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Sachsen: Rentner warten bei einem Testlauf vor einem sogenannten rollenden Impfzentrum, einem umgebauten Linienbus. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa
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Ausgebremste Impfkampagne Das sind die Vorschläge, um mehr Menschen schneller zu schützen

Ein schnelleres Impftempo kann Öffnungen begünstigen und Risiken durch die Mutanten reduzieren. Wie könnte die Impfstrategie verbessert werden?

Das Impftempo beeinflusst maßgeblich die Lockerungsdebatte. Daher wächst der Druck auch auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem mit vielen Erwartungen überfrachteten Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch das Thema noch einmal ganz neu zu denken.

Im Gespräch sind Sonderregeln für Hotspots und den Impfstoff von Astrazeneca über das frühere Einbinden der Hausärzte bis hin zu einer längeren zeitlichen Streckung zwischen Erst- und Zweitimpfungen, um mehr Menschen mit einem Schutz zu versehen. So könnten die geplanten Öffnungen trotz der Risiken durch die Mutanten besser abgesichert werden. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten zu den aktuellen Impfvorschlägen:

Warum fordern Söder und Kretschmer eine neue Impfstrategie?

Das Virus kennt nun einmal keine Grenzen. Und Bayern wie Sachsen haben große Sorge vor der Entwicklung im benachbarten Tschechien, wo durch ansteckendere Virusvarianten wie B.1.1.7 die Sieben-Tage-Inzidenz auf 758,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gestiegen ist.

Auf deutscher Seite ist im grenznahen sächsischen Vogtlandkreis die Sieben-Tage-Inzidenz auf rund 230 gestiegen. In dem Kreis solle daher allen Erwachsenen über 18 Jahre ein Impfangebot gemacht werden, fordert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will er nun eine eigene Impfstrategie für Hotspots. „Wir wünschen vom Bund und von der EU zusätzliche Impfstofflieferungen“, sagt Söder. Dies sei wichtig, damit perspektivisch auch hier Öffnungen wieder vertretbar würden.

Kretschmer will daher die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) ergänzen lassen. Beide Bundesländer wollen auch Schnelltests und Impfdosen von Astrazeneca an Tschechien abgeben, in beiden Bundesländern arbeiten zehntausende Pendler aus Tschechien, vor allem auch im sensiblem Gesundheitssektor.

Was würde eine neue Impfreihenfolge bringen?

Der eigentliche Flaschenhals beim Impffortschritt entsteht nicht aus der Frage, wer zuerst dran ist, sondern aus der Versorgung mit Impfstoff. Wo immer eine Bevölkerungsgruppe in der Reihenfolge vorgezogen wird, rücken andere nach hinten.

Wichtig ist vor allem, dass Impfungen nicht durch bürokratische Beschränkungen verzögert oder gar verworfen werden müssen. So etwas könnte durch eine flexiblere Vergabe von Impfungen verhindert werden.

Die aktuelle Impfreihenfolge orientiert sich primär an einer Kombination aus Alter, Exposition zu dem Virus und der Gefahr von schweren Verläufen. Je älter Menschen sind, desto früher werden sie geimpft.

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Je mehr Kontakt sie zu anderen haben, vor allem zu älteren Menschen, desto weiter vorne liegen sie in der Reihenfolge. Menschen mit Grunderkrankungen, die ein hohes Risiko für schwere Verläufe bedingen, werden ebenfalls priorisiert geimpft.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, in dieser Reihenfolge auch andere Faktoren verstärkt zu berücksichtigen: Lehrpersonal etwa hat zwar vor allem zu Kindern und Jugendlichen Kontakt, doch könnten Schulen und Kindergärten sicherer geöffnet werden, wenn die Geimpften das Virus nicht mehr übertragen können.

Ist ein Freigeben von übrig gebliebenen Impfdosen mehrheitsfähig?

Bisher nicht. In anderen Bundesländern wird vor einem generellen Freigeben von übrig gebliebenen Astrazeneca-Dose gewarnt. Statt den Impfstoff für alle freizugeben, müsste jetzt überall dringend mit dem Impfen der zweiten Priorisierungsgruppe begonnen werden, also mit allen über 70-Jährigen, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften, aber zum Beispiel auch in Behinderteneinrichtungen.

In Seidewitz in Sachsen-Anhalt wird im Dorf-Vereinshaus geimpft. Foto: dpa/Hendrik Schmidt Vergrößern
In Seidewitz in Sachsen-Anhalt wird im Dorf-Vereinshaus geimpft. © dpa/Hendrik Schmidt

Söder will auch darüber reden, ob nicht jetzt schon Haus-, Betriebs- und Schulärzte vermehrt Astrazeneca verimpfen könnten, auch um zum Beispiel den Unterricht an weiterführenden Schulen sicherer zu machen.

Das Bundesgesundheitsministeriums lehnt eine generelle Freigabe der Nutzung des Impfstoffes für alle ab, das sei erst denkbar, wenn allen aktuell priorisierten Personen, etwa Lehrern und Erziehern, ein Impfangebot gemacht worden sei und genügend Impfstoff zur Verfügung stehe.

Aus mehreren Impfzentren wird derweil berichtet, dass nicht das Verschmähen des Impfstoffes das Hauptproblem sei, sondern dass nach der Impfung der Unter-65-Jährigen aus der ersten Impfgruppe nicht rasch genug die nächsten Astrazeneca-Berechtigten mit Impfterminen versorgt wurden.

