Nachbarn im Regierungsviertel: Blick vom Mahnmal der Sinti und Roma zum Reichstagsgebäude Foto: Arnulf Hettrich/imago
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Update Bedroht durch Bauarbeiten Mahnmal für Sinti und Roma am neuen Ort?

Pläne für die Berliner S-Bahn bringen das Mahnmal für den NS-Mord an Sinti und Roma in Gefahr. Bahn, Bundestag und Vertreter der Minderheit suchen eine Lösung.

Im Streit um das bedrohte Mahnmal für die NS-Opfer der Sinti und Roma im Berliner Tiergarten wollen alle Beteiligten jetzt rasch eine tragfähige Lösung.

Nach Informationen des Tagesspiegels ist der Zentralrat der Sinti und Roma nach einem Gespräch mit dem Bundestag, der Deutschen Bahn und der Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther vor einer Woche zu Zugeständnissen bereit.

Gleichzeitig ist aus dem Bundestag zu hören, dass man wegen der Bauarbeiten für die geplante S-Bahn 21 zwar „nicht drei Jahre eine offene Baugrube“ direkt am Parlament haben könne. Gleichzeitig dürfe aber während dieser Zeit auch „nicht nur ein Foto der Gedenkstätte am Bauzaun hängen“.

Wie die „taz“ berichtet, wirft Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP), der die Bau- und Raumkommission des Ältestenrats im Parlament leitet, der Bahn mangelnde Sensibilität vor. Er habe das Unternehmen „ausdrücklich“ darauf hingewiesen, „dass mit Vertreterinnen und Vertretern der Sinti und Roma mit Blick auf das Denkmal zu sprechen sei“, sagte Kubicki demnach am Fretag: „Es hieß von der Bahn, man habe mit allen Beteiligten ein Einvernehmen erzielt.“

In der Baukommission herrsche Einigkeit darüber, dass das Denkmal zu schützen sei, sagte Kubicki weiter. Allerdings sei es nicht die Aufgabe des Bundestags, alternative Bauvorschläge für die neue Bahntrasse vorzulegen. „Das ist allein das Problem des Landes und der Bahn.“

"Hohe politische und emotionale Bedeutung"

Vor wenigen Wochen hatten Sinti und Roma Alarm geschlagen und öffentlich gemacht, dass die Bauarbeiten an der geplanten Berliner S-Bahnlinie 21 nach jüngsten Plänen der Deutschen Bahn mitten durch den Gedenkort im Berliner Tiergarten verlaufen werde, nur wenige Schritte vom Reichstagsgebäude entfernt.

Wolfgang Kubicki (68) ist seit 2017 Bundestagsvizepräsident. Foto: dpa Vergrößern
Wolfgang Kubicki (68) ist seit 2017 Bundestagsvizepräsident. © dpa

Inzwischen gibt es dreizehn Vorschläge der Bahn. Der, der das Mahnmal durchschneiden würde, kam auf den Tisch, nachdem die Baukommission des Bundestags einen anderen Trassenverlauf abgelehnt hatte. Er hätte die S-Bahn-Baustelle bis auf vier Meter ans Reichstagsgebäude herangerückt, die Abgeordneten fürchteten Schäden am Gebäude, jahrelangen Baulärm und Schmutz. Die S 21 ist eins der wichtigsten laufenden Projekte der Bahn. Sie soll den Berliner Hauptbahnhof mit dem Potsdamer Platz verbinden. 

Der Bahnbevollmächtigte Alexander Kaczmarek hatte noch im Mai erklärt, das Mahnmal, das nach jahrzehntelanger Auseinandersetzung vor 18 Jahren eingeweiht wurde, werde durch den S-Bahn-Bau nicht angetastet.

Das wäre es nach dem Veto des Bundestags allerdings doch – durch die Variante, die die Baustelle vom Reichstagsgebäude weg direkt unter den Gedenkort gelegt hätte. Inzwischen gibt es nach Informationen des Tagesspiegels Überlegungen beim Zentralrat der Sinti und Roma, auf jeden Fall auf den Schutz der Wasserschale zu bestehen, die die Mitte des Mahnmals bildet, und für die Zeit der Bauarbeiten einen anderen Gedenkort zu akzeptieren.

Man wolle eine einvernehmliche Lösung, hieß es dort, die „der hohen politischen und emotionalen Bedeutung des Orts“ ebenso Rechnung trage wie der Verkehrssituation in Berlin. Weil es noch kein Planfeststellungsverfahren gebe und die Arbeiten erst 2026 beginnen sollen, habe man noch etwas Zeit.

Europas größte Minderheit - und die verachtetste

Der israelische Künstler Dani Karavan, der das Mahnmal geschaffen hat, hat es allerdings als Ensemble aus Skulptur, Klang und umgebender Natur konzipiert, was einen Alternativort schwierig macht. Der 89-jährige Bildhauer drohte kürzlich, sein Werk notfalls unter Einsatz seines eigenen Körpers zu verteidigen. Und es scheint auch fraglich, ob sich die gesamte Community der Sinti und Roma – auch die europäischen Roma sind alarmiert – auch nur mit Eingriffen an der fragilen Konstruktion im Tiergarten abfinden wird.

Der israelische Künstler Dani Karavan (89) ist auf begehbare Kunstwerke spezialisiert. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Der israelische Künstler Dani Karavan (89) ist auf begehbare Kunstwerke spezialisiert. © Mike Wolff

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Bisher hatten sich etwa 20 Organisationen auch außerhalb der Minderheit unter dem Slogan „Unser Mahnmal ist unantastbar“ zusammengefunden. Auch die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) und prominente SPD-Politikerinnen engagierten sich dafür. Der „Bundes Roma Verband“ erklärte am Donnerstag, er werde dafür „kämpfen, dass das Mahnmal in der bestehenden Form bleibt und in keiner Weise angetastet wird.“ Es gebe immer weniger Zeitzeuginnen der NS-Vernichtungspolitik, umso wichtiger sei dieser Ort.

Eine halbe Million Sinti und Roma wurden Schätzungen zufolge unter dem NS-Regime ermordet. Bis in die 1980er Jahre hinein waren in der Bundesrepublik noch die Karteien und

„Rasse-Akten“ über „Zigeuner“ aus der Zeit bis 1945 in Gebrauch und setzten die Überlebenden und ihre Kinder weiterer Drangsalierung aus. In Befragungen stellt sich regelmäßig heraus, dass Europas größte Minderheit auch die verachtetste ist – bis heute mit massiven Folgen für ihre Bildungssituation, Berufschancen und politische und gesellschaftliche Teilhabe.

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