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Katrin Göring-Eckardt (Grüne) ist Bundestagsvizepräsidentin. Foto: Michael Kappeler/dpa
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Der Globale Norden steht in der Pflicht Wir brauchen einen Klimapass für Klimaflüchtlinge

Katrin Göring-Eckardt

Der Klimaschutz erfordert einen Gerechtigkeitsvertrag mit einem neuen Verständnis von Verantwortung - und neuen Hilfsangeboten für Notleidende. Ein Gastbeitrag.

- Katrin Göring-Eckardt ist Grünen-Politikerin und seit 2021 Vizepräsidentin des Bundestags.

Vor ein paar Wochen: Eine giftige Wolke zieht über Delhi. Eine riesige Müllkippe steht in Flammen. Löschen ist wegen der herrschenden Temperaturen von bis zu 50 Grad unmöglich. Eine massive Hitzewelle trifft Indien. Bangladesch erlebt die schwersten Überflutungen seit fast 20 Jahren. Die Dürre rund um das Horn von Afrika ist verheerend. Tote, verdurstete Tiere. Hungernde Menschen, die ihr Zuhause verlassen, auf der Suche nach Essen und Trinken.

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Was wie der Anfang eines apokalyptischen Films klingt, ist Wirklichkeit, geschieht im Hier und Jetzt. Die Menschheit spürt die Folgen dessen, was sie selbst verursachtet hat: Verwüstung, Versteppung, Überflutung. Wir sollten uns klar machen: Die Folgen unseres Lebens, Wirtschaftens, Handelns in den reichen Industrieländern laden wir anderen auf: der Natur, den Menschen des globalen Südens, den Arten, die unwiederbringlich verschwinden. Weg. Für immer. Unsere heutige Lebensart macht die Erde wüst und leer, bringt auf Dauer unseren Planeten zum Kollabieren.

Die Zahl der Menschen, die ihre Heimat wegen der Folgen der Klimakrise verlassen müssen, hat sich seit den 70er Jahren vervierfacht. Heute schon werden innerhalb der betroffenen Länder mehr Menschen durch klima- und umweltbedingte Katastrophen - Überflutungen, Dürre, Stürme – vertrieben als durch Gewalt und Konflikte. Es ist absehbar, dass in Zukunft ganze Inseln von den Landkarten verschwinden werden.

140 Millionen Klima-Flüchtlinge bis 2050 erwartet die Weltbank

Die Weltbank rechnete in einer Studie von 2018 mit 140 Millionen klimabedingt Vertriebenen allein in Subsahara-Afrika, Südasien und Südamerika bis 2050. Eine Zahl, die damals Schlagzeilen macht, aber eben nicht nur eine Zahl ist. Dahinter steckt das potenzielle Leid von vielen Millionen Menschen, die eine Antwort brauchen. Eine realistische Betrachtung, frei von Ideologie. Hoffen, dass es schon nicht so schlimm werde, ist unzulässig.

Die Weltbank-Studie ging vor vier Jahren noch davon aus, dass etwa 80 Prozent der Vertreibung durch ambitionierten Klimaschutz vermeidbar sind. Heute dürfte die Zahl geringer sein. Es ist einfach: Wir haben keine Zeit mehr. Und wir haben auch nicht mehr genug, um die Folgen so zu mildern, dass wir es schon nicht spüren werden. Die immer noch bestehende Vermeidbarkeit jedenfalls eines Teils der gravierenden Folgen verlangt uns jede Energie, Entschlossenheit und alle denkbaren Allianzen ab.

Unser Lebensstil wird sich ändern müssen

Was ist die Antwort? Die erste kann nur eine äußerst konsequente Klimapolitik sein: Unser Lebensstil wird sich zwangsläufig ändern. Ja, es wird für alle unbequemer, doch so auch erträglich und sicherer. Nicht nur für uns und unsere Kinder heute, sondern auch für deren Kinder und Enkelkinder, wenn wir längst nicht mehr sind.

