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Muslime lassen sich vor der Dar-as-Salam-Moschee im Bezirk Neukölln auf Corona testen, bevor sie den Gebetsraum betreten. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Gerechte Gesundheitspolitik Deutschland ist Einwanderungsland – und braucht eine passende Impfkampagne

Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind stärker von Covid-19 betroffen. Für die Politik ist das kein Thema. Das muss sich beim Impfen ändern. Ein Kommentar.

Zu den zahlreichen Ungerechtigkeiten dieser Pandemie gehört diese: Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind stärker betroffen.

Sie erkranken wahrscheinlich häufiger. Sie sind öfter Patienten auf Intensivstationen. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie später und seltener eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten werden – zumindest dann, wenn es bei der derzeitigen Impfpolitik bleibt.

Ein angemessen großes politisches Thema ist das allerdings bislang nicht. Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat, warnte am Donnerstag etwas verdruckst in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland davor, die Impfung dürfe nicht zu einer sozialen Spaltung führen. Die Kommunen müssten stärker „in Brennpunkten“ impfen und „niedrigschwelliger“ informieren, auch „mehrsprachig“.

Die Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz mahnt mehrsprachige Informationen an. Am Freitag meldeten sich Intensivmediziner und der Deutsche Städtetag zu Wort. Tatsächlich ist es höchste Zeit, das ängstliche Wegschauen zu durchbrechen, und etwas zu tun, gerade in Berlin. Deutschland ist ein Einwanderungsland und muss seine Impfstrategie entsprechend anpassen.

Die politische Untätigkeit ist verantwortungslos - und nachvollziehbar

Noch ist es nicht zu spät. Das politische Schweigen und die politische Untätigkeit sind so verantwortungslos wie nachvollziehbar. Es fehlen harte statistische Daten. Ärzte und Krankenhäuser erheben zu Recht nicht die Herkunft eines Patienten, wenn er auf die Intensivstation eingeliefert wird. Und sie fragen nicht nach der Familiengeschichte, wenn jemand sich impfen lässt.

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Doch Medienrecherchen, Aussagen von Ärzten, Daten aus bestimmten Stadtteilen, Hinweise des Robert-Koch-Instituts und Erfahrungen von Integrationsexperten, Kommunalpolitikern und aus dem Ausland sowie eine Studie der OECD ergeben mittlerweile ein so dichtes Bild, das Schlussfolgerungen erlaubt sind: Menschen mit Migrationsgeschichte sind häufiger betroffen, laut OECD haben sie sogar ein doppelt so hohes Risiko zu erkranken wie die übrige Bevölkerung.

Zurückhaltung besteht wohl auch, weil eine falsche Ursachenzuschreibung befürchtet wird. Die Integrationsstaatssekretärin von Nordrhein-Westphalen, Serap Güler etwa betont, die starke Covid- Betroffenheit liege nicht an „der Kultur“, sondern daran, dass Menschen mit Migrationsgeschichte überdurchschnittlich häufig arm sind.

Ärmere Menschen wiederum erkranken öfter – unabhängig von ihrer Herkunft. In ärmeren Vierteln leben die Menschen dichter zusammen und haben weniger Möglichkeiten, sich im Freien aufzuhalten. Ärmere Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten oft in Dienstleistungsjobs, wo sie Kontakte schlechter vermeiden können. Sie sind prozentual geringer gebildet als der Durchschnitt, auch Sprachprobleme könnten eine Rolle spielen.

Die Sorge vor politischer Instrumentalisierung ist groß

Dennoch ist die Sorge vor falschen Zuschreibungen berechtigt. Eine Diskussion über Impfstrategien für Brennpunktstadtteile könnte das Stereotyp vom ungebildeten, armen Migranten, der sich nicht an die Regeln hält, verstärken. Die Gefahr der politischen Instrumentalisierung ist groß.

Immer wieder wurden Menschen mit Migrationsgeschichte als Treiber der Pandemie dargestellt. In rechten Kreisen ist das ein beliebter Topos. Als die „Bild“-Zeitung im März über ein Gespräch zwischen RKI-Chef Lothar Wieler und einem Klinikchef aus Moers berichtete, in dem sie sich die beiden Mediziner über überdurchschnittlich viele erkrankte Menschen mit Migrationsgeschichte unterhielten, pestete die Online-Seite „Tichys Einblick“: „Ein ganzes Land wird also für eine bestimmte Gruppe in Geiselhaft genommen – oder genauer für Merkels Tabu?“

Wie so oft steckt das Einwanderungsland Deutschland im Benennungsdilemma: Das Hervorherben von Herkunft, schon das gezielte politische Adressieren bestimmter Gruppen, birgt die Gefahr, stigmatisierend und ausgrenzend zu wirken. Doch das Nicht-Benennen birgt ebenfalls Gefahren: Benachteiligungen werden verschleiert und verstärkt.

