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Grafik/Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller
© Grafik/Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller

„Eine Runde Bundestag“ mit Eckhardt Rehberg Die Bilanz zu Merkel? „Habe nie jemanden so wachsen sehen“

Eckhardt Rehberg und Angela Merkel sind gleich alt, er war der Chef ihrer Landesgruppe. Beide hören nun auf. Er glaubt zu wissen, warum sie 16 Jahre schaffte.

Eckhardt Rehberg sitzt so lange im Bundestag wie Angela Merkel Kanzlerin ist. Und beide sind 67 Jahre alt. Nun hören beide auf. Wenige im Parlament kennen Merkel so gut wie „Ecki“ Rehberg. Er ist Chef der Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern in der Unions-Fraktion, auch Merkel gehört mit ihrem Wahlkreis an der Küste der Gruppe an. Aber sie kennen sich schon viel länger, Rehberg ist seit 30 Jahren einer der einflussreichsten CDU-Politiker in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist ein regnerischer Tag in Berlin, Rehberg erzählt bei einer "Runde Bundestag", einem Podcast Spaziergang durch das Parlamentsviertel (Produktion: Markus Lücker), wieso Merkel so lange Kanzlerin bleiben konnte.

Der CDU-Politiker Eckhardt Rehberg verlässt nach 16 Jahren wie Angela Merkel den Bundestag Foto: Georg Ismar/TSP Vergrößern
Der CDU-Politiker Eckhardt Rehberg verlässt nach 16 Jahren wie Angela Merkel den Bundestag © Georg Ismar/TSP

Als ein Kellner Merkel fünf Pils in den Nacken kippte

Doch zunächst soll Rehberg, der als haushaltspolitischer Sprecher seiner Fraktion auch immer den Bundeshaushalt mitverhandelt hat und auf die Schuldenbremse pocht, mal berichten, wie er den Moment erlebt hat, als einem Kellner beim politischen Aschermittwoch in Demmin das Tablett entglitt. Und er der Kanzlerin fünf Pils in den Nacken kippte (Video: hier).

„Ich saß ihr gegenüber.“ Und wie hat Merkel reagiert? „Sie hat das mit stoischer Ruhe Ruhe genommen.“ Einmal mit der Hand abgewischt und dann ging es weiter. In der Ruhe liegt die Kraft – ihr Lebensmotto hat sie auch in solchen Situationen gelebt, und es gab kein böses Wort zum Kellner.

"Ich habe nie einen Menschen so wachsen sehen wie sie"

Für Rehberg, der schon Anfang der 1970er Jahre eine Fachausbildung für Datenverarbeitung gemacht hat, sind für so eine Kanzlerschaft zunächst ganz handwerkliche Dinge wichtig. „Also ich glaube, es hilft erstens mal, dass man eine solide Ausbildung hat. Sie hat Physik studiert, ist Doktor.“ Dann wurde sie unterschätzt. „Ich habe nie einen Menschen so wachsen sehen, wie sie.“ So habe sie das Redenhalten erst lernen müssen. Und sie sei sehr pragmatisch, weshalb man ihr immer vorwerfe, dass sie zu schnell Positionen aufgebe. „Aber ich denke, dass sie immer überlegt. In der Situation, aus der Zeit heraus, entwickeln sich bestimmte Dinge weiter.“

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel 2015 in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) beim Politischen Aschermittwoch der CDU Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Stefan Sauer/dpa Vergrößern
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel 2015 in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) beim Politischen Aschermittwoch der CDU Mecklenburg-Vorpommern. © Stefan Sauer/dpa

Stichwort Atomausstieg 2011, den inzwischen auch Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet als verfrüht kritisiert. „Wenn man sich die Situation von damals nochmal vor Augen führt: 90 Prozent waren für den Ausstieg. Das war eine total überhitzte Situation nach Fukushima. In den Medien liefen nur Wissenschaftler, die gesagt haben, wir müssen aussteigen.“

Auch unionsgeführte Länder wollten aussteigen. „Was machst du in so einer Situation?“

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Wenn Merkel mal alle Details zur Flüchtlingskrise erzählen würde...

