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Ein Präsident ringt um Fassung: Joe Biden am Donnerstagabend im Weißen Haus. Foto: Jonathan Ernst/REUTERS
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Anschläge in Kabul Joe Bidens schwärzester Tag

US-Präsident Biden wollte schnell aus Afghanistan raus, um Terrorangriffe zu vermeiden. Nun wird alles noch viel schwieriger – auch für ihn. Ein Kommentar.

Aus der Krise ist endgültig eine Katastrophe geworden. Eine mit Ansage. Mindestens zwölf tote US-Soldaten und Dutzende weitere Opfer ausgerechnet unter denjenigen, die sich ohnehin schon von den Amerikanern im Stich gelassen fühlten: afghanische Zivilisten, die nach der Machtübernahme der Taliban um ihr Leben fürchten. Für US-Präsident Joe Biden ist dieser 26. August 2021 damit der schwärzeste Tag in seiner sieben Monate dauernden Amtszeit.

Biden wollte genau diese Horrornachrichten vermeiden. Deshalb hat er sich dem Flehen der alliierten Partner widersetzt und stur daran festgehalten, den Abzug aus Afghanistan bis zum 31. August durchzuziehen. In diesem Fall haben sich die Prognosen seiner Geheimdienste auf tragische Weise bewahrheitet.

Die Dienste hatten konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Terrorgruppe IS Selbstmordattentate auf den Kabuler Flughafen und die dort auf Ausreise Wartenden plante. Dieser chaotische Ort der letzten Hoffnung war ein allzu verlockendes Anschlagsziel.

Darum wollte der US-Präsident seine Truppen nicht einen Tag länger am Hindukusch lassen als unbedingt nötig.

Der Abzug ist noch nicht vorbei

Ihm war klar, dass es am Ende eines solch langen Einsatzes, des allerlängsten in der amerikanischen Geschichte, am gefährlichsten wird: Ein Abzug endet selten sauber.

Nur: Dieser Abzug ist noch nicht vorbei. Noch wollen rund 1000 Amerikaner – ganz zu schweigen von Zigtausenden Afghanen – evakuiert werden, und dann muss auch noch das verbliebene Militär selbst das Land verlassen.

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All das wird nach diesem Donnerstag nun noch schwieriger, als es ohnehin schon der Fall war. Dazu kommt die Versorgung von Hunderten womöglich Schwerverletzten.

Jetzt doch wieder mehr US-Soldaten?

Schon werden Rufe laut, die Kräfte vor Ort müssten verstärkt, der ohne Not viel zu früh aufgegebene Stützpunkt Bagram zurückerobert werden. Nur so ließe sich der weitere Erfolg der Luftbrücke sicherstellen, argumentiert etwa der republikanische Senator Lindsey Graham.

Man muss Graham nicht unterstellen, dass er dem demokratischen Präsidenten das Leben besonders einfach machen will. Aber dass die frühe und fluchtartige Räumung von Bagram ein Fehler war, sagen nicht nur Gegner des Präsidenten.

Dass Biden solchen Aufforderungen Folge leisten wird, ist eher unwahrscheinlich. Der 78-Jährige war schon lange nicht mehr vom Sinn dieses Einsatzes überzeugt, er will das Kapital Afghanistan unbedingt abschließen.

Die Angst vor dem IS

Aber was ist, wenn sich das Kapitel einfach nicht schließen lässt? Wenn der IS nun – und genau dem sollten die Terroranschläge ja wohl dienen – so richtig in das afghanische Machtvakuum vorstößt?

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Biden hat argumentiert, dass das Terrorgeschwür metastasiert habe und nicht mehr hauptsächlich von Afghanistan aus die USA bedrohe. Um es zu bekämpfen, brauche man keine dauerhafte Präsenz an weit entlegenen Orten. Sondern die USA müssten immer dort laserscharf eingreifen, wo es besonders wuchere.

Mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre ist das nicht falsch. Aber wie gefährlich ein „failing state“ werden kann, wissen die Amerikaner. Der Donnerstag könnte der Auftakt einer noch viel größeren Katastrophe werden.

In zwei Wochen jähren sich die Anschläge von 9/11 zum 20. Mal. Für Biden, der am 11. September 2021 eigentlich das Ende des „endlosen Kriegs“ feiern wollte, wird das nun ein sehr schwieriger Tag.

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