ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Mutter telefoniert vor ihrem Arbeitsbeginn am 17.06.2014 in Frankfurt (Oder) (Brandenburg), während ihre dreijährige Tochter an ihrer Hand, zieht. Foto: Patrick Pleul/dpa (zu dpa "Bündnis für Vereinbarkeit von Familie und Beruf" vom 21.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa
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Beruf und Familie Raus aus der Rushhour des Lebens

Eva Corino
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Zeitnot und Überforderung entstehen aus dem Versuch, Familie und Beruf vereinen zu wollen. Das Nacheinander-Prinzip ist die Lösung. Ein Essay.

Nehmen wir meine Schulfreundin Marie. Sie ist 36 Jahre alt, hat einen Franzosen geheiratet, beide sind aufstrebende Ingenieure. Marie arbeitet als Managerin bei der französischen Eisenbahn. Sie managt den Bahnhof von Toulouse, hat 230 Leute zu beaufsichtigen. Sie stellt sicher, dass die Züge auf den richtigen Gleisen einfahren, die technischen Störungen behoben werden, dass der Bahnhof sauber ist, die Geschäfte pünktlich öffnen. Außerdem überwacht sie den Bau einer neuen TGV-Trasse.

Ein ganz normaler Tag in ihrem Leben sieht so aus: Sie hetzt früh los, um ihre beiden Kinder, ihre fast dreijährige Tochter und einen sechs Monate alten Sohn, in die Krippe zu bringen, dann gleich weiter ins Büro. Dort muss sie als Erstes die Gleisarbeiter beschwichtigen, denn für den kommenden Tag ist ein Streik angekündigt. Es folgt ein Meeting nach dem anderen. Um 17 Uhr hetzt sie zurück zur Krippe, um ihre beiden Kinder abzuholen. Sie bugsiert die Babyschale in den Van, lässt ihre Aktentasche auf dem Autodach liegen und merkt erst zu Hause, dass sie fehlt. Sie kehrt um, findet sie, macht noch ein paar Einkäufe auf dem Weg, kocht dann ein warmes Abendessen, badet die Kinder, schläft beim Vorlesen in Kleidern ein, wacht um Mitternacht wieder auf und spült die schmutzigen Töpfe ab.

Kinder und Partnerschaft sind eher ein logistisches Problem als ein Glücksversprechen

Vereinbarkeit ist ein beschönigendes Wort für etwas, das sich in Wirklichkeit oft anfühlt wie Zerrissenheit. Heute fällt die Zeit der Familiengründung mit der beruflichen Profilierung beider Eltern zusammen. Zeitnot und das ständige Gefühl von Überforderung sind die Folge. Kinder, Partnerschaft: ein logistisches Problem statt Glücksversprechen! Am Arbeitsplatz muss man so funktionieren, als hätte man keine familiären Aufgaben. Und wenn die Großeltern nicht mehr helfen können, sondern selbst hilfsbedürftig werden, bewegt sich die „Generation Sandwich“ hart an der Grenze der eigenen Belastbarkeit.

Phasen der Entspannung und der äußersten Anspannung aller Kräfte sind heute zu ungleich über den Lebenslauf verteilt. Im Alter haben die meisten Menschen weniger Verantwortung, als gut für sie wäre. Die Pubertät wird in die Länge gezogen, die Familiengründung immer weiter hinausgezögert – aus Angst vor Festlegung und den anstrengenden Aufgaben, die sich in der Lebensmitte drängeln. Den richtigen Partner finden und „ding- fest machen“, solange die biologische Uhr noch tickt. Familie gründen, sich hingebungsvoll um die eigenen Kinder kümmern.

Ein Zuhause schaffen, bauen, renovieren, einrichten. Für das Alter vorsorgen. Alles geben im Beruf, zwei Karrieren voranbringen, wenn nötig sogar umziehen und pendeln. Dabei gut aussehend und sportlich sein, kulturell und politisch auf dem Laufenden bleiben. Wie soll man das alles gleichzeitig schaffen und bewältigen? Das ist kaum möglich.

