Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim EU-Gipfel am Freitag. Foto: Kenzo Tribouillard/AFP
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„Bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause“ 7830 Neuinfektionen – Merkel appelliert eindringlich an die Bürger

Die Infektionszahlen in Deutschland steigen immer weiter. Die Kanzlerin mahnt, es „zählt jetzt jeder Tag“. Die Kontaktverfolgung werde eine immer größere Hürde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich angesichts der deutlich steigenden Coronavirus-Infektionszahlen mit einem eindringlichen Appell an die Menschen in Deutschland gewandt. „Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet“, sagte sie am Samstag in ihrem wöchentlichen Podcast.

„Dabei zählt jetzt jeder Tag. Dafür müssen die Kontaktpersonen jedes infizierten Menschen benachrichtigt werden, um die Ansteckungsketten zu unterbrechen. Die Gesundheitsämter leisten dabei Großartiges, aber wo die Zahl der Infizierten zu hoch wird, da kommen sie nicht mehr hinterher.“

Merkel: „Ich weiß, das ist auch ein schwerer Verzicht“

Merkel sagte weiter: „Treffen Sie sich mit deutlich weniger Menschen, ob außerhalb oder zu Hause“, sagte die Kanzlerin. „Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist, auf jede Feier, die nicht wirklich zwingend notwendig ist." Die Kanzlerin mahnte: „Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort.“ Sie fügte hinzu: „Ich weiß, das klingt nicht nur hart, das ist im Einzelfall auch ein schwerer Verzicht.“

Dieser Verzicht werde letztlich „für uns selbst“ geleistet, betonte Merkel. „Für die eigene Gesundheit und die all derer, denen wir eine Erkrankung ersparen können. Dafür, dass unser Gesundheitswesen nicht überfordert wird, dass die Schulen und Kitas unserer Kinder geöffnet bleiben. Für unsere Wirtschaft und unsere Arbeitsplätze“, sagte sie.

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Deutschland sei „in einer sehr ernsten Phase der Corona-Pandemie“. Die Pandemie breite sich schneller als zu Beginn vor gut einem halben Jahr aus. „Der vergleichsweise entspannte Sommer ist vorbei, jetzt stehen uns schwierige Monate bevor“, sagte Merkel. „Wie der Winter wird, wie unser Weihnachten wird, das entscheidet sich in diesen kommenden Tagen und Wochen.“

Den dritten Tag in Folge verzeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) am Samstag ein neues Allzeithoch bei der Zahl der täglichen Infektionen. Am Samstag meldete das RKI 7830 neue Fälle. Am Freitag waren es 7334 und am Donnerstag 6638.Nach Instituts-Angaben starben 33 Menschen an oder mit dem Virus. Deutschland verzeichnet demnach insgesamt 9734 Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie.

Zwar ist die Zahl der an einem Tag gemeldeten Neuinfektionen so hoch wie noch nie. Sie ist aber mit dem Rekordwert im Frühjahr von 6294 am 28. März nur bedingt vergleichbar. Mittlerweile wird jeden Tag deutlich mehr getestet, so dass auch mehr Infektionen nachgewiesen werden.

Immer wichtiger bei der Beurteilung der Teststatistiken wird deshalb auch die sogenannte Positivrate, die das RKI jeweils mittwochs in seinem aktuellen Lagebericht veröffentlicht. Und die ist zuletzt auch deutlich gestiegen: von 0,74 Prozent Ende August auf 2,48 Prozent in der Woche vom 5. bis 11. Oktober. Eine Woche zuvor lag der Wert noch bei 1,66 Prozent.

Weltärztepräsident Montgomery erwartet 10.000 Neuinfektionen

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery rechnet damit, dass trotz der aktuell beschlossenen Maßnahmen die Zahl der Neuinfektionen in wenigen Tagen eine weitere Rekordmarke erreicht. „Auch in Deutschland wird die Zahl der Neuinfektionen in der kommenden Woche voraussichtlich die Grenze von 10.000 überschreiten“, sagte Montgomery der „Rheinischen Post“ (RP). Daran könnten auch die jetzt getroffenen Maßnahmen wenig ändern, weil die sich erst „in frühestens fünf bis zehn Tagen auswirken“, sagte der Präsident des Weltärztebundes.

