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Wrack der abgestürzten Gondel in der Nähe des Gipfels der Stresa-Mottarone-Linie in der Region Piemont, Norditalien Foto: dpa/Uncredited/Soccorso Alpino e Speleologico Piemontese
© dpa/Uncredited/Soccorso Alpino e Speleologico Piemontese

Ein Jahr nach dem Gondelunglück Das Trauma von Stresa

Vor einem Jahr starben bei dem Gondelabsturz in Italien 14 Menschen – nur der kleine Eitan überlebte. Der Prozess gegen die Verantwortlichen steht bevor.

Andrea S. aus Mailand kann das Geräusch, das der Riss des Zugseils verursachte, bis heute nicht genau beschreiben. „Man hörte ein von oben herkommendes Sirren, gefolgt von einer Art metallischem Peitschenschlag“, berichtete er am Wochenende dem „Corriere della Sera“. Im Augenblick des Gondelabsturzes vor genau einem Jahr am Lago Maggiore befand sich der 39-Jährige mit seiner Partnerin auf dem Wanderweg unterhalb der Bergstation der Mottarone-Seilbahn und wurde zum unmittelbaren Augenzeugen des Unglücks. Die Kabine, die sich bereits bis auf wenige Meter der Bergstation genähert hatte, raste nach dem Seilriss ungebremst über den Kopf von S. hinweg talwärts, ehe sie beim ersten Stützkandelaber aus dem Tragseil katapultiert wurde und in den darunter liegenden Felsen zerschellte.

Der Mailänder rannte als einer der Ersten zur Absturzstelle, die ein Bild des Grauens bot: Mehrere tote Passagiere lagen verstreut im steilen Gelände, andere leblose Körper befanden sich in der komplett zerstörten Kabine. S. fand einen schwerverletzten Mann, der noch lebte und leise einige unverständliche Worte sprach. „Ich sagte ihm ,halte durch’ – aber kurze Zeit darauf starb er in meinen Armen“, sagte S. der Zeitung. Von den fünfzehn Passagieren, die sich in der Seilbahn befunden hatten, überlebte nur der sechsjährige Eitan, der beim Absturz der Kabine seine Eltern, seinen kleinen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor.

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Die Tragödie hatte weit über den Unglücksort Stresa hinaus für Bestürzung gesorgt – nicht zuletzt deswegen, weil sich schon wenige Tage nach dem Unfall herausstellte, dass ein unfassbares menschliches Fehlverhalten zu der Tragödie geführt hatte. Bei der Mottarone-Seilbahn hatte das Notbremssystem in den Wochen zuvor nicht richtig funktioniert und zu Betriebsunterbrechungen geführt; anstatt die Bremse zu reparieren, wurde sie mit einer Metallklammer kurzerhand funktionsuntüchtig gemacht. Hätte das System funktioniert, wären die Passagiere mit einem Schrecken davongekommen.

Der Strafprozess gegen die zwölf Beschuldigten beginnt im Juli

Während der Grund für das Versagen der Notbremse schon nach wenigen Tagen ermittelt war – der fehlbare Seilbahn-Angestellte ist geständig und behauptet, die Manipulation auf Anweisung seiner Vorgesetzten vorgenommen zu haben – steht nach wie vor nicht zweifelsfrei fest, was die primäre Ursache des Absturzes war, nämlich der Riss des Tragseils. Das entsprechende Gutachten der Experten wird für den 30. Juni erwartet. Laut einem der beteiligten Sachverständigen, der vom „Corriere della Sera“ letzte Woche zitiert wurde, ist das Zugseil von innen her verrostet – weil eine Routine-Unterhaltsmaßnahme, die eigentlich alle drei Monate hätte vorgenommen werden müssen, während fünf Jahren unterlassen worden sei. Mit anderen Worten: Nicht nur beim Versagen der Notbremsen, sondern auch beim Seilriss scheint krasse Fahrlässigkeit im Spiel gewesen zu sein.

