Sind so viele Versicherungen! Aber leider keine gegen die Pandemie. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
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Corona und die Angst Das Virus macht uns zu Seiltänzern

Die Deutschen sind Versicherungsweltmeister - aber jetzt müssen sie mit lauter Unsicherheiten umgehen. Das erinnert daran: Leben ist riskant. Eine Kolumne.

- Übersetzung aus dem Französischen Odile Kennel

Die Angst, die uns seit Beginn der Pandemie erfasst hat, ist wie ein Stück Tesafilm, das am Ärmel unseres Pullovers kleben geblieben ist und das wir nicht mehr loswerden. Wir schütteln, wir fluchen, doch die Sorge um die Zukunft ist immer noch da.
Es ist wirklich nicht leicht, sich an dieses schreckliche Virus zu gewöhnen, das unser Leben auf den Kopf gestellt hat. So etwas sind wir hier in Westeuropa nicht gewöhnt. Wir haben im Gegensatz zu den Generationen vor uns immer in Ruhe und Frieden gelebt, waren sanft umhüllt von unserem Wohlstand und hatten die Illusion absoluter Sicherheit.

Eine Unterschrift am Ende eines Formulars genügt, um uns gegen alle Missgeschicke abzusichern. Alles kann versichert werden: Reisegepäck, Auslandsreisen, die Brille, die Zähne, das Handy, das Fahrrad, die Restschuld, ja sogar die Fenster unserer Wohnung können wir versichern, nur falls sie auf die dumme Idee kämen, in tausend Stücke zu zersplittern. Ganz oben auf der Liste der groteskesten Versicherungen steht die Hochzeitsrücktrittsversicherung. Nota bene: Sie werden im Falle von Krankheit oder Unfall entschädigt, nicht aber, wenn Sie in letzter Minute Ihre Meinung ändern. Die Police gibt nicht an, ob Ihnen, wenn Ihre Wahl sich als schlecht erweist, die Scheidungskosten zurückerstattet werden.

Auch ziemlich weit oben auf der Liste steht die Kälteschutzversicherung: Wenn Sie während eines harten Winters die Heizung weiter aufdrehen müssen als gedacht, erhalten Sie pro Minusgrad jenseits Ihres verabredeten Grenzwerts einen Euro zurück. Ich würde sagen, ein dicker Wollpullover ist billiger und praktischer. Und was bringt es überhaupt, diese Versicherung abzuschließen? Angesichts der Klimaerwärmung ist das doch nur zum (versicherten) Fenster herausgeschmissenes Geld. Und wenn die Heizung ganz ausfällt und Sie einen Elektroheizer benötigen, springt die Versicherung für häusliche Notfälle ein.

Wer sich gegen alles absichern will, bremst am Ende den Schwung des Lebens selbst. Als meine Söhne in die Grundschule kamen, empfahl mir meine Bank, eine Rentenzusatzversicherung für sie abzuschließen. Wenn man Kinder von vorneherein in solche Wattemengen packt, hindert man sie nicht eher daran, ihr eigenes Leben zu führen?

Natürlich kann man zur eigenen Beruhigung Versicherungspolicen in einem Aktenordner sammeln. Vorsorgen, sich absichern, Risiken abdecken, abfedern, kontrollieren ... an Wörtern dafür mangelt es im Deutschen nicht. Jeder Deutsche besitzt laut Statistik durchschnittlich ein halbes Dutzend Versicherungen, Deutschland ist somit eines der bestversicherten Länder der Welt. Der Erfindungsreichtum, den Versicherungen an den Tag legen, ist schon beeindruckend! Noch die kleinste Eventualität, die winzigste Unannehmlichkeit wird mitbedacht.

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Das Coronavirus allerdings ist ein unvorhergesehenes Ereignis und war bisher im Leistungskatalog nicht mit aufgeführt

(Lesen Sie hier bei T-Plus, was Psychiater sagen: „Wenn die Furcht Alltag und Denken beherrscht, wird sie zum Problem“).

Wir haben uns in trügerischer Sicherheit gewogen und vergessen, dass das Leben in Wirklichkeit eine Abfolge von Risiken ist. Man geht ein Risiko ein, wenn man kocht, sich verliebt, die Straße überquert, man geht ein Risiko ein, wenn man isst, was man gekocht hat, wenn man ins Auto steigt, wenn man eine neue Arbeit beginnt … die Liste ist endlos. Sind wir nicht alle Seiltänzer und balancieren Tag für Tag über dem Abgrund? Unser Seil ist durch Covid-19 ganz schön in Schwanken geraten.

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