsprogramms WFP darlegt.

Fehlendes Essen und Unterrichtsausfall tragen zum Teufelskreis aus noch mehr Hunger und Armut bei. Djamilie geht es immerhin etwas besser als anderen Kinder auf der Welt. Jacqueline Flory, ihr dreiköpfiges Team und etliche ehrenamtliche Helfer vor Ort haben sich vorgenommen, trotz Corona die Versorgung nicht abreißen zu lassen.

Kinderarbeit gefährdet die Rückkehr zur Schule

Wasser, Grundnahrungsmittel und Feuerholz für die Bewohner:innen der Camps zu besorgen, ist der größte Kostenfaktor von Zeltschule e. V. „Die Geflüchteten im Libanon dürfen nicht arbeiten, bekommen aber auch keine staatliche Unterstützung“, sagt Flory. Kinder hingegen dürfen auf Feldern arbeiten – das will Flory aber unbedingt verhindern.

Weltweit besteht nämlich für fast zehn Millionen Kinder die Gefahr, wegen Zwangsehen und Kinderarbeit gar nicht mehr zur Schule zurückzukehren, heißt es in einem Bericht der Hilfsorganisation „Save the Children“. WFP schätzt die Zahl sogar auf 24 Millionen Kinder.

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Damit die Familien aus den Zeltschule-Camps ihre Kinder zur Schule schicken und nicht zur Feldarbeit, muss der Verein sie unterstützen. Und Flory und ihr Team haben es zur Bedingung gemacht: Nahrung und Wasser gibt es nur, wenn die Kinder zur Schule gehen. Derzeit unterrichten sie 7000 Kinder, versorgen aber insgesamt 30.000 Menschen.

„Im Libanon haben wir ohnehin eine Wirtschaftskrise, jetzt wurde die Hyperinflation noch dramatischer“, berichtet Flory. Die Geflüchteten fürchten besonders, dass die Unterstützung durch die Zeltschule wegen der Pandemie komplett wegfällt. Die Explosion im Beiruter Hafen im vergangenen August verschärfte die Knappheit an Lebensmitteln und Medikamenten zusätzlich.

Am meisten Unterricht fällt in Lateinamerika aus – der ungleichsten Region auf der Welt

Am stärksten vom Unterrichtsausfall betroffen sind weltweit Lateinamerika, die Karibikstaaten und Südasien. Der Hilfsorganisation „Save the Children“ zufolge haben Kinder dort fast dreimal so viel Unterricht verpasst wie Kinder in Westeuropa (38 Tage). Im Nahen Osten versäumten Schüler:innen durchschnittlich 80 Tage Unterricht, in Subsahara-Afrika waren es 69, in Ostasien und den Pazifikstaaten 47 Tage.

In Lateinamerika trifft es wie so oft jene, die ohnehin schon wenig haben, am härtesten. Das beobachtet Victoria Ward, Regionaldirektorin von „Save the Children“ für Lateinamerika und die Karibik. Chronische Unterernährung bei Kindern ist seit der Pandemie besonders in Haiti, Guatemala und Venezuela ein immer größeres Problem.

Die Organisation veranstaltet deshalb in Guatemala „Schulspeisungen“ bei den Kindern zu Hause. „Wir haben die Lieferanten überzeugt, das Essen zu den Kindern nach Hause zu liefern.“ Ward verweist zudem auf großes Engagement in den Nachbarschaften, etwa in Guatemala. Frauen organisierten dort in Eigenregie Mittagskantinen unter freiem Himmel.

Corona macht Ungleiche ungleicher

Die Pandemie befördert noch auf andere Art und Weise Hunger: „Vor der Pandemie war Lateinamerika eine der Regionen auf der Welt mit der größten inneren sozialen Ungleichheit“, sagt Ward. „Jetzt wurde es schlimmer. Einige wenige Unternehmen profitieren von der Krise, während etwa Straßenverkäufer jetzt Verdienstausfälle haben.“ Diese wiederum tun sich schwer, ihren Kindern eine warme Mahlzeit vorzusetzen.

Das sieht die Welthungerhilfe ähnlich. „Hunger und Armut bilden einen Teufelskreis. Unterernährung ist nicht nur eine Folge von Armut, sie verursacht auch Armut, indem sie von Generation zu Generation weitergegeben wird“, heißt es.

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Mangelernährung führt häufig zu einem schwachen Immunsystem und macht anfälliger für Infektionskrankheiten und chronische Krankheiten. Dies verfestigt soziale Ungleichheiten. Zum Beispiel in Kolumbien, wo Städte in wohlhabende und weniger wohlhabende Viertel eingeteilt sind.

„In den reicheren Stadtteilen haben private Schulen nach der ersten Welle früher geöffnet, Kinder hatten Zugang zu mobilen Endgeräten und eines der Elternteile kann meist zu Hause bleiben und die Kinder beschulen“, erklärt Victoria Ward.

Regierungen müssten nun in coronakonforme Bildung und Schulung von Lehrern investieren. Allen Kindern nach der Pandemie wieder Schulunterricht zu ermöglichen, heißt es in Schätzungen von „Save the Children“, würde 50 Milliarden Dollar kosten.

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