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Recep Tayyip Erdogan (R) und der seinerzeitige Vizepräsident der USA, Joe Biden, im Jahr 2016. Foto: REUTERS
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Amerikanisch-türkisches Verhältnis Ausgerechnet Biden wird Erdogans Retter

Warum der türkische Präsident Erdogan trotz aller Differenzen auf US-Präsident Biden angewiesen ist. Eine Analyse.

Recep Tayyip Erdogan braucht Hilfe. Die türkische Wirtschaft steckt in der Krise, außenpolitische Partner sind rar. Retter in der Not soll nun ausgerechnet US-Präsident Joe Biden sein, der seinen türkischen Kollegen als Autokraten kritisiert und ihn seit seinem Amtsantritt im Januar auf Distanz gehalten hat.

An diesem Montag kommen die beiden Präsidenten zu ihrem ersten persönlichen Treffen als Staatsoberhäupter zusammen. Erdogan hofft auf den Beginn einer „neuen Ära“ zwischen den beiden Nato-Partnern. Doch der Weg wird von vielen Differenzen zwischen Ankara und Washington versperrt.

Erdogan setzt dennoch große Erwartungen in das Gespräch am Rande des Nato-Gipfels in Brüssel. Mehrmals hat er in den vergangenen Wochen seinen Willen zu guten Beziehungen mit den USA bekundet. Doch noch vor einigen Monaten klang das ganz anders. Im Februar warf der türkische Präsident den Amerikanern „Terror-Unterstützung“ vor, weil die USA in Syrien mit der Kurdenmiliz YPG zusammenarbeiten, dem syrischen Ableger der PKK.

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Damals beschwerte er sich auch über die Weigerung der US-Behörden, den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen an die Türkei auszuliefern. Erdogan betrachtet Gülen als Drahtzieher des Putschversuches von 2016, doch die USA sagen, die Türkei habe keine Beweise dafür vorgelegt.

Streit gibt es ebenfalls über die Lieferung des russischen Flugabwehrsystems S-400 an die Türkei. Damit schade Ankara der Nato, sagen die Allianz und die USA. Die USA wollen der Türkei wegen der S-400 keine modernen Kampfflugzeuge des Typs F-35 liefern, obwohl Ankara an der Entwicklung des Jets beteiligt war. Die Biden-Regierung rügt zudem Erdogans Autokratie.

Türkei verschreckt Investoren

Die Dauerkrise in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verschlimmert die Wirtschaftskrise in der Türkei, weil sie Investoren verschreckt. Ähnlich wie im Verhältnis zur EU, um dessen Normalisierung sich Erdogan seit einem halben Jahr bemüht, sendet die Ankara deshalb seit einiger Zeit versöhnliche Signale nach Washington.

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Selbst als Biden im April als erster US-Präsident die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnete und die Türken damit gegen die USA aufbrachte, blieben die Reaktionen aus Ankara sehr zurückhaltend.

Kurz vor dem Treffen mit Biden bot Erdogans Regierung den USA an, die Türkei könne nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan den Flughafen der Hauptstadt Kabul militärisch sichern. Auf diese Weise will die Türkei zeigen, dass sie für den Westen wertvoll ist.

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Erdogan wolle in Brüssel den Eindruck zerstreuen, dass es zwischen der Türkei und der Biden-Regierung keinen Dialog gebe, schrieb Kolumnist Sedat Ergin in der Zeitung „Hürriyet“. Zudem hofft Erdogan auf einen guten persönlichen Draht zu Biden, den er seit Jahren kennt.

Weil inhaltliche Fortschritte auf den diversen Problemfeldern unwahrscheinlich sind, ist für den türkischen Präsidenten eine positive Symbolik umso wichtiger. Ein harmonisches Treffen wäre ein wichtiges Signal an internationale Investoren, glaubt Ergin. Präsident Erdogan brauche in Brüssel vor allem eines: „eine Erfolgsstory“.

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