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Menschen feiern im Volkspark Hasenheide eine Party. Foto: Christoph Soeder/dpa
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Feiern ohne Abstand Wie die Berliner Politik mit den Outdoor-Partys umgeht

Auch in der Hauptstadt feiern Menschen, ohne sich an Distanzregeln zu halten oder Masken zu tragen. Die FDP verblüfft mit einem Vorschlag.

Musik, Trinken, Feiern – nicht nur auf Mallorca geht es längst wieder ums Amüsieren. Auch Berlin, über Jahre der Sehnsuchtsort internationaler Hedonisten, kommt zu sich: Jeden Abend, verstärkt zu und an den Wochenenden, sammeln sich Hunderte vor den populären Bars der Stadt. Dutzende feiern auf Brücken, jugendliche Massen tanzen vor mitgebrachten Musikboxen in den Parks. Wer könnte es den Berlinern übelnehmen?

Nach einem Frühjahr im Lockdown reizt nun der Sommer in Gesellschaft. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte mit Blick auf die Lage auf Mallorca schon am Wochenende gesagt: „Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird“ – und noch vor wenigen Wochen warnten auch Berliner Senatoren vor Massenevents, um Infektionen zu verhindern.

Ob im Mauerpark zwischen Wedding und Prenzlauer Berg, auf dem Rasen am Gleisdreieck oder auf Raves im Brandenburger Umland – Tausende haben sich in den vergangenen Wochen beim Feiern amüsieren wollen. Dazu kommen immer mehr Berliner, die sich deutlich zahlreicher vor als in den Bars treffen, auf Bänken, Bürgersteigen und Fenstersimsen sitzend.

Im Treptower Park liefen die Nächte vergangenes Wochenende so ab: Ein harter Kern an Feierfreunden stellt zwei Boxen auf, schnell sammeln sich Dutzende zur Musik – meist mit, selten ohne Getränke. Patrouilliert ein Streifenwagen zu nah am Geschehen vorbei, zieht die Party zügig um: 880 000 Quadratmeter nächtliches Grün sind kaum zu kontrollieren.

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Meist blieb es friedlich. In der Nacht zu Dienstag allerdings, meldet die Polizei, seien Beamte am Gleisdreieck mit Steinen beworfen worden. Glassplitter trafen demnach eine Polizistin. Die Beamten waren Beschwerden von Anwohnern wegen Ruhestörung nachgegangen: Bis zu 150 Feiernde habe man im Gleisdreieckpark gesehen. Als weitere Einsatzkräfte und Diensthunde eintrafen, zogen die Leute ab.

Ist Feiern selbst an der frischen Luft gefährlich?

Je mehr Menschen sich nah kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Viren übertragen. Eine alkoholreiche Runde – die ja der Geselligkeit wegen stattfinden – kann schnell zu Ansteckungen führen.

Allerdings steigt die Zahl der Neuinfektionen in Berlin weniger, als Kritiker des Laissez-faire erwartet haben. Der Anteil jüngerer Betroffener aber ist größer geworden. Das hatte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon vor zwei Wochen bekanntgegeben. Demnach lag der Altersdurchschnitt der Neuinfizierten in Berlin bei 40 Jahren, im Bundesdurchschnitt waren es 49 Jahre.

Corona-Party in Berlin. Feiern ohne Abstand kann zur Gefahr werden. Foto: Imago Vergrößern
Corona-Party in Berlin. Feiern ohne Abstand kann zur Gefahr werden. © Imago

Warum die Zahlen in Berlin nicht rasant steigen, könnte daran liegen, dass sich die Feiernden konsequent im Freien aufhalten. Das auch Sars-Cov-2 genannte Coronavirus wird durch Tröpfchen und Aerosole übertragen. Im Wind sinken die Tröpfchen schnell. Und selbst die Aerosole – feinere Partikel, die länger in der Luft schweben – sind unter freiem Himmel weniger gefährlich als in Räumen.