Die zweite Antwort: Konsequenter Klimaschutz erfordert einen neuen Gerechtigkeitsvertrag mit einem neuen Verständnis von Verantwortung. Reichtum verpflichtet. Dieses Prinzip muss wieder stärker gelten. Das, was uns noch bleibt, das müssen wir so verteilen, dass es gerecht zugeht, dass nicht die Empfindlichsten, Ärmsten, die am wenigsten Lauten das meiste tragen.

Manche können eine höhere Stromrechnung abfedern, tauschen den Benziner gegen ein E-Auto. Andere aber trifft die Klimakrise auch bei uns hier härter. Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand im schlecht gedämmten Haus an der lauten Straße der Hitze und Luftverschmutzung ausgesetzt ist oder im modernen Haus mit dem Garten ins Grüne.

Eine kaputte Umwelt und ein Klima in der Krise bedeuten eben auch Spaltung und Armut. Das gilt es so gut es geht auszugleichen. Dabei ist klar: Der Staat kann nicht alle Folgen ausgleichen. Zumutungen werden spürbar sein. Für alle. Es kann nur darum gehen, sie möglichst gerecht zu verteilen. Auch für alle. Statt Prinzip Gießkanne sollte das Prinzip einer neuen klimagerechteren Umverteilung gelten: Wir können nicht jede Zumutung und Belastung ausgleichen. Wir können die Belastung nur für die ausgleichen, die sie nicht aushalten können.

Migration ist eine Anpassungsstrategie

Es geht längst nicht mehr nur darum wie wir leben, sondern wie wir als Menschheit überleben. Die Klimakrise heizt Konflikte um knappe Ressourcen an und löst neue Verteilungskämpfe aus. Auch global gilt: Wir können vieles nicht mehr verhindern, wir können es nur erträglich machen, so gut es geht. Dazu gehört, dass wir einen fairen deutschen Beitrag zur internationalen Klimafinanzierung beisteuern - gemäß dem Verursacherprinzip.

Eine konsequente Klimapolitik und eine neue Politik der Gerechtigkeit, global wie national, kann nur ein Teil der Antwort sein. Die dritte große Aufgabe für die Industrieländer: Wir dürfen diejenigen, die von der Klimakrise schon jetzt und ganz unmittelbar betroffen sind, nicht auf unseren Kosten sitzen lassen. Wir können bei der Anpassung unterstützen und die Resilienz stärken, aber wir dürfen nicht die Verantwortung für die Lösung des Problems von uns als Verursacher*innen auf die Betroffenen abladen.

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Deshalb haben wir auch über Migration und Flucht zu sprechen. Denn auch Migration ist eine "Anpassungsstrategie", um mit veränderten Lebensbedingungen vor Ort umzugehen. Deswegen ist es wichtig, dass wir unser Einwanderungsrecht darauf einstellen. Wenn wir reguläre Migration ermöglichen, vermeiden wir erzwungene Flucht. Und doch: Flucht wird stattfinden.

Wir sollten die Idee eines Klimapasses für Klimavertriebene international vorantreiben. In der ersten Phase könnte dieses Hilfsangebot Bevölkerungen kleiner Inselstaaten zur Verfügung stehen, deren Gebiete unmittelbar unbewohnbar werden. Wir sollten auch prüfen, Katastrophenvertriebene unter subsidiären Schutz zu stellen. Das ist eine globale Aufgabe, die wir nicht auf unbestimmt in die Zukunft vertagen dürfen.

Schließlich: Die fossile Sucht hat uns abhängig gemacht von Diktatoren, wir sind gerade nicht resilient, die Globalität der Abhängigkeiten hat uns zu Gefangenen des Wohlstands gemacht. Industrien, die auf Gaslieferungen angewiesen sind, das Ernährungsprogramm, das den Weizen braucht, der in Odessa im Silo liegt. Es ist höchste Zeit, dass wir die alten Abhängigkeiten aufbrechen und resilient werden. Der Anfang ist gemacht. Der Weg ist weit. Aber eine Rückkehr ist keine Option.

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