Und zwischendrin auch Seife: Eine Plakatwand zur Wahl 1949 in Düsseldorf. Foto: picture alliance / dpa
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Bundestagswahl 1949 Am Anfang war das harte Wort

NS-Erbe, Wohnungsnot, Flüchtlinge – nach einem erbitterten Wahlkampf wird am 14. August 1949 der erste Bundestag gewählt. Ein Rückblick.

Der 14. August 1949 ist ein freundlicher Sommersonntag. Überall scheint die Sonne, nur in Bayern nicht, wo es zu den Alpen hin auch ordentlich gießt. Die Temperaturen sind angenehm, um die 22 Grad, nur südlich der Donau bleibt es kühl. In den Ländern der drei westlichen Besatzungszone wird der erste Bundestag gewählt. 31 Millionen Trizonesier dürfen abstimmen, 23,7 Millionen tun es dann auch. Im Urlaub sind wenige von ihnen. Deutschlands Wirtschaft beginnt sich erst wieder vom Krieg zu erholen. Die Zahl der Arbeitslosen liegt nahe an zwei Millionen. Die drängende Not der ersten Nachkriegsjahre, Hunger inklusive, ist zwar vorbei. Die Währungsreform, von Ludwig Erhard herbeigezaubert, zeigt erste Wirkungen. Otto Normalverbraucher kann mehr konsumieren, die Bäuchlein wachsen. Die Schwarzmärkte verschwinden. Aber wenig ist schon wieder wirklich normal. Noch ist Deutschland ein besetztes Land. Noch herrscht vielerorts Wohnungsnot, sozialer Wohnungsbau ist ein großes Wahlkampfthema. Das Land hat ein Flüchtlingsproblem – Millionen Vertriebene müssen integriert werden in eine Gesellschaft, die sich selbst erst wieder ins Lot bringen muss.

Adenauer gibt sich gelassen

Die Wahl an diesem 14. August ist ein wichtiger Schritt dahin. Wird er gelingen? In Rhöndorf gibt sich Konrad Adenauer gelassen, er ist 74 Jahre alt. Auch wenn ihm Hessen und Bayern Sorgen machen, wie er Journalisten sagt, die bei ihm im Wohnzimmer sitzen. Am späteren Abend weiß er, dass die Bonner ihn mit einem Direktmandat in den Bundestag schicken, der in Bonn zusammenkommen wird, wofür Adenauer gesorgt hat. Zum Ärger von Kurt Schumacher. Der hatte mit seiner SPD Frankfurt am Main auserkoren als – möglicherweise nicht ganz so provisorischen – Regierungssitz der neuen Teilrepublik. Schumacher, knapp zwanzig Jahre jünger als Adenauer, aber körperlich mitgenommen durch Kriegsverletzung und KZ-Haft, wartet in Hannover auf das Ergebnis. „Jeden Tag 15 Stunden Wahlkampf auf einem gesunden Bein“, heißt es in einer „Spiegel“-Geschichte.

Das Duell der beiden prägt den Wahlkampf. Schumacher ist so gereizt, wie Adenauer gelassen ist. So ist es die ganzen Wochen hindurch bis zum Wahltag gewesen. Schumacher polemisiert, Adenauer retourniert spitz und gallig. Schumacher nennt Adenauer „Lügenauer“, Adenauer lässt durchblicken, dass er Schumacher für einen Lügner hält. Der Sozialdemokrat hetzt gegen die katholische Kirche, als deren Vehikel er den CDU-Mann sieht. Adenauer wütet gegen die sozialistischen Vorstellungen der SPD, wobei er vergisst, dass er die zum Teil kurz zuvor selber vertreten hat. Das auch von ihm mitbestimmte Ahlener Programm der CDU verschwindet kurz vor der Wahl, die Partei verzichtet auf Forderungen nach Vergesellschaftung und macht ganz in Marktwirtschaft, vorsichtshalber ergänzt um das Wort „sozial“.

Schumacher ist erschöpft

Am Wahlabend trifft sich der erschöpfte SPD- Chef in Hannover mit führenden Genossen. Kurz vor Mitternacht weiß er, dass er im Wahlkreis Hannover Süd gewählt ist. Mit einem etwas besseren Ergebnis als Adenauer in Bonn. Am Montag muss Schumacher erkennen, dass es republikweit umgekehrt ist. Die Sozialdemokraten landen auf dem zweiten Platz hinter der Union. Von dieser Enttäuschung wird er sich nicht mehr erholen. Schumacher stirbt drei Jahre später mit 56 Jahren.

Das Grundgesetz ist am 14. August genau 84 Tage alt. Es ist am 23. Mai verabschiedet worden. Der Parlamentarische Rat hat es vorgezogen, die Verfassung nicht dem Volk zur Abstimmung vorzulegen. Weil sie ja nur provisorisch ist, wegen der Teilung Deutschlands. Tatsächlich aber traut man dem westdeutschen Teilvolk nicht so recht. Also lässt man vorsichtshalber nur die Landtage abstimmen, da weiß man, was man bekommt, inklusive der Ablehnung in Bayern. Das Grundgesetz ist das Werk von Demokraten, die nicht immer sicher sind, ob sie eine große Mehrheit hinter sich haben. An diesem Sonntag im August geht kein Volk der Befreiten an die Urnen, sondern ein Volk der Besiegten. Der Versuch der Entnazifizierung ist in einer Flut von Persilscheinen erstickt. Die Alliierten werden als Besatzer wahrgenommen, die den Deutschen beibringen wollen, was Zivilisation bedeutet. Aber hatte man die nicht immer gehabt? Jedenfalls vor 1933? Und jetzt? Was dazwischen geschah, viele mögen nicht darüber reden, war es das Werk aller Deutschen? Wie viele Mitläufer und stille Teilhaber gehen an diesem Sonntag zur Wahl, wie viele kleine und größere Mitmacher im NS-Regime, wie viele aktive Täter? Wie immer man differenzieren würde – es ist die Mehrheit.

Gegen die Besatzungsmächte

Die Besatzungsmächte erleben, dass sie von allen Parteien massiv angegriffen werden. Es wundert sie nicht. Ein junger amerikanischer Journalist, der sich den Wettbewerb um die Stimmen anschaut, schreibt: „Am stärksten spricht jede Partei durch den militanten Nationalismus an, und alle müssen ihn bieten, wenn sie politisch konkurrenzfähig sein wollen.“ Das Zitat findet sich in dem Buch über das Jahr 1949, in dem Christian Bommarius die Stimmung in jenen Monaten eingefangen hat. Ein deutscher Beamter erklärt dem Reporter, seiner Meinung nach seien 80 Prozent der Bevölkerung „für jede politische Führung zu haben“.

Die Landtagswahlen zwei, drei Jahre zuvor haben zwar SPD, Union und FDP viel Unterstützung gebracht. Aber die Alliierten hatten 1946/47 die Parteilizenzen mit Bedacht vergeben. Nun treten neue Parteien an, die man noch nicht kennt. Alle Parteien schielen, manche zielen im Wahlkampf auf das rechte Milieu. Im Norden ist es die Deutsche Partei, die dort ihre Netze auswirft. Eine Deutsche Rechtspartei/Deutsche Konservative Partei hat die Schar der mehr oder weniger stillen NS-Anhänger im Visier. Die Radikalsoziale Freiheitspartei wirbt mit obskuren finanzpolitischen Ideen, die einige Jahre zuvor auch Nationalsozialisten gut gefallen hatten. In Bayern tritt die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV) an, geführt von dem in alle Richtungen schillernden Alfred Loritz, die sich noch populistischer gibt als die Bayernpartei, die wiederum populistischer agiert als die CSU, in der sich zwei Flügel heftig befehden. Adenauer weiß, warum er sich Sorgen macht um den am Wahltag verregneten Freistaat.

Werben um den rechten Rand

Irrlichternd tritt die FDP auf, in der Strömungen zusammentreffen, die nicht immer sehr liberal sind. Auch sie wirbt um den rechten Rand. Nicht ohne Erfolg. In Hessen kommt es 1949 gar zu einem Wahlbündnis mit der nicht zugelassenen rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei, einer Vorläuferin der 1964 gegründeten NPD. Neben Schwarz-Rot-Gold finden sich auf FDP-Plakaten immer wieder die schwarz-weiß-roten Reichsfarben, denen man per Parteibeschluss ein „ehrfurchtsvolles Gedenken bewahren“ will.

Max Reimann ist pessimistisch am Wahlsonntag, an dem er angeln gehen will, was aber nicht klappt. In zweifacher Hinsicht: Der führende Mann der KPD fängt keinen Fisch, weil sich auf die Schnelle keine Angel findet, und er fängt zu wenig Stimmen im Wahlkreis Dortmund II, um direkt in den Bundestag zu kommen. Kommunismus zieht neuerdings noch weniger. In der Ostzone geht es Richtung SED-Regime, der Kalte Krieg hat begonnen. Reimann ist zwar ein Wahlkampfmagnet, manchmal zieht er mehr Menschen an als die von der SPD, der CDU und all den anderen zusammen. Er hievt seine KPD mit 5,7 Prozent in den Bundestag. Aber das war’s. Seine Rolle im Nachkriegsdeutschland ist ausgespielt. 1954 geht er in die DDR, wo man in Leipzig ein Gaswerk nach ihm benannt hat.

Kleine Parteien erfolgreich

Gewählt wird am 14. August getrennt in den Ländern, ohne Berlin. Die Fünfprozenthürde gilt allein auf Landesebene. Das hilft kleineren Parteien. Zudem reicht schon ein Direktmandat, und eine Partei ist mit ihrem Zweitstimmenanteil im Parlament, egal wie klein. Die Deutsche Partei ist daher drin, mit vier Prozent und fünf Direktmandaten, weil die CDU in diesen Wahlkreisen verzichtet. Die Bayernpartei liegt im Populistenwettbewerb vor der WAV, beide sind im Bundestag. Die Ultrarechten von der Rechtspartei bringen fünf Abgeordnete nach Bonn.

Die FDP heimst 11,9 Prozent der Stimmen ein – nicht zuletzt dank Hessen, wo sie im Verein mit den Rechten auf 28,1 Prozent kommt. Adenauers CDU erringt gut ein Viertel der Stimmen, die CSU bringt aufs Ganze 5,8 Prozent ein (in Bayern sind es gut 29 Prozent). Die Sozialdemokraten landen bei 29,1 Prozent. Schumacher hat sein Ziel verpasst. Er kann keine Koalition bilden. Der Bundestag drängt deutlich nach rechts. Die harte Konfrontation im Wahlkampf hilft denen in der Union nicht, die sich für ein Bündnis mit der SPD aussprechen. Adenauer ignoriert sie und bildet eine Regierung aus CDU, CSU, FDP und Deutscher Partei. Am 15. September 1949 wird er mit 202 Stimmen zum Kanzler gewählt. Es ist exakt die Mehrheit der 402 Abgeordneten, die er mindestens braucht. Die junge Republik ist auf konservativem Kurs. Bis 1969.

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