„Aerosole lösen sich im Freien schneller auf als in Gebäuden“, sagt Infektiologe Wulf Pankow. Der frühere Vivantes-Chefarzt leitet im Ernstfall die Covid-19-Notklinik an der Messe. „Wie nah kommen sich die Leute, tauschen sie Getränke? Wie gefährlich Feiern im Freien ist, hängt also von den Details ab.“

Wie bewertet die Politik das Nachtleben in der Pandemie?

Gesundheitssenatorin Kalayci sagte am Dienstag: „Ob auf Mallorca, am Spreeufer oder in einem Berliner Park – es gilt Abstand, Abstand, Abstand.“ Wer schon feiere, solle den Infektionsschutz nicht vergessen. Tatsächlich sind Zusammenkünfte in Berlin nicht verboten, organisierte Veranstaltungen schon. Ab wann genau sich die Phänomene trennen lassen, ist Auslegungssache.

Die Polizei greift erst ein, wenn sich Massen versammelt haben oder Beschwerden wegen Ruhestörung erhoben werden. Senatorin Kalayci will bei lokalen Corona-Ausbrüchen zielgenauer Vorgehen. In der nächsten Sitzung der Gesundheitsministerkonferenz, deren Vorsitz Kalayci inne hat, wolle man darüber beraten.

["Illegale Technopartys am Havelufer": In der Ruine eines berühmten Ausflugsziels in Berlin-Kladow wird bis 8 Uhr gefeiert - die Polizei muss ausrücken. Der Stadtrat nennt die ersten Infos ("über 100 junge Leute") im Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel. Kostenlos unter leute.tagesspiegel.de]

Die Senatorin hatte am Montag getwittert: „Ballermann-Party ohne Masken und Abstand. Hoffe, dass nicht Berlinerinnen und Berliner dabei waren und das Virus nach Berlin einschleppen“ – es sei gut, dass auf der spanischen Insel ab dieser Woche eine Maskenpflicht gelte. Am Dienstag ließ Kalayci mitteilen, sie fordere Heimkehrer dazu auf, sich auf das Virus testen lassen, wenn sie sich einem Infektionsrisiko ausgesetzt haben.

Welche Vorschläge zum Umgang mit den Feiern gibt es noch?

Obwohl seit Monaten illegale Partys in Berlin stattfänden, sagte der Berliner Gesundheitspolitiker Florian Kluckert (FDP), stiegen die Infektionszahlen nicht rasant an.

Das Wissen um die potentielle Gefahr und daraus resultierende Hygiene- und Abstandregeln könnten eine Infektionslawine offenbar genauso aufhalten wie Verbote. Kluckert plädiert dafür, „wenige Großveranstaltungen“ (also beispielsweise ein Open Air) zuzulassen und wissenschaftlich zu begleiten – so ließen sich womöglich Erkenntnisse über Risikofaktoren gewinnen.

Der Senat lässt Charité-Experten gerade Kinder und Personal ausgewählter Kitas, Grund- und Oberschulen testen. So widersprüchlich die Idee „kontrollierter Partys“ gerade in Berlin klingen mag, so sehr spricht die Regelmäßigkeit, mit der sich Feiernde in Parks treffen, für einen Versuch. Feste erlauben, um sie zu regulieren.

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Ähnlich war argumentiert worden, um die Restaurants wieder öffnen zu lassen. Dort gelten nun Abstandsregeln, das Personal muss zudem Mund-Nasen-Schutz tragen, doch die Gastronomie kann wieder Geld verdienen.

Zudem müssen Wirte eine Besucherliste führen: „Die Erstellung einer Anwesenheitsdokumentation, welche die vollständigen Namen, Adressen und Kontaktdaten aller Gäste festhält, ist verpflichtend.“ Infiziert sich ein Gast mit dem Coronavirus, kann das Gesundheitsamt über die Liste zügig Kontakte des Patienten ermitteln.

Allerdings, auch das ist eine Beobachtung aus den Berliner Abenden, wird die Listenregel äußerst locker gehandhabt. In einigen Bars fragt kein Wirt, ob man sich schon eingetragen habe. In anderen Kneipen reicht es, wenn sich ein Gast je Gruppe in die Liste – und dann nicht immer mit allen geforderten Angaben – einträgt.

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