Menschen in Simbabwe warten an einem Busbahnhof. Präsident Mnangagwa kündigte strengere Maßnahmen an, um die steigende Zahl von Corona-Infektionen einzudämmen. Foto: Shaun Jusa/XinHua/dpa
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Hilflos, hoffnungslos und hungernd in Simbabwe Warum viele Simbabwer sich nach Mugabe zurücksehnen

Johannes Dieterich

Nach dem Ende des alten Regimes waren die Menschen voller Zuversicht. Doch jetzt ist die Lage auch durch Corona fast schlimmer als vorher.

Die Lage in Simbabwe lässt sich an einigen Beispielen exemplarisch zeigen: Im „Central Hospital“ der Hauptstadt Harare sterben in einer Nacht sieben Kinder bei der Geburt, weil dem Krankenhaus die nötige Ausrüstung, Medikamente und Pflegekräfte fehlen.

Die Einwohner des Landes müssen für einen Laib Brot siebzig Mal mehr als im vergangenen Jahr bezahlen, das Welternährungsprogramm rechnet damit, dass Ende dieses Jahres fast neun Millionen Simbabwer, weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung, auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein werden. Der Gesundheitsminister des Landes wird entlassen, weil er sich an 60 Millionen US-Dollar bereichert haben soll, die eigentlich für Schutzanzüge im Kampf gegen das Coronavirus bestimmt waren. Und der Journalist Hopewell Chin'ono landet wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ im Gefängnis, weil er den Korruptionsfall öffentlich macht.

Damit nicht genug: Regelmäßig verschwinden Regierungskritiker, die später irgendwo ausgesetzt werden. Drei sichtbar misshandelte Frauen müssen sich vor Gericht wegen der angeblichen „Vortäuschung“ ihrer Entführung verantworten. Seit Beginn der Pandemie wurden mehr als 100.000 Simbabwer wegen vermeintlicher Verstöße gegen die Lockdown-Bestimmungen verhaftet: Die Regierungspartei Zanu/PF nutzte die Pandemie, um Verfassungsänderungen durchs Parlament zu peitschen, die dem Präsidenten noch mehr Macht geben.

Und was macht der? Er fletscht die Zähne.

Präsident Emmerson Mnangagwa (l) bei einer Übergabezeremonie von medizinischen Hilfsgütern, die von China gespendet wurden. Foto: Wanda/XinHua/dpa Vergrößern
Präsident Emmerson Mnangagwa (l) bei einer Übergabezeremonie von medizinischen Hilfsgütern, die von China gespendet wurden. © Wanda/XinHua/dpa

Das „Krokodil“ macht Angst

Das „Krokodil“, wie Emmerson Mnangagwa im Volksmund genannt wird, trat zuletzt vor die Kamera, um seinen Kritikern Angst zu machen. „Finstere Kräfte“, „faulige Äpfel“ oder gar „Terroristen“ suchten seine Regierung zu stürzen: Sie würden von den Sicherheitskräften jedoch „ausgeschwemmt“.

Der 77-jährige Staatschef, der vom Volk umjubelt wurde, als er vor drei Jahren den Dauerautokraten Robert Mugabe in den unfreiwilligen Ruhestand versetzte, lächelt heute nicht mehr: Während er damals noch eine „demokratische Blüte“ und die „wirtschaftliche Renaissance“ der einstigen afrikanischen Kornkammer versprach, gibt der ehemalige Sicherheitsminister inzwischen wieder die altbekannten Töne von sich. „Die Sicherheitskräfte werden ihrer Pflicht mit angemessener Schärfe und Entschlossenheit nachkommen“, knurrte das Reptil in die Kamera.

Viele Simbabwer sehnen sich bereits nach ihrem verstorbenen Gründervater zurück: Mugabe habe wenigstens noch irgendwo ein Herz gehabt, heißt es. Dabei hatte der 93-jährige Greis schon damals längst nicht mehr wirklich geherrscht: Seit zwei Jahrzehnten ist das Land de facto eine Militärdiktatur.

Generäle kontrollieren den Gold- und Diamantenhandel des Landes, sitzen am Kabinettstisch und sorgen dafür, dass die alle vier Jahre stattfindenden Wahlen stets mit einem Sieg der Zanu/PF-Partei ausgehen. Proteste der Bevölkerung werden mit Waffengewalt niedergeschlagen: Nach den Wahlen im Juli 2018 wurden sechs, ein halbes Jahr später zehn Demonstranten erschossen.

Charmoffensive im Westen

Kurz nach seiner Amtsübernahme hatte Mnangagwa mit einer Charmoffensive versucht, Washington, London und vor allem Davos hinter sich zu bringen: Doch unter dem Gewicht der Generäle fiel das Krokodil nun wieder zurück. Für den erbärmlichen Zustand seiner Heimat macht er die von den USA und der EU verhängten Sanktionen verantwortlich – auch wenn die Strafmaßnahmen lediglich auf einzelne Führungspersönlichkeiten der Partei und Armee zugeschnitten sind. Zanu/PF-Sprecher Patrick Chinamasa nannte den schwarzen US-Botschafter Brian Nicholls kürzlich einen „Gangster“: Würde er weiterhin „Gewalttaten organisieren“ und „Rebellen trainieren“, müsse er mit seiner Ausweisung rechnen.

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Längst kann der bankrotte Staat mit keinen ausländischen Krediten mehr rechnen: Doch das ist weniger der Blockade des Westens als den nicht eingelösten Reformversprechen Mnangagwas zuzuschreiben. Nach wie vor wird die Staatsruine von Generälen und Zanu/PF-Funktionären beherrscht. „Es gibt keinen Raum für politische Mitsprache, keinen ehrlichen Dialog, keine Anerkennung der endemischen Korruption“, sagt Piers Pigout, der Simbabwe-Experte der Interationalen Krisengruppe in Brüssel. Nach der Wiedereinführung einer eigenen Währung ist die Inflation wieder bei 800 Prozent angelangt: Erinnerungen an das Ende des Jahres 2008 werden wach, als die Teuerungsrate 80 Milliarden Prozent erreichte.

Unterstützung aus dem Nachbarland

Im Nachbarland Südafrika, wo mehr als zwei Millionen simbabwische Flüchtlinge leben, wurde jetzt eine Twitterkampagne mit dem Hashtag „ZimbabweanLivesMatter“ gestartet: Selbst US-Stars wie Ice Cube, Lecrae und Tinashe schlossen sich dem Trend an. Nur einer lässt nichts von sich hören: Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, der derzeit auch den Vorsitz über die Afrikanische Union innehat.

„Lieber Cyril Ramaphosa“, beginnt ein öffentlicher Aufruf des simbabwischen Geschäftsmanns Shingi Munyeza, der sogar zu Mnangagwas Beraterkreis zählt: „Wann werden Sie endlich zum Telefon greifen, um mit ihrem Amtskollegen zu sprechen?“ Der Berater ist um seinen Klienten besorgt, dessen Verhältnis mit seinem ehrgeizigen Vize, dem ehemaligen Streitkräftechef Constantino Chiwenga, sich täglich verschlechtert.

Während einer Sitzung der Regierungspartei sollen sich die beiden kürzlich sogar angeschrien haben. Das Krokodil muss befürchten, demselben Schicksal zum Opfer zu fallen, das er seinem Freund und Vorgänger einst zukommen ließ: ein Militärcoup.

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