Unmut gibt es bis in die Bundesregierung über die Ständige Impfkommission, die durch den Ausschluss des Vakzins für Über-65-Jährige allein aufgrund einer fehlenden Datenbasis über die Wirksamkeit in dieser Altersgruppe den Eindruck geschürt habe, der Impfstoff habe Mängel. Hinzu kam auch noch eine schlechte Kommunikation der Entscheidung. Schon in Kürze könnte die Stiko den Impfstoff auch für Ältere empfehlen, was die Akzeptanz steigern könnte.

Wie gut schützt Astrazeneca wirklich?

Der Aufbau des Impfstoffs von Astrazeneca ist ganz anders als die RNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Doch sie sind alle sicher und ähnlich gut verträglich. Wie auch die RNA-Impfstoffe schützt der Astrazeneca-Impfstoff vor schweren Verläufen von Covid-19: Unter Menschen, die trotz Impfung erkrankt waren, musste niemand im Krankenhaus aufgenommen werden.

Generell wird die Schutzwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs vom RKI mit rund 70 Prozent angegeben – das heißt, sind die Menschen geimpft, treten unter ihnen 70 Prozent weniger Fälle von Covid-19 auf, als wenn sie nicht geimpft wären.

Sind viele Menschen mit Astrazeneca geimpft, würde das die Pandemie enorm entschärfen. Zum Vergleich: Die Schutzwirkung einer Grippeimpfung liegt bei jüngeren Menschen bei bis zu 80 Prozent, bei älteren Menschen zwischen 40 und 60 Prozent.

Studien haben gezeigt, dass bei rund drei Viertel aller Geimpften nach der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff Nebenwirkungen wie Hautrötung oder Fieber auftreten können. Sie sind jedoch nur vorübergehend und klingen nach kurzer Zeit folgenlos ab.

Wäre ein größer Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung möglich?

Alle Impfungen, die bislang in der Europäischen Union zugelassen sind, müssen zweimal verabreicht werden. Beim Impfstoff von Biontech sollten drei bis sechs Wochen, beim Moderna-Impfstoff vier bis sechs Wochen zwischen erster und zweiter Dosis liegen. Beim Astrazeneca-Impfstoff werden bislang sechs Wochen empfohlen – doch es verdichten sich Hinweise darauf, dass ein längerer zeitlicher Abstand den Impfschutz verstärken könnte.

Eine Studie im Fachblatt „Lancet“ bestätigte, was der Hersteller selbst kürzlich veröffentlichte: Liegen zwölf Wochen zwischen den Dosen, verstärkt das den Impfschutz wesentlich.

Während in der Studie der Impfschutz mit einem sechswöchigen Intervall im Schnitt 55 Prozent Schutzwirkung erzeugte, waren es bei einem Abstand von zwölf Wochen rund 80 Prozent. Die Forschenden schlagen daher vor, dass die zeitlichen Abstände zwischen den Impfungen erweitert werden. So könnten mehr Menschen frühzeitig eine Impfung erhalten, die bereits einen gewissen Schutz bietet.

Warum drängen auch Politiker auf eine zeitliche Streckung der Impfungen?

Weil am Mittwoch bei den Corona-Beratungen trotz der in einigen Regionen bereits entstandenen dritten Welle eine Öffnungsstrategie für Bürger und Wirtschaft beschlossen werden soll.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert seit Wochen, den Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweitimpfung auch bei den Impfstoffen auf RNA-Basis von Biontech/Pfizer und Moderna zu strecken. Er verweist auf eine Studie der US-amerikanischen Cornell University, an der er beteiligt ist.

„Anhand der Situation und der Bedingungen in Deutschland als Referenzsystem zeigen wir, dass eine Verzögerung der zweiten Impfstoffdosis Todesfälle im vier- bis fünfstelligen Bereich verhindern könnte, sollte die Inzidenz wieder steigen“, betonen die Studienautoren.

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Zu ihnen gehört auch der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Michael Meyer-Herrmann. Schon nach der ersten Dosis sei nach zwölf bis 14 Tagen der Schutz gegen schwere Covid-19-Verläufe erheblich.

Statt also Impfdosen für die Zweitimpfung zurückzuhalten, sollten mehr Menschen erstmal nur eine Erstdosis erhalten. Nach Lauterbachs Schätzung kann diese bereits 80 Prozent der Krankenhauseinweisungen verhindern. Mehr Erstgeimpfte ermöglichen dann auch mehr Lockerungen.

Wie könnte das Impftempo zusätzlich erhöht werden?

Am Sonntag wurden in den USA knapp 2,5 Millionen Menschen geimpft, der Schnitt ist auf 1,74 Millionen Impfungen am Tag gestiegen – das ist trotz einer weit größeren Bevölkerung ein Vielfaches des Tempos in Deutschland. Hier wurden am Sonntag 107.019 Menschen geimpft, 2,5 Prozent der Bevölkerung sind bisher vollständig geimpft worden.

Immer lauter werden daher die Forderungen, verstärkt Hausärzte miteinzubeziehen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist nicht allein mit seinem Plan, die Impfverordnung anzupassen, damit Arztpraxen schon früher Impfungen vor allem für chronisch Kranke anbieten können.

Zu klären wären mit dem Bund die Details der Kostenübernahme für die Gratis-Impfungen. Zudem hapert es in vielen Bundesländern weiter bei der Organisation von Terminen und Hotlines – daher gibt es in Regierungskreisen Warnungen, dass bei einer Einbindung der Hausärzte dringend jetzt schon die Organisation dafür vorbereitet werden müsse.

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