Der Familiensoziologe Hans Bertram hat dieses Phänomen die „Rushhour des Lebens“ genannt. Noch treffender finde ich es, von einem „Gleichzeitigkeitswahn“ zu sprechen: weil es wahnsinnig ist zu glauben, dass moderne Mütter all das gleichzeitig leisten könnten, was sie leisten müssten, um in Familie und Beruf ihr „Soll“ zu erfüllen.

Frauen werden nicht ermutigt, Familienphasen einzulegen. Weil die ökonomische Faktenlage es so will: Die Sozialforscherin Ute Klammer etwa, die 2011 im Auftrag des Familienministeriums am ersten Gleichstellungsbericht mitgeschrieben hat, warnt vor längeren Erwerbspausen. Mütter, die über das gesetzlich zugesicherte Maß hinaus dem Arbeitsmarkt fernbleiben, haben oft ein sehr geringes Lebenserwerbseinkommen. Und das Armutsrisiko ist groß, vor allem wenn sie sich scheiden lassen und als Alleinerziehende große Lasten schultern müssen.

Viele Paare haben ein unrealistisches Bild von Vereinbarkeit, das zum gefährlichen Leitbild erhoben wird

In Deutschland werden heute 49 Prozent der Ehen geschieden, in Belgien, wo beide Eltern in der Regel Vollzeit arbeiten, sind es sogar 71 Prozent. Natürlich gibt es immer persönliche Gründe für das Scheitern von Beziehungen. Aber sie scheitern auch, weil die Druckzustände der Rushhour so schwer auszuhalten sind. Und weil die Paare ein unrealistisches Bild von Vereinbarkeit im Kopf haben, dem nur Supermänner und Superfrauen gerecht werden könnten. Ein familienpolitischer Diskurs, der dieses unrealistische Bild zum Leitbild erhebt, ist gefährlich und alles andere als nachhaltig. Er führt nämlich dazu, dass viele Frauen sich als Versagerinnen fühlen. Sie können sich abrackern, wie sie wollen. Sie haben trotzdem das Gefühl, immer im Defizit zu sein: die Kinderlosen, weil sie Teil der demografischen Krise sind. Die hauptberuflichen Mütter, weil sie kein Geld in die Rentenkasse einzahlen. Und die berufstätigen Mütter, weil sie im Büro weniger verfügbar sind als die kinderlosen Kolleginnen und ihren Kindern weniger Aufmerksamkeit schenken können als die hauptberuflichen Mütter.

Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild hat analysiert, dass berufstätige Mütter heute mindestens in zwei Schichten arbeiten: die erste Schicht am Arbeitsplatz und die zweite zu Hause. Wenn sie Pech haben, kommt auch noch eine dritte Schicht hinzu: die Auseinandersetzung mit den negativen Folgen ihrer Abwesenheit, der erschöpfte Kampf gegen die Traurigkeit, Wut und Verweigerungshaltung ihrer Kinder.

Inzwischen nimmt jeder dritte Vater Elternzeit, in der Regel allerdings nicht länger als zwei Monate, was auch zeigt, welches Männerbild in Deutschland herrscht. Der Mann muss arbeiten, aufsteigen und funktionieren, außerdem noch, so viel es geht, Vater sein und wenigstens symbolisch im Haushalt helfen. Und weil das natürlich auch eine Überforderung ist, kriechen Väter und Mütter gleichermaßen auf dem Zahnfleisch, vermuten aber ständig, der andere habe in diesem Rollenspiel den leichteren Part.

Wenn aber Mütter kurz nach der Geburt ihrer Kinder ins Erwerbsleben zurückkehren und Väter zu Hause nicht einspringen können, ist man beim „Outsourcing“ angelangt. Dann sollen Tagesstätten, Tagesmütter, Nannies und Au-pairs die Lücke füllen, die die übermäßige Berufstätigkeit der Eltern hinterlässt. Geht das? Und bedeutet Familienmanagement dann nicht, dass immer weniger Familie und immer mehr Management stattfindet? Sehr viel Organisation, rings um eine leere Mitte?

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