Ein Jahr nach dem Gondelabsturz am Lago Maggiore ist die Anlage, die von Stresa hinauf auf den Monte Mottarone führt, immer noch wegen der laufenden Untersuchungen zum Pfingstsonntagsunglück beschlagnahmt. Foto: imago images/imagebroker Vergrößern
Ein Jahr nach dem Gondelabsturz am Lago Maggiore ist die Anlage, die von Stresa hinauf auf den Monte Mottarone führt, immer noch wegen der laufenden Untersuchungen zum Pfingstsonntagsunglück beschlagnahmt. © imago images/imagebroker

Die Staatsanwältin von Verbano, Olimpia Bossi, ermittelt gegen insgesamt zwölf Personen sowie gegen die Betreibergesellschaft der Seilbahn und den international tätigen Seilbahnbauer Leitner, der mit den Unterhaltsarbeiten an der Mottarone-Seilbahn betraut war. Den Beschuldigten wird von Bossi die Verursachung eines Desasters, mehrfache fahrlässige Tötung, fahrlässige schwere Körperverletzung und die illegale Entfernung von Sicherheitssystemen vorgeworfen. Der Strafprozess gegen die zwölf Beschuldigten und die zwei Unternehmen wird im Juli beginnen.

Lokale Touristiker fordern eine sichere Anlage binnen kurzer Zeit

Das Unglück am beliebten Aussichtsberg Mottarone über dem Lago Maggiore ereignete sich an Pfingsten des vergangenen Jahres, am 23. Mai. Es war das erste Wochenende nach der Aufhebung des zweiten Covid-bedingten Lockdowns in Italien, das Wetter war prächtig. Die Strandpromenade und die Restaurants waren voller Touristen. „Die Tragödie der Seilbahn war ein großes Trauma für die Bürger“, sagt Stresas Bürgermeisterin Marcella Severino ein Jahr nach dem Unglück.

Am Jahrestag der Tragödie findet in Stresa ein Gottesdienst statt; gleichzeitig wird ein Gedenkstein enthüllt, auf dem die Namen der 14 Todesopfer eingraviert sind. Die Seilbahn – neben den vorgelagerten Borromäischen Inseln die wichtigste Touristenattraktion des beliebten Ferienorts am Lago Maggiore – ist derweil nach wie vor außer Betrieb. Wie es mit ihr weitergehen soll, ist noch nicht entschieden. Die lokalen Touristiker fordern eine sichere und innovative Anlage binnen kurzer Zeit.

Was wurde aus Eitan?

Nur der kleine Eitan aus Israel überlebte das Seilbahnunglück schwer verletzt - seine Eltern, sein Bruder und die Urgroßeltern sowie die übrigen Passagiere nicht. Der kleine Junge kam nach der Katastrophe zu seiner Tante väterlicherseits, die in Pavia in der Lombardei wohnt. Um das Kind entbrannte ein Sorgerechtsstreit mit der Verwandtschaft in Israel. Er gipfelte darin, dass der Großvater mütterlicherseits den Jungen am 11. September für einen vereinbarten Besuch abholte, dann aber mit einem Komplizen über die Schweiz nach Israel ausflog.

Dort stritten sich die Parteien durch sämtliche Instanzen. Nachdem das Höchste Gericht in Jerusalem im November entschied, der Junge müsse zurück nach Italien gebracht werden, hielt sich die Familie von Eitans Großvater in den Medien sehr zurück. In Israel ist es in den vergangenen Monaten ruhig geworden um den Fall Eitan. Im Januar berichtete das israelische Fernsehen über Bemühungen der Anwälte, eine aus Italien beantragte Auslieferung des Großvaters zu verhindern.

Eitan wurde laut Medien in Israel geboren, zog aber kurz nach der Geburt mit den Eltern nach Italien. Seine Tante Aya Biran-Nirko sagte, Pavia sei die Heimat des Jungen, der im September hätte eingeschult werden sollen. Auch das Gericht in Jerusalem fand: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Lebensschwerpunkt des Minderjährigen vor seiner Entführung nach Israel in Italien war.“

Ausgestanden war die Sache damit aber immer noch nicht. In Italien geht der Rechtsstreit um das Sorgerecht vor dem Jugendgericht weiter, das eine dritte Person als Vormund für Eitan einsetzte.

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