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Nach Kritik an der Weltgesundheitsorganisation haben Experten untersucht, ob die Corona-Pandemie hätte verhindert werden können. Foto: REUTERS/Dado Ruvic
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„Das Tschernobyl des 21. Jahrhunderts“ Experten sind überzeugt – Corona-Pandemie hätte verhindert werden können

Nina Larson

Das von der WHO eingesetzte Gremium hat seinen Bericht vorgelegt. Ignoranz, Zögerlichkeit und Wissenschaftsleugnung haben demnach die Pandemie herbeigeführt.

Die weltweite Verbreitung des Coronavirus mit ihren schrecklichen Auswirkungen hätte nach Ansicht unabhängiger Experten vermieden werden können. Dafür aber hätten die Warnsignale sofort beachtet, die WHO früher Alarm schlagen und die einzelnen Länder konsequenter reagieren müssen, heißt es in einem am Mittwoch in Genf vorgelegten Bericht eines internationalen Expertengremiums.

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„Die Situation, in der wir uns heute befinden, hätte verhindert werden können“, konstatierten die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzten Experten. Ein „toxischer Cocktail“ aus Zaudern, fehlender Vorbereitung sowie schlechter Reaktion auf die Krise sei für das dramatische Ausmaß verantwortlich, erklärte die Ko-Präsidentin des Gremiums, Ellen Johnson Sirleaf. Nur so habe sich die jetzige „katastrophale humanitäre Krise“ entwickeln können, die von den Experten als „Tschernobyl des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wird.

An den Folgen einer Corona-Infektion starben weltweit inzwischen mindestens 3,3 Millionen Menschen. Staatliche Institutionen hätten vielerorts „versagt in der Aufgabe, Menschen zu schützen“, heißt es in dem Bericht. Zudem hätten Erkenntnisse der Wissenschaft leugnende Staats- und Regierungsschefs beziehungsweise andere Verantwortliche das Vertrauen in die nötigen Maßnahmen zersetzt.

„Schlechte strategische Entscheidungen, fehlender Wille zur Bekämpfung von Ungleichheiten und ein unkoordiniertes System schufen einen toxischen Cocktail, der es der Pandemie erlaubte, sich in eine katastrophale humanitäre Krise zu entwickeln“, erklärte die ehemalige liberianische Präsidentin Sirleaf, die gemeinsam mit der früheren neuseeländischen Premierministerin Helen Clark das Gremium leitet. „Es gab eine Spirale von Versagen, Lücken und Verzögerungen bei der Vorbereitung und der Reaktion.“

Die Forderungen Experten zur Bekämpfung der Corona-Pandemie:

  • Länder mit genügend Impfstoff sollen bis September zusammen eine Milliarde Impfdosen für 92 ärmere Länder zur Verfügung stellen.
  • Pharmafirmen sollen freiwillig mehr Lizenzen zur Impfstoffherstellung vergeben. Wenn die Produktion damit in den nächsten drei Monaten nicht angekurbelt wird, soll unmittelbar eine Aufhebung der Patente in Kraft treten.
  • Die reichsten Länder (G7) sollen sofort 60 Prozent der fehlenden 19 Milliarden Dollar für das Programm ACT Accelerator bereitstellen, das die Erforschung und globale Verteilung von Impfstoffen, Medikamenten und Tests organisieren soll.

China hatte Ende Dezember 2019 über die Häufung einer unbekannten Lungenkrankheit in Wuhan berichtet. Die WHO erklärte erst am 30. Januar eine „Notlage von internationaler Tragweite“, die höchstmögliche Alarmstufe. Das verpflichtet Länder, Vorkehrungen zu treffen.

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Die WHO sprach aber erst am 11. März von einer Pandemie. Das hat nach den WHO-Gesundheitsvorschriften anders als die Erklärung der „Notlage“ zwar eigentlich keine Konsequenzen. Im Rückblick war das aber erst der psychologisch notwendige Schub, um Regierungen richtig in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Gremium aus 13 Experten nach Kritik an WHO eingesetzt

Das Gremium aus 13 Experten war nach heftiger Kritik an der WHO von dieser ins Leben gerufen worden. Es untersuchte acht Monate lang die Ausbreitung des Coronavirus und die von der WHO und den einzelnen Staaten ergriffenen Maßnahmen.