Er verteidigt auch ihre Haltung in der Flüchtlingskrise, im Herbst 2015. „Ich glaube, wenn sie mal alle Dinge erzählen würde, die mit dem österreichischen Kanzler und dem ungarischen Ministerpräsidenten gelaufen sind, werden sich die Tage und Stunden von damals noch ein bisschen anders darstellen“, erzählt Rehberg, während wir über die Spree-Brücke rüber zum Paul-Löbe-Haus laufen. „Was mich bei ihr immer fasziniert hat, ist ihre Bodenhaftung, ihre Bindung im Wahlkreis, sie ist da wirklich immer mit dem Herzen da gewesen.“

Und egal auf welcher Ebene, habe sie sich die Neugierde bis zuletzt bewahrt. Auf den Einwand von Kritikern, dass ihr auch ihre Flexibilität sehr geholfen hat, sich anzupassen an ein System wie in der DDR und später dann eben auch an verschiedene politische Konstellationen, entgegnet Rehberg: „Wenn ich Helmut Kohl erlebt habe, war auch sehr flexibel. Das würde ich nicht auf die DDR-Vergangenheit zurückführen. Rehberg ist vom Typus her Merkel nicht unähnlich, ruhig, sachlich, er führt das auf die norddeutsche Herkunft zurück.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel lockt bei einem Wahlkreisbesuch die Pinguine im Ozeaneums in Stralsund mit einem Leckerbissen Foto: Stefan Sauer/dpa Vergrößern
Bundeskanzlerin Angela Merkel lockt bei einem Wahlkreisbesuch die Pinguine im Ozeaneums in Stralsund mit einem Leckerbissen © Stefan Sauer/dpa

Merkels Corona-Vorhersagen

Auch wenn es selten so wirkte und als ein erfolgreicher Spin der Merkel-Anhänger gilt, glaubt Rehberg an die These, dass sie die Dinge stets vom Ende her denke.

Ein Beispiel? Man solle nur an die rund 19 000 Corona-Neuinfektionen pro Tag denken, vor denen Merkel bis Weihnachten warnte. „Da haben alle den Kopf geschüttelt.“ Am Ende wurden es viel mehr, hätten die 16 Ministerpräsidenten mehr auf das Kanzleramt und seine Vorschläge gehört, wäre es nicht so schwierig geworden.

Wir stehen nun vis a vis zum Kanzleramt, was wird Rehberg am politischen Berlin vermissen? „Ich mache ja jetzt 31 Jahre Politik, 15 Jahre Landtag, 16 Jahre Bundestag. Was werde ich vermissen?“, kommt er ins Grübeln. „Ich habe die Arbeit, gerade als Haushälter, immer gerne gemacht“. Da gebe es fraktionsübergreifend eine große Kollegialität im Haushaltsausschuss.

Aber er würde ungern in Berlin wohnen wollen. „Ich bin da doch eher so ein Landkind. Ich wohne auf einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee.“ 

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Nicht ohne Lebens- und Berufserfahrung ins Parlament

Er sei mit sich im Reinen, habe zudem inzwischen fünf Enkelkinder, für die er nun mehr Zeit habe. Ein letztes Wort dazu, dass sehr viele junge Menschen in den neuen Bundestag streben? „Ich bin anders sozialisiert. Ich war schon verheiratet, hatte zwei Kinder, habe gearbeitet und bin dann mit 36 in die Politik gegangen. Also ohne ein bisschen Lebenserfahrung oder Erfahrung aus der Berufswelt, das halte ich für schwierig.“  

Eine gute Mischung im Parlament sei wichtig, egal aus welchem beruflichen Umfeld oder auch die verschiedenen Lebenserfahrungen, die man hat, zum Beispiel mit Kindern und Schule.

Der Union droht der Verlust vieler Direktmandate

Und nicht zuletzt sei die Verankerung im Wahlkreis ganz entscheidend für die Akzeptanz – die Union droht massiv Direktmandate zu verlieren. Es wäre eine Katastrophe für die Partei mit dem Volkspartei-Anspruch.

Bisher seien rund 85 Prozent in der Unions-Fraktion über die Erststimme direkt gewählt, statt über Landeslisten in den Bundestag eingezogen, sagt Rehberg. Dann gebe es einen anderen Bezug zum Wahlkreis. „Da bist du näher dran.“  Man werde dann von den Menschen vor Ort viel mehr als Volksvertreter wahrgenommen. „Man wird nicht alle ihre Probleme lösen können, aber diese Bindung, die halte ich für ganz entscheidende.“

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