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„Helden der Arbeit“ Was Beschäftigte in Deutschland verdienen

Noch immer sind in Deutschland 7,2 Millionen Menschen in einem Niedriglohnjob tätig. Wie groß sind die Unterschiede am Arbeitsmarkt?

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Der Alltag in Deutschland funktioniert, weil viele Menschen Arbeit leisten, von der man kaum etwas mitbekommt. Foto: Getty Images Vergrößern
Der Alltag in Deutschland funktioniert, weil viele Menschen Arbeit leisten, von der man kaum etwas mitbekommt. © Getty Images

Der Alltag in Deutschland funktioniert, weil viele Menschen Arbeit leisten, von der man kaum etwas mitbekommt. Niemand wird im Krankenhaus operiert, ohne dass davor jemand den Saal geputzt hat. In unseren Kühlschränken stünde keine Milch, wenn nicht morgens um vier jemand zum Stall gegangen wäre, um Kühe zu melken.

Die Bordsteine wären verwildert, wenn nicht dann und wann das Unkraut weggebrannt würde. Kaum ein schlaues Buch wäre erschienen, wenn sich nicht irgendwo jemand vor einem Word-Dokument die Nächte um die Ohren geschlagen hätte.

In der Serie „Helden der Arbeit“ porträtiert der Tagesspiegel bis zur Bundestagswahl verschiedene Menschen und ihre Berufe in der ganzen Bundesrepublik. Sie erzählen von Sorgen, Erfolg oder Missgunst und legen offen, was es für ein besseres Leben braucht. Dafür nennen sie Zahlen, legen ihre Gehaltsabrechnung und Miete offen. Und erklären, was ihnen den Schlaf raubt.

[Das erste Porträt der Serie finden Sie hier: die OP-Reinigungskraft Nursen Küsters. (T+)]

Wie viel Geld bekommen Beschäftigte in Deutschland für ihre Arbeit?

Im Jahr 2020 lag der Durchschnittsverdienst bei 3975 Euro brutto im Monat. Je nach Branche, Region und Geschlecht zeigen sich dabei deutliche Unterschiede, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen. Das durchschnittliche Gehalt von Männern fiel mit 4146 Euro höher aus als das von Frauen mit 3578 Euro. Noch etwas größer sind die Differenzen zwischen Ost und West: Während der Durchschnittsverdienst in Westdeutschland 4081 Euro betrug, waren es im Osten 3289 Euro.

Bei den Angaben des Statistischen Bundesamts ist zu beachten, dass Vollzeitgehälter ausgewiesen werden. Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind nicht einbezogen. Außerdem handelt es sich um Durchschnittswerte. Das führt zu einer gewissen Verzerrung, da auch die Gehälter von Spitzenverdienern hier mit einfließen.

Aus anderen Erhebungen ist bekannt, dass etwa zwei von drei Vollzeitbeschäftigten weniger verdienen als der gesamtwirtschaftliche Durchschnittswert, nur ein gutes Drittel hat einen höheren Bruttoverdienst.

Wie groß ist der Unterschied bei der Bezahlung von Frauen und Männern?

Frauen haben im Jahr 2020 in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 18 Prozent weniger verdient als Männer. Diese Differenz wird „Gender Pay Gap“ genannt. Im Durchschnitt erhielten Frauen einen Stundenlohn von 18,62 Euro und damit 4,16 Euro weniger als Männer mit einem Stundenlohn von 22,78 Euro.

Der Unterschied lässt sich dadurch erklären, dass in männerdominierten Branchen oft bessere Gehälter gezahlt werden als in Branchen, in denen mehr Frauen tätig sind. Doch selbst wenn Gehälter von Beschäftigten in vergleichbaren Jobs und mit gleicher Berufserfahrung verglichen werden, bleibt eine Lohnlücke von mindestens sechs Prozent.

Welchen Einfluss hat die Branche auf die Bezahlung?

In welcher Branche jemand arbeitet, kann einen großen Unterschied beim Gehalt bedeuten. Zu den Wirtschaftszweigen mit den höchsten Verdiensten gehörten 2020 die Bereiche Information und Kommunikation, Energieversorgung und die Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Die Beschäftigten bekamen hier im Monat durchschnittlich zwischen 5181 und 5543 Euro brutto gezahlt.

Am unteren Ende der Skala stehen die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften (2380 Euro), die Beherbergung (2054 Euro) und die Gastronomie (2047 Euro).

Wie viele Menschen leben von Niedriglöhnen?

Im Jahr 2019 arbeiteten in Deutschland rund 7,2 Millionen Beschäftigte in einem Niedriglohnjob mit einem Stundenlohn von weniger als 11,50 Euro brutto. Das waren 25,3 Prozent der ostdeutschen und 18,9 Prozent der westdeutschen Beschäftigten. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg Essen, das regelmäßig solche Auswertungen vornimmt.

Als Niedriglohn zählt laut OECD-Definition, wenn jemand weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns bekommt. Dabei wird der Median herangezogen, also der Wert, der herauskommt, wenn man die Verdienste der Größe nach sortiert und dann die Zahl in der Mitte herausgreift. Berücksichtigt wurden sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs, aber auch Teilzeit- und Minijobs, weil hier oft niedrige Stundenlöhne gezahlt werden.

Ein geringes Einkommen bedeutet auch, sich jede Anschaffung überlegen zu müssen. Etwa ein Viertel der Menschen in Deutschland könnten nicht auf Anhieb anfallende Kosten von 1000 Euro bezahlen.

Besonders häufig arbeiten Minijobber unter der Niedriglohnschwelle, ihr Anteil an den Niedriglohnbeschäftigten liegt bei 77 Prozent. Jüngere Menschen unter 25 Jahren sind mit einem Anteil von 48 Prozent stärker betroffen als Ältere. Besonders häufig trifft es außerdem Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung (44 Prozent) und befristet Beschäftigte (knapp 37 Prozent).

Das Forscherteam stellt allerdings auch fest, dass der Anteil der Niedriglohn-Beschäftigten in den letzten Jahren vor allem in Ostdeutschland zurückgegangen ist, wozu auch der gesetzliche Mindestlohn beigetragen hat.

Wie soll es beim Mindestlohn weitergehen?

SPD und Grüne wollen den gesetzlichen Mindestlohn auf zwölf Euro pro Stunde anheben. Aktuell liegt er bei 9,60 Euro. Die Linkspartei fordert in ihrem Wahlprogramm sogar eine Erhöhung auf 13 Euro.

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Im Jahr 2019 bezogen laut Statistischem Bundesamt 1,4 Millionen Menschen in Deutschland den gesetzlichen Mindestlohn. Von einer Anhebung auf zwölf Euro würden nach Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums rund zehn Millionen sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse unmittelbar profitieren. Für die Berechnung wurden Daten aus der amtlichen Verdienststrukturerhebung herangezogen.

Frauen würden davon besonders stark profitieren, außerdem Beschäftigte in Ostdeutschland sowie Berufsgruppen mit geringer Tarifbindung und niedrigeren Löhnen. Dazu zählen die Körperpflege, Floristik, Landwirtschaft, Gastronomie, Reinigung, Verkauf von Lebensmittel, Buchhandel, Speisenzubereitung und Hotellerie.

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