Die WHO war oft kritisiert worden, vor allem zu Beginn zu langsam reagiert zu haben. Auch die Experten kamen nun zu dem Schluss, dass die WHO den weltweiten Gesundheitsnotstand früher als am 30. Januar 2020 hätte ausrufen müssen.

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Allerdings betonte die Ko-Vorsitzende Clark, dass dies wahrscheinlich nicht viel geändert hätte. Ohnehin hätten viele Länder erst reagiert, nachdem die WHO im März 2020 die Epidemie zur weltweiten Pandemie erklärt habe.

Es habe also unmittelbar nach dem erstmaligen Auftreten des neuartigen Coronavirus Ende 2019 in Wuhan „ganz klar Verzögerungen in China“ gegeben, konstatiert Clark. „Aber letztlich gab es überall Verzögerungen.“ Ohne all diese Verzögerungen „würden wir jetzt nicht diese Ausmaße haben“.

Eine Milliarde Impfdosen an ärmsten Staaten der Welt spenden

Das Expertengremium zog allerdings nicht nur Bilanz, sondern richtete das Augenmerk auch in die Zukunft: Um das Virus weltweit einzudämmen, müssten die reichen Länder, in denen die Impfkampagne schon weit fortgeschritten sei, bis zum 1. September mindestens eine Milliarde Impfdosen an die ärmsten Staaten der Welt spenden. Mehr als zwei Milliarden weitere Dosen sollten bis Mitte 2022 zur Verfügung gestellt werden, forderten sie.

Außerdem unterbreitete die Gruppe in ihrem Abschlussbericht mehrere Vorschläge, wie die Bildung eine Globalen Gesundheitsrates, um zukünftig gegen neue Krankheiten besser gewappnet zu sein. „Das jetzige System ist gescheitert und schützte uns nicht vor der Covid-19-Pandemie“, sagte die zweite Ko-Vorsitzende, Ellen Johnson Sirleaf.

Konkret schlägt die 13-köpfige Gruppe vor, dass die Weltgesundheitsorganisation und die Welthandelsorganisation die großen Herstellerländer von Impfstoffen und die Firmen zusammenbringen. Die Kontrahenten sollen innerhalb von drei Monaten freiwillige Lizenzvergaben und den nötigen Technologietransfer beschließen. Falls keine Einigung zustande komme, sollte die vieldiskutierte Aussetzung der Patenrechte auf Produkte gegen Covid-19 in Kraft treten.

Kommission fordert internationales Rahmenabkommen zum Pandemieschutz

Im Oktober hatten Südafrika und Indien bei der WTO beantragt, geistige Eigentumsrechte und Patente auf Impfstoffe, Medikamente, Diagnostika und medizinische Ausrüstung gegen Covid-19 vorübergehend aufzuheben, um die Produktion in armen Ländern zu vergrößern. Inzwischen unterstützen viele Entwicklungsländer, die USA und Hilfsorganisationen die Initiative. Die Pharmaindustrie und große Pharmaländer wie Deutschland lehnen das Ansinnen jedoch ab.

Nach Auffassung der Experten Vakzin-Produzenten freiwillig ihr Wissen weitergeben und beim Aufbau von Produktionskapazitäten helfen. „Wenn es da innerhalb von drei Monaten keinen Fortschritt gibt, sollte es eine Aussetzung des Patentschutzes geben“, heißt es in dem Bericht.

Überdies unterstützt die Kommission die Forderung nach einem internationalen Rahmenabkommen zum Pandemieschutz, eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der WHO sowie einen ständigen Fonds, aus dem Gelder für den Kampf gegen neue Pandemien fließen sollen. (AFP, epd, dpa)

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