Die Versäumnisse der ersten, zweiten und dritten Welle, ärmere Menschen und damit auch Menschen mit Migrationsgeschichte besser zu schützen, lassen sich kaum mehr reparieren. Aber gerade jetzt, da die Impfkampagne an Schwung gewinnt und absehbar ist, dass das Impfstoffangebot die Nachfrage bald übersteigen wird, ist es höchste Zeit für eine gezieltere Gesundheitspolitik.

Denn es gibt viele Hinweise, dass sich dieses Ungleichgewicht unter den Erkrankten bei den Impfungen fortsetzen wird. In den USA, wo strukturell benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie Afroamerikaner oder Latinos ebenfalls deutlich häufiger an Covid-19 erkrankten, zeigt sich auch: Sie werden seltener geimpft als der Bevölkerungsdurchschnitt. Auch in Großbritannien fällt die Impfrate zwischen Afro-Briten und Briten mit karibischen Wurzeln sowie weißen Briten weit auseinander.

In den USA ist das Problem erkannt. Es gibt eine breite öffentliche Debatte, viel Berichterstattung in den Medien und Staaten wie Kalifornien haben eigene Programme entwickelt, um etwa die Impfquote unter Afro-Amerikanern zu erhöhen.

Auch in Deutschland ergreifen einzelne Länder, Kommunen und Integrationsbeauftragte Initiativen - in Berlin etwa drängt die Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial auf mehr Aufmerksamkeit und informiert jetzt, im Ramadan, selbst mit einem internationalen Ärzteteam freitags vor der Moschee über Testmöglichkeiten und Impfungen.

Warum ist das für die Gesundheitssenatorin von Berlin bisher kein Thema?

Eine große Debatte aber, eine umfassende Initiative fehlt. Warum ist das für die Gesundheitssenatorin von Berlin, der Einwanderungsmetropole in Deutschland überhaupt, bislang kein großes Thema? Auch das Bundesgesundheitsministerium schweigt.

Deutschland ist ein Einwanderungsland und braucht eine dafür passende Gesundheitspolitik. Das heißt für diese gigantische staatliche Impfkampagne, dass Ängste vor der Impfung oder einfach nur organisatorische Probleme zielgruppengenau angegangen werden müssen. Besserverdienende Stuttgarter Bürger, die im Internet über ein Video des Impfgegners Wolfgang Wodarg gestolpert sind und nun Angst haben, eine mRNA- Impfung könne ihre Gene verändern (was nicht stimmt), werden vielleicht am besten im Gespräch mit ihrem Hausarzt aufgeklärt.

In anderen Gruppen gibt es andere Ängste. Manche Muslime fragen sich, ob die Impfung halal ist (Biontech etwa gibt an, das sei der Fall). Integrationsbeauftragte berichten, dass sich in manchen Communities unter jungen Frauen die Angst verbreitet, die Impfung mache unfruchtbar.

Unter orthodoxen Christen und strenggläubigen Katholiken aus osteuropäischen Ländern kursiere die Befürchtung, mRNA-Impfstoffe könnten etwas mit embryonalen Stammzellen zu tun haben (was nicht stimmt) und lehnen die Impfung deshalb ab. Und viele sind aufgrund von Armut, Alltagssorgen oder Sprachbarrieren schlicht damit überfordert, einen Impftermin auszumachen.

Gesundheitsbehörden überall in Deutschland müssen jetzt mit Imamen, Priestern, Stadtteilmüttern, Sozialträgern und Ärztinnen und Ärzte in Vierteln, in denen viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte und Ärmere leben, zusammenarbeiten. Sie müssen Vertrauenspersonen ansprechen, die vermitteln und Ängste nehmen können. Impfmobile müssen zum Einsatz kommen, zum Beispiel freitags vor der Moschee, sonntags vor der Kirche. Die Fürsorgepflicht der Behörden gilt für alle, die hier leben. Und auch die Herdenimmunität wird nur erreicht, wenn genügend Menschen mitmachen.

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