Nach Ansicht des SPD-Fraktionsvize und Epidemiologen Karl Lauterbach ist bei einem weiteren Anstieg der Fallzahlen die Versorgung schwerer Corona-Fälle gefährdet. Bei einem weiteren dauerhaften Anstieg der Fallzahlen reichten die Krankenhauskapazitäten nicht aus, um die schweren Fälle angemessen zu behandeln, sagte Lauterbach dem Blatt. „Bei täglich 10.000 Fällen ist spätestens in zwei Monaten der Punkt erreicht, bei dem zu wenige Intensivbetten für die Corona-Patienten bereitstehen“, warnte Lauterbach. Der Gesundheitsexperte plädierte dafür, erst einmal die aktuell beschlossenen Maßnahmen wirken zu lassen. „Ob sie wirklich ausreichen, ist aber fraglich“, sagte er.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder warnte mit Blick auf die Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten vor einem „Kontrollverlust in einigen Regionen in Deutschland“. „Das ist hochgefährlich“, sagte der CSU-Politiker der „Passauer Neuen Presse“. „Wenn keine Nachverfolgung der Infektionen mehr möglich ist, so wie in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Tschechien, muss man die Kontakte generell begrenzen. Das geht nur mit einem Lockdown oder ähnlichen strikten Maßnahmen.“

Er teile die Befürchtungen von Bundeskanzlerin Merkel, dass die am Mittwoch von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen nicht weit genug gingen. „Wir dürfen Corona nicht schön- oder kleinreden. Wir müssen grundlegende Entscheidungen treffen. Wenn wir das nicht tun und nur halbherzig vorgehen, steuern wir unwillkürlich auf einen zweiten Lockdown zu. Wer keinen Lockdown will, der muss jetzt entschlossen handeln“, sagte Söder.

90 Prozent der Neuinfektionen in Berlin nicht nachzuvollziehen

Merkels und Söders Einschätzungen zu den Problemen bei der Kontaktverfolgung decken sich auch mit den Erfahrungen aus Berlin. Bei rund 90 Prozent der neuen Corona-Infektionen in Berlin sei die Infektionsquelle nicht eindeutig festzustellen, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) der Deutschen Presse-Agentur. Nur etwas über zehn Prozent der neuen Fälle seien Ausbrüchen zuzuordnen. „Wir haben eine sehr breite Streuung.“

Die Senatorin erklärt das Auftauchen vermeintlich unklarer Einzelfälle allerdings auch mit Berichten von Amtsärzten, wonach generell die Kooperationsbereitschaft von Infizierten abnehme. Insbesondere nach Ausbrüchen bei großen Hochzeitsfeiern sei beobachtet worden, dass manche Menschen Angaben über ihre engen Kontakte verweigerten. Kalayci bezeichnete die großen Hochzeitsfeiern als Treiber des Infektionsgeschehens.

Kalayci: In manchen Berliner Bezirken Positivrate von acht Prozent

Die Senatorin widersprach der Vorstellung, dass die aktuelle Zunahme der Infektionen in der Stadt vor allem auf vermehrtes Testen zurückgeht. Die Rate der positiven Tests sei in Berlin – nach Werten von unter einem Prozent im Sommer – auf rund vier Prozent gestiegen. „In den Bezirken, in denen besonders viele Kontaktpersonen getestet wurden, da sind wir sogar bei acht Prozent“, sagte sie.

Nach Einschätzung des Kanzleramtes sind mehr als 10.000 zusätzliche Helfer für die Nachverfolgung der Infektionsketten in den Kommunen nötig. „Der Bedarf ist enorm, es wird eine fünfstellige Zahl von Helfern benötigt“, sagte Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) der RP.

