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Tony Blinken (rechts) ist seit Jahren der engste Vertraute des künftigen Präsidenten Joe Biden in außenpolitischen Fragen. Foto: REUTERS
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Ein Weltbürger wird US-Außenminister Blinken personifiziert den radikalen Kurswechsel

Was die Wahl von Tony Blinken als US-Außenminister über den Kurs des Präsidenten Joe Biden verrät. Und worauf sich Deutschland einstellen kann. Ein Porträt.

Die spannendste Einzelfrage in all den Prognosen und Gerüchten um das Außenpolitik-Team eines künftigen Präsidenten Joe Biden war: Welches Amt erhält Tony Blinken - Nationaler Sicherheitsberater oder Außenminister? Oder, um es auf eine Kurzformel zu bringen: Mehr Einfluss oder mehr Rampenlicht?

Der 58-Jährige ist seit vielen Jahren der wohl engste Vertraute Bidens in internationalen Angelegenheiten. Als National Security Adviser wäre er schon rein räumlich näher am Präsidenten. Dessen Team, der National Security Council (NSC), hat seinen Sitz im Old Executive Office Building, gleich neben dem Weißen Haus.

Der Sicherheitsberater ist zugleich der erste Ansprechpartner bei allen kniffligen Entscheidungen, die eine rasche Reaktion verlangen. Es ist freilich eine Rolle mehr hinter den Kulissen.

Truppenabzug aus Deutschland wird gestoppt

Blinken wird nun Außenminister. Damit tritt er stärker ins Rampenlicht, wird auch mehr reisen. Vermutlich wird er bald nach Europa kommen, um den ältesten Alliierten der USA zu versichern, dass die Regierung Biden die Schäden der Trump-Jahre reparieren möchte, sie als Verbündete betrachtet und auch so behandeln wird.

Für Deutschland hat er gleich eine Kurskorrektur im Sinn: den Stopp des von Donald Trump eingeleiteten Abzugs von US-Truppen. "Diese Entscheidung war verrückt und ein strategischer Verlust. Sie schwächt die Nato, hilft Wladimir Putin und schadet Deutschland, unserem wichtigsten Verbündeten in Europa," sagte Blinken auf CNN.

Blinken hat es sich gewünscht, Außenminister und nicht Nationaler Sicherheitsberater zu werden. Er kennt beide Ämter aus der Perspektive des Vize. Nach Barack Obamas Wiederwahl 2012 war er zwei Jahre stellvertretender Sicherheitsberater und dann zwei Jahre Vizeaußenminister.

Sicherheitsberater Sullivan kommt aus der nächsten Generation

In der ersten Obama-Amtszeit war er Sicherheitsberater des Vizepräsidenten Joe Biden. Die beiden haben seit Ewigkeiten zusammengearbeitet. Von 2002 an war Blinken Stabschef des Außenpolitischen Ausschusses des Senats – und Senator Biden Ausschussvorsitzender.

Nationaler Sicherheitsberater in der Regierung Biden wird nun Jake Sullivan (43), auch er ein Biden-Vertrauter seit Jahren, aber aus der nächstjüngeren Generation. Er diente dem Vizepräsidenten Biden von 2012 an als Sicherheitsberater. Zuvor war er Chef des Planungstabs im Außenministerium unter Hillary Clinton.

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Blinken und Sullivan sind in den Medien als Sprachrohre Bidens aufgetreten. Dort haben sie die Kritik an Trumps Kurs formuliert, voran an seiner Formel „America First“. Sie wollen die USA auf einen multilateralen Kurs zurückführen, vom Umgang mit den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen über die Klimapolitik bis zu Handelsfragen und dem Atomabkommen mit dem Iran sowie weiteren Verträgen zur Rüstungskontrolle.

Eine dritte Personalie passt zu diesem Konzept. Botschafterin bei den UN soll Linda Thomas-Greenfield werden. Die 68-jährige Afroamerikanerin war Staatsministerin für Afrika im Außenministerium während der zweiten Obama-Amtszeit.

Kultur-Gegensätze zu Trumps Weltsicht

Mit den neuen Personen kommen andere Weltanschauungen als die des Trump-Teams ins Amt. Auch dies wird am Beispiel Blinken besonders deutlich. Er stammt aus einer jüdischen Familie, ist in New York geboren und in Paris aufgewachsen. Und ein Weltbürger, der über seine kosmopolitischen Elternhäuser früh mit internationalen Berühmtheiten verkehrte: Leonard Bernstein, John Lennon, Mark Rothko, Valéry Giscard d’Estaing, Abel Ferrara und Christo.

Sein leiblicher Vater Donald Blinken ist ein prominenter Finanzinvestor, die Mutter Judith eine Kunstmäzenin. Nach ihrer Scheidung prägt Stiefvater Samuel Pisar den Blick des jungen Blinken auf die Geschichte und die Welt. Er hat den Großteil seiner Familie im Holocaust verloren und persönlich Dachau und Auschwitz überlebt.

Blinken ist Jazz-Fan, Beatles-Fan, spielt E-Gitarre. Seine Frau Evan Ryan war Staatsministerin für Kultur und Bildung in Hillary Clintons Außenministerium. Sie leben im Viertel um den Dupont Circle, dem Inbegriff des weltoffenen Washington mit seinen Think Tanks und akademischen Instituten.

Kulturell liegen Kontinente zwischen der Blinken-Welt und der Trump-Welt. Freilich trennen diese kulturellen Grenzen auch die beiden politischen Lager in den USA. Sie sind annähernd gleich stark. Auch das werden Präsident Biden und sein außenpolitisches Team abzuwägen haben.

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