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Um eine Kontaktkette über einen Tag nachzuverfolgen, seien fünf Mitarbeiter nötig. Die Bundeswehr hatte 5000 kurzfristig verfügbare und weitere 10.000 binnen 30 Tagen einsatzbereite Soldatinnen und Soldaten zur Corona-Amtshilfe abgestellt. „Wir schauen auch über die Bundeswehr hinaus, ob wir weitere Personalreserven in der Bundesregierung und nachgeordneten Behörden mobilisieren können“, erklärte Braun. Er habe zudem die Hoffnung, zur Kontaktnachverfolgung auch eine größere Zahl von Studierenden zu gewinnen. Die Regierung sei mit der Hochschulrektorenkonferenz im Gespräch, damit die Freiwilligen keine Nachteile im Studium hätten.

Berliner Amtsarzt fordert für Gesundheitsämter mehr Fachpersonal

Den Berliner Gesundheitsämtern zumindest ist nach Einschätzung des Amtsarztes im Bezirk Reinickendorf, Patrick Larscheid, mit mehr Helfern nicht automatisch gedient. „Natürlich können wir Laienpersonal zur Unterstützung gebrauchen. Es muss aber in einem gesunden Maß zum Fachpersonal stehen“, sagte Larscheid der Deutschen Presse-Agentur. „Sie brauchen auf einer Baustelle auch Leute, die mal was hin und hertragen können. Sie brauchen aber vor allem qualifizierte Handwerker.“ Genau da drohe in Berlin, ein Missverhältnis zu entstehen.

„Wir brauchen Fachleute“, sagte Larscheid. „Und wir können auch nicht unüberschaubar groß werden, solche Einheiten sind irgendwann nicht mehr organisierbar und führbar.“ Stattdessen sei es besser, mit dem vorhandenen Fachpersonal Strukturen zu verändern und Aufgaben zu straffen, so der Amtsarzt aus dem Berliner Nordwesten. „Dann kommen wir zum Ziel.“

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Die Zahl der Coronavirus-Tests schwankt seit Mitte August zwischen rund 1,1 Millionen und 1,2 Millionen pro Woche. In der Kalenderwoche 11 (ab 9. März) hatte es dem RKI zufolge knapp 125.000 Tests gegeben, positiv war das Ergebnis in 7,58 Prozent der Fälle. Die Rate stieg dann bis zur Kalenderwoche 14 (ab 30. März) auf 9,03 Prozent bei gut 408.000 Tests. Danach nahmen die Zahlen stetig ab, die niedrigste Positivrate gab es dann in der Woche ab dem 6. Juli mit rund 0,59 Prozent bei 510.500 Tests. Seitdem ist die Zahl der Tests weiter kontinuierlich gestiegen.

Auch die EU misst der Positivrate der Tests inzwischen größere Bedeutung zu. Um Reisenden in Europa einen besseren Überblick über das Infektionsgeschehen und mögliche Beschränkungen zu verschaffen, haben die Europaminister der Europäischen Union gerade eine Unterteilung der EU in grüne, orange und rote Zonen beschlossen. Hinzu kommt noch die Farbe grau für Regionen, aus denen nicht genug Daten vorliegen.

Entscheidend für die Einteilung in Risikogebiete und ungefährliche Regionen sollen künftig zwei Kriterien sein: Die Rate neuer Infektionen (Inzidenz) für 100.000 Bewohner in den vergangenen 14 Tagen und die Quote der positiven Tests aus allen durchgeführten Tests.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland dem aktuellen RKI-Lagebericht vom Freitag zufolge bei 1,22 (Vortag: 1,08). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel rund 1,2 weitere Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Zudem gibt das RKI in seinem aktuellen Lagebericht ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Der Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen lag dieser Wert bei 1,30 (Vortag: 1,22). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor acht bis 16